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8.225353 - STRAUSS FAMILY: Favourite Dances (Vienna Johann Strauss Orchestra, Wildner)
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Johann Strauss I (1804−1849) Radetzky-Marsch, op. 228
Johann Strauss II (1825−1899) Der Zigeunerbaron: Overture • Geschichten aus dem Wienerwald, Waltz, op. 325 • Annen-Polka, op. 117 • Unter Donner und Blitz, Polka, op. 324 • Maskenball-Quadrille, op. 272 • An der schönen blauen Donau, Waltz, op. 314 • Champagner-Polka, op. 211
Josef Strauss (1827−1870) Dynamiden Waltz, op. 173 • Jokey-Polka, op. 278 • Auf Ferienreisen!, Polka, op. 133

 

Johann Strauss wurde 1804 in Wien geboren; ab 1816 ging er bei einem Buchbinder in die Lehre. Er fand eine Anstellung als Geiger in einem Tanzorchester unter Michael Pamer und als Bratschist in einem von Joseph Lanner gegründeten Ensemble. Das Ensemble entwickelte sich vom Quartett zum Streichorchester, das so populär wurde, dass Strauss zunächst ein zweites Orchester von Lanner leitete und sodann 1825 sein eigenes Tanzorchester gründete. Sein ältester Sohn, Johann Strauss II (geboren 1825), wurde der berühmteste und dauerhaft erfolgreichste Unterhaltungskomponist des 19. Jahrhunderts; er entwickelte den klassischen Wiener Walzer zu einer solchen Vollendung, dass dieser sich neben dem Ballsaal auch auf dem Konzertpodium etablierte. Der zweite Sohn von Johann Strauss I, Josef, wurde am 20. August 1827 in Wien geboren. Nach seiner Schulzeit studierte er Maschinenbau und begann eine Laufbahn als Bauzeichner und Bauleiter, gab diesen Berufsweg jedoch schon bald auf und wurde vollzeitiges Mitglied des musikalischen „Familienunternehmens“.

Für die Komposition des Zigeunerbarons nahm Johann Strauss sich mehr Zeit, als er gewöhnlich für seine Bühnenwerke aufgewandt hatte. In diesem Zeitraum entwickelte das Projekt sich von der ursprünglich geplanten ungarischen komischen Oper zu einer österreichischungarischen Operette. Die Ouvertüre zum Zigeunerbaron, deren Uraufführung am 24. Oktober 1885 im Theater an der Wien gegeben wurde, enthält Musik aus den ersten beiden Akten der Operette. Die Orchesterpassagen Allegro moderato und Andantino finden sich im Finale des Ersten Akts, während das Allegro moderato dem Trio für Saffi, Czipra und Barinkay im Zweiten Akt entnommen ist. Das auf ein melodramatisches Intermezzo folgende Tempo di Valse ist das wichtigste Walzerthema im Finale des Zweiten Akts. Zigeunerrhythmen dominieren die das Stück beschließenden Allegro-Abschnitte. Die Ouvertüre zum Zigeunerbaron wurde rasch zum festen Bestandteil des Wiener Konzertrepertoires und hat diese Rolle berechtigterweise bis heute behaupten können.

Der Walzer Geheime Anziehungskräfte (Dynamiden), den Josef Strauss für den Industriellenball des Jahres 1865 schrieb, begibt sich auf ein Gebiet, auf dem die Tanzmusik sich normalerweise nicht tummelte. Vielleicht lag es am Titel, dass die traditionelle Walzerform hier bis an die Grenzen der sinfonischen Musik vorstieß: Der Titel Geheime Anziehungskräfte, auch Dynamiden genannt, ging auf eine Anregung des Maschinenbau-Ingenieurs J. F. Redtenbach zurück.

Die Annen-Polka op. 17 entstand 1852, dem Jahr, in dem Strauss zum ersten Mal beim Wiener Hofball als Dirigent auftrat. Das Werk sollte sich während seines London- Aufenthalts 1867 als der beliebteste seiner Tänze erweisen. Anlass für die Entstehung dieser Komposition war das Namensfest der Heiligen Anna am 26. Juli des Jahres 1852—einer der beliebtesten Feiertage im Wiener Kalender; allerdings präsentierte Johann Strauss seine neue Komposition bereits zwei Tage eher, am 24. Juli, während einer festlichen Freiluftveranstaltung.

Josef Strauss hatte sein Lebens lang eine Vorliebe für Pferderennen. Die Premiere der Jokey-Polka war für einen Wohltätigkeitsball des Strauss-Orchesters am 17. Februar 1870 in den Blumenhallen der Gartenbaugesellschaft versprochen. Man kann sich vorstellen, wie die Tänzer bei diesem Anlass in Raserei gerieten, als sie im Takt der treibenden Rhythmen dieser Polka herumwirbelten. Einen weiteren Triumph erlebte die Jokey-Polka anlässlich der Karnevalsrevue des Strauss-Orchesters am 13. März 1870 in der Wiener Musikgesellschaft: Bei dieser Gelegenheit traten alle drei Strauss-Brüder im überfüllten Goldenen Saal auf und präsentierten dem Publikum persönlich ihre neuen Werke.

Die dekorative erste Klavierausgabe von Johann Straussʼ betörendem Walzer Geschichten aus dem Wienerwald op. 325 enthält die respektvolle Widmung des Komponisten an Seine Hoheit Fürst Constantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst, und das Werk erlebte seine Welturaufführung höchstwahrscheinlich im Sommer 1868 im Rahmen einer privaten Soiree im aus dem 16. Jahrhundert stammenden Palast des Fürsten im Wiener Augarten. Einen besonders starken Eindruck hinterließ die ausgedehnte, sich über 122 Takte erstreckende Einleitung des Walzers, eine bukolische Tondichtung auf die Landschaft des Wienerwaldes, des bewaldeten Alpenvorlands nordwestlich von Wien. Es ist daher umso verwunderlicher, dass der Komponist selbst niemals Wanderungen im Wienerwald unternahm; tatsächlich fürchtete er sich Zeit seines Lebens davor, selbst die moderatesten Hügel zu erklimmen! Strauss betont die engen Verbindungen zwischen dem Wiener Walzer und der bäuerlichen Musik Niederösterreichs mittels der Verwendung einer Zither (die in dieser Einspielung durch ein fakultatives Streichensemble ersetzt wurde) und typischer Ländler-Rhythmen in der Einleitung und Coda.

Unter Donner und Blitz wurde 1868 für den alljährlichen Hesperus-Ball geschrieben und beschwört das im Titel angekündigte Gewitter mithilfe der Schlaginstrumentengruppe herauf. Donnernde Paukenwirbel und blitzende Zimbeln repräsentieren die entfesselten Elemente über einem humorvollen und heiteren Werk.

Die Maskenball-Quadrille (eine Quadrille über Themen aus Verdis Un ballo in maschera) op. 272 illustriert die wichtige gesellschaftliche Rolle, die das Strauss-Orchester erfüllte, indem es in seine Werke Ausschnitte aus Opern integrierte, die anzuhören viele der Zuhörer sich sonst vielleicht nicht die Mühe gemacht hätten. Die Komponisten der Strauss-Familie zeigten besonderes Geschick darin, Melodien aus zeitgenössischen Opern zu Quadrillen umzuarbeiten, die in den Ballsälen des 19. Jahrhunderts zu den beliebtesten Tänzen zählten. Auf diese Weise verfuhren sie auch mit Giuseppe Verdis Oper Un ballo in maschera. Die Oper kam zuerst am 17. Februar 1859 am Teatro Apollo in Rom auf die Bühne, in Wien fand allerdings erst nahezu acht Jahre später eine vollständige Inszenierung statt. Diesem Anlass kam Johann Strauss jedoch zuvor, als er am 21. Dezember 1862 im Wiener Volksgarten die erste Aufführung seiner Quadrille über Themen aus Verdis Oper präsentierte.

Auf Ferienreisen! verband sich für Josef Strauss mit einer ganz persönlichen Geschichte. In der Karnevalszeit des Jahren 1863 hatten die Ärzte seinem Bruder Johann aufgrund seiner starken Depressionen jegliche geistige Erregung verboten—auch das Komponieren. Josef vertrat ihn daher und lieferte sämtliche Widmungskompositionen für den prachtvollen Studentenball, der am 11. Februar des Jahres in den Redoutensälen der Hofburg veranstaltet wurde. Die Studenten der Wiener Universität hatten einen Verein für die Kranken gegründet, dessen Ziel es war, bedürftigen Studenten die notwendigen Mittel zur Genesung und Erholung zukommen zu lassen. Die Ziele, die dieser Verein sich gesetzt hatte, und die geplante Verwendung der beachtlichen Erlöse, die man sich von dem Ball versprach, erklären den Titel und die Form der Komposition, die Josef Strauss den Studenten widmete. Ein fröhlicher Trompetenruf signalisiert den Beginn, und im weiteren Verlauf bearbeitete Strauss Studentenlieder (Edite, bibite) sowie Melodien eigener Erfindung, wie es sich für ein echtes Strauss-Werk ziemt.

Im Sommer oder Herbst des Jahres 1866 begann Johann Strauss im Auftrag des hochangesehenen Wiener Männergesang-Vereins, Themen für einen Chorwalzer zu skizzieren, seinen ersten, der schließlich den Titel An der schönen blauen Donau tragen sollte (op. 314). Zunächst präsentierte Strauss dem Verein einen vierstimmigen unbegleiteten Chor bestehend aus vier Walzern ohne Einleitung und mit einer kurzen Coda. Der „Hausdichter“ der Vereins, Josef Weyl, schrieb zu diesen vier Walzern und der Coda sodann einen Text, in dem er teils geistreich, teils satirisch oder ironisch Bauern, Finanziers, Bauarbeiter, Hauswirte, Künstler und Politiker aufforderte, ihre Sorgen bei den Karnevalsfeiern fortzutanzen. Weyl hatte seinen Text bereits verfasst, als Strauss einen fünften Walzerabschnitt ablieferte, der den Dichter zwang, rasch noch Änderungen vorzunehmen. Es sei darauf hingewiesen, dass in Weyls Text keinerlei Hinweise auf die Donau zu finden sind. Erst kurz vor der Erstaufführung am 15. Februar 1867 wurde beschlossen, den neuen Walzer mit einer Orchesterbegleitung auszustatten. Strauss kam diesem Wunsch nach und ergänzte die wunderschöne schillernde Einleitung, an der das Werk heute in der ganzen Welt sofort erkannt wird.

Angeregt von Straussʼ wachsender Popularität veröffentlichte Anton Diabelli 1828 einige frühe Kompositionen von Johann Strauss II, die er in seinem Archiv aufbewahrt hatte. Er druckte zunächst den Champagner-Galopp op. 8 und anschließend den Champagner-Polka. Die Orchestrierung ist einfach, sie besteht lediglich aus einer Flöte, zwei Klarinetten, zwei Hörnern, einer Trompete, drei Violinen und Bass. Die Melodien sind gefällig und haben den Schwung, der auch weiterhin seine Kompositionen auszeichnete und durch den er zu Weltruhm gelangte.

Den Radetzky-Marsch op. 228 schrieb Johann Strauss der Ältere 1848, ein Jahr vor seinem Tod. Der Komponist dirigierte die Erstaufführung am 31. August 1848 in Wien bei einem großen öffentlichen Fest anlässlich des Sieges des kaiserlichen Heeres unter Feldmarschall Johann Josef Wenzel, Graf Radetzky von Radetz, über die italienische Armee bei Custozza. Es heißt, er habe den Marsch innerhalb von nur zwei Stunden geschrieben. Bearbeitet nach Texten von

Keith Anderson (Einleitung, Track 6),
Peter Kemp (Tracks 1, 3, 5, 7, 9, 11)
und Franz Mailer (Tracks 2, 4, 8, 10)
Übersetzung: Stephanie Wollny

Die Neue Johann Strauss Gesamtausgabe der Wiener Strauss Edition

Begründet durch den Umstand, dass die Wurzeln der Musik der Strauss-Familie tief in der Unterhaltungsmusik und Volksmusik Wiens liegen, ist die Quellenlage sehr schwierig. Je nach Zeitgeschmack haben die einzelnen Stücke mehr oder weniger Modifikationen und Veränderungen hinnehmen müssen, oft wurden sie gekürzt und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und damit ihrer musikalischen Aussage beraubt; auch der emotionale Gehalt wurde häufig pervertiert. Seit vielen Jahren arbeitet der Wiener Musikwissenschaftler, Dirigent und Komponist Michael Rot an der kritischen Edition des Gesamtwerkes von Johann Strauss, welches von der Strauss Edition Wien, einer Abteilung der Verlagsgruppe Hermann, herausgegeben wird. Die vorliegende CDProduktion folgt dieser ersten wissenschaftlichen Ausgabe der Werke von Johann Strauss.

Johannes Wildner


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