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8.550776 - JOHNSON: Lute Music
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John Johnson (ca

John Johnson (ca.1550 - 1594)

Lautenmusik

Wie die meisten englischen Hofmusiker begann John Johnson seine Laufbahn als Lehrling eines Musikers, der an einem bedeutenden Adelshof angestellt war — in seinem Fall vermutlich beim Earl of Leicester. Eine solche Lehrzeit dauerte normalerweise sieben Jahre, und wahrscheinlich begann er sie in den frühen 1560er Jahren. In einem überlieferten Lehrlingsvertrag dieser Art, und zwar mit einem Lautenisten einer späteren Generation, Daniel Bachelar, wird das Alter des Jungen mit sieben Jahren angegeben, was durchaus nicht ungewöhnlich war. Dieses Ausbildungssystem war wichtig für einen Musiker aus niederen Verhältnissen, dessen Berufsziel der Posten eines Hofmusikers war, denn es sorgte für die nötigen Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten, die sonst selbst für einen talentierten Jungen unerreichbar gewesen wären.

Im Jahre 1577 erhielt Johnson als einer der ‚Musiker ihrer Majestät für die drei Lauten‘ eine königliche Anstellung. Gemeinsam mit Mathias Mason und Thomas Cardell, die ungefähr zur selben Zeit ihren Dienst antraten, war Johnson einer der ersten englischen Lautenisten, denen diese königliche Ehre zuteil wurde. Die Zahl der von Elisabeth I. in dieser exklusiven Funktion engagierten Musiker stieg zuweilen auf sechs oder sieben, daneben gab es zusätzliche Posten mit unterschiedlichen Aufgaben für andere Lautenisten. Für spezielle Gelegenheiten wie die Aufführungen von höfischen Masques engagierte man zweifellos noch weitere Lautenisten von außerhalb. Johnsons Anstellung bei Hof fiel demnach in die Blütezeit seines Instruments.

Johnsons Lautenspiel muss außergewöhnlich gewesen sein, aber seine historische Bedeutung verdankt er natürlich in erster Linie der Qualität seiner Kompositionen. Obwohl von Landsleuten vor ihm einige hervorragende Werke überliefert sind, darf er als der erste Vertreter des Goldenen Zeitalters der englischen Lautenschule gelten, dessen Höhepunkt mit dem Werk John Dowlands (1563-1626) erreicht wurde. Johnson verschmolz den vorherrschenden italienischen Stil mit dem eher idiosynkratischen englischen Geschmack und schuf so ein Oeuvre von großer Bedeutung. Seine Musik ist, meist anonym, in Manuskripten aus ganz Europa überliefert — obwohl Johnson England vermutlich nie verließ —, und zwar in einer Fülle, die nur von John Dowland übertroffen wurde.

Die Formen und Idiome des Goldenen Zeitalters der Lautenmusik existierten bereits, als Johnson seine Karriere am Hof der Königin begann. Abgesehen von einigen Ausnahmen, komponierten englische Lautenisten keine kunstvollen kontrapunktischen Fantasien wie ihre italienischen Zeitgenossen, ebensowenig wie sie sich anscheinend für die Übertragung von Vokalmusik auf die Laute interessierten. Vielmehr war die Grundlage ihres Repertoires die Tanzmusik: Pavanen, Galliarden und Allemanden. Solche Tanzformen waren im Ausland entstanden, und viele von ihnen waren lediglich englische ‚Übersetzungen‘ von Tänzen, die in ganz Europa verbreitet waren. Jeder Tanz enthielt eine sofort erkennbare Harmoniefolge, die in etwa mit der Folge der Tanzschritte übereinstimmte. Am weitesten verbreitet waren die beiden Typen des passamezzo: der ‚antico‘, den die Engländer Passingmeasures Pavan nannten (£ in dieser Einspielung) und seine ‚moderno‘ Variante, aus der die englische Quadro Pavan @ entstand. Bei diesen beiden Vertonungen scheint es sich um Frühwerke Johnsons zu handeln, deren ‚divisions‘ [ein in England gebräuchlicher Terminus u.a. für das figurative, virtuose Unterteilen einer Grundmelodie in kürzere Noten] er einen ausgesprochen englischen Charakter verlieh, der an frühe englische Traditionen des Lautenspiels erinnern mag.

Johnsons Meisterschaft im Komponieren derartiger ‚Divisionen‘ war zweifellos eine direkte Folge seiner Erfahrung als ausübender Musiker. Die traditionelle italienische Praxis bestand darin, dass zwei Lautenisten als ‚Team‘ zusammenarbeiteten: der ‚tenorista‘ spielte den lang ausgehaltenen Tenor oder andere tiefere Stimmen eines bekannten Liedes, einer Motette oder eines Tanzes, während der ‚discantor‘ im hohen Register eine atemberaubende Aufeinanderfolge kurzer Noten produzierte. Aus dieser Duotradition entstand in England ein eigener Stil der Ensemblemusik, der teilweise für die lang anhaltende Vorliebe für ‚divisions upon a ground‘ [Divisionen über einer Grundmelodie] verantwortlich war, die bei Berufs- und Amateurmusikern noch bis eineinhalb Jahrhunderte nach Johnsons Tod anhielt. Der kontrapunktische Tenor der italienischen Tradition wurde im englischen Lauten-Duo durch eine wiederholte Akkordfolge, einen harmonischen ‚ground‘, ersetzt, über dem der Diskantspieler Variationen von zunehmender Geschwindigkeit und Schwierigkeit spielt. Das Genre der ‚divisions on a ground‘ wurde später von Gambisten, Blockflötenspielern und, im siebzehnten Jahrhundert, von Violinisten imitiert und entwickelte sich zu einem außerordentlich wichtigen Element der englischen Musikpraxis.

Die Engländer liebten Variationstechniken aller Art, und nahezu jeder Instrumentalkomponist, der auf sich hielt, produzierte entsprechende Beispiele. Johnson war ein großer Meister dieses Stils, und seine ‚Divisionen‘, sowohl in Duo- als auch in Solowerken, vereinen die Virtuosität eines hervorragenden Interpreten mit der Meisterschaft und dem dramatischen Gespür eines erfahrenen Komponisten. Italienische Themen bildeten die Basis für die meisten seiner Lauten-Duos, u.a. die Short Almaine 4 und Rogero 6, die beide über Versionen des harmonischen Musters des Ruggiero gebaut sind, Chi passa $, das auf einem beliebten mehrstimmigen Lied, ‚Chi passa per questa strada‘ basiert, oder La Vecchia Pavan und ihre Galliarde % & ^, eine Adaptation des bekannten, erstmals 1578 veröffentlichten Passamezzo la Paganina. Letzteres, ein Produkt aus Johnsons Reifezeit, zeigt den Trend hin zur Gleichberechtigung der beiden Spieler, die sich nun die Aufgaben von Begleiter und Solist teilen, z.B. in der Flat Pavan and Galliard 5 & 6. Es ist Johnsons Meisterwerk in diesem Genre; der merkwürdige Titel geht auf die Molltonart des Stücks mit ihren b-Vorzeichen [engl. ‚flats‘] in der musikalischen Notation zurück. Das Stück verleiht dem Duo-Medium eine in der normalen Virtuosenpraxis der Zeit unübliche Atmosphäre englischer Melancholie. Selbiges trifft auf die erste der beiden hier eingespieleten Dumps 5 & ™ zu, die sich beide der einfachsten Grundthemen bedienen und deren zweite sich ungeniert in der Fingerfertigkeit des Solisten ergeht.

Eine weitere englische Tradition manifestiert sich im abschließenden Duo mit dem Titel Goodnight °. Dieses frühe Werk ist die Vertonung eines weit verbreiteten Themas, dessen Ursprung möglicherwerweise ein populäres Lied war. Englische Lieder und Balladenmelodien waren eine dauerhafte Inspirationsquelle für Vertreter des Goldenen Lautenzeitalters. The Carman’s Whistle 3 wurde ebenfalls von William Byrd für Virginale vertont, während Walsingham ¢ zu den beliebtesten überhaupt zählte. Viele dieser Melodien brachten es in ganz Europa zu Bekanntheit, und zwar durch reisende englische Theatergruppen, die vor allem in Deutschland populär waren. In ihrem Reisegepäck befand sich vermutlich auch Johnsons Solomusik für Laute wie z.B. die weithin bekannte Delight Pavan 1 und die Marigold Pavan &, die jedoch nur in einer einzigen Kopie aus Königsberg überliefert ist, wo englische Komödianten häufig auftraten.

John Johnson, der Lieblingslautenist Elisabeths I., starb im Jahre 1594, als das Goldene Lautenzeitalter seinen Höhepunkt erreicht hatte.1613 erschien die erste Sammlung von Virginalmusik, Parthenia, anlässlich der Hochzeit der Tochter von James I. im Druck. Neben Musik von William Byrd, John Bull und Orlando Gibbons erscheint ein anonymer Galiardo, bei dem es sich um eine Bearbeitung für Tasteninstrument von Johnson’s Jewel ! handelt. Obwohl also Johnsons Name schon bald nach seinem Tod vergessen war, sollte ihn sein musikalischer Einfluss überdauern.

Tim Crawford © 2003

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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