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8.550792 - BALAKIREV: Symphony No. 1 / Islamey / Tamara
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Mili Balakirew
Symphonie Nr. 1 / Islamey / Tamara


An den Rändern Mitteleuropas vollzieht sich irn Laufe des 19. Jahrhunderts ein Ernanzipationsprozeß von außerordentlicherTragweite. Die zentrale Bedeutung der deutsch-österreichischen, italienischen und französischen Musik weicht ganz allmählich einer Selbsttindung, die sich - zeitlich versetzt - allerorten nachweisen läßt.

In Rußland bringt der hochbegabte Amateurkomponist Mikhaï1 Glinka seine Opem "Ruslan und Ludmilla" und "Ein Lebenfürden Zaren" aufdie Bühne, die sich so drastisch von der vorherrschenden italienischen Mode unterscheiden, daß das große Publikum recht verständnislos reagiert: "Da könne man sich ja gleich seine Bauern auf dem Lande anhören und brauche nicht ins Theater zu gehen." lautete die allgemeine Ansicht.

Doch der Funke hatte gezündet. Mili Balakirew, ein Originalgenie voller Ideen und Tatendrang, wird dem Vater der russischen Nationalmusik vorgestellt. Von Glinka ermutigt und gefördert, ister bald schon eine derwesentlichsten geistigen Kräfte, die zur Formierung des "Mächtigen Häufleins" führen: zunächst César Cui, dann Modest Mussorgsky und Alexander Borodin und schließlich - der jüngste von allen - Nikolai Rimsky-Korssakoff bilden die Gruppe musikalischer "Revolutionäre", die auf der Grundlage des russischen Volksguts ihre neuen Werke schreiben.

Geboren wurde Mili Balakirew am 2. Januar 1837 in Nischni-Nowgorod. Seine früheste musikalische Ausbildung erhielt er von seiner Mutter, dann kam er in die Hände professioneller Künstler. Voller außerordentlicher Lernbegierde studierte er in Kasan Mathematik, überdies "fraß" er sich durch die Bibliothek seines Förderers Alexander Uliblschew - so daß er schließlich als "gebildeter Mann" neben dem Enthusiasmus auch über den notwendigen geistigen Hintergrund verfügte, um seine selbstgestellten Aufgaben zu lösen.

Dazu gehörten nicht nur kompositorische, sondern auch pädagogische Taten. Zusammen mit dem Komponisten Gawril Lomakin und dem Schriftsteller Vladimir Stassow gründete Balakirew 1862 die St. Petersburger Musikfreischule, in der begabte Kinder einfacher Leute ohne Gebühren unterrichtet wurden. Hier trat er auch als Dirigent in Erscheinung, um das Publikum mit den neuesten Werken bekannt zu machen.

Balakirews dirigentische Tätigkeit beschränkte sich nicht auf die Musikschule. 1866/67 stellte erin Prag Opernvon Mikhail Glinka vor. Von 1867-1869 1eitete er die Symphoniekonzerte der Kaiserlich Russischen Musikgesellschaft, und von 1883-1895 war er Leiter der Hofsängerkapelle.

Von großer Bedeutung waren die drei Reisen, die Mili Balakirew 1862, 1863 und 1867 in den Kaukasus unternahm. Nach 1895 zog er sich von allen Ämtern zurück, um sich nur noch der Komposition neuer und der Revision älterer Werke zu widmen. Mili Balakirew starb am 29. Mai 1910 in St. Petersburg.

Mit der Arbeit an seiner ersten Symphonie C-dur begann Balakirew im Jahre 1862. Sein Schüler Nikolai Rimsky-Korssakoff erinnert sich daran, daß das Werk imwesentichen 1867vollendetwar. Dennoch dauerte es drei Jahrzehnte, bis der Komponist den Feinschliff abgeschlossen hatte. Die Symphonie ist viersätzig nach klassischem Vorbild. Schon in der langsamen Einleitung breitet sich die schwermütige Atmosphäre aus, die so typisch russisch ist wie alles, was folgt: das auf russische Themen komponierte Allegro, das Scherzo mit seinem Elfenspuk à la Mendelssohn, das Andante, dessen Eingangsmelodie Balakirew im Kaukasus notierte, und schließlich das furiose Finale, das mit dem Lied "Scharlatarla aus Partarla" beginnt und sich zu einer gewaltigen symphonischen Steigerung entwickelt.

Die orientalische Fantasie "Islamey" (1869) wurde schon früh zu einem Schlachtroß der Pianisten, nicht zuletzt dank der Förderung, die ihr Franz Liszt angedeihen ließ. Und tatsächlich ist Balakirew hier ein Virtuosenstück besten Kalibers gelungen. Zunächst wird ein aus dem Kaukasus stammendes Motiv kunstvoll variiert; im ruhigen Mitteiteil verwendet der Komponist ein Volkslied von der Krirn; dann wird der stürmische Variationsteil wieder aufgegriffen. (Serge Michalowitsch Liapunow hat das Klavierstück für Orchester bearbeitet; in dieser Version ist es hier zu hören.)

Die symphonische Dichtung "Tarnara" aus den Jahren 1867-1882 beruhtauf einer Verserzählung des russischen Dichters Mikhail Lermontow (1814-1841) namens "Der Dämon". Dieser Dämon, der Geist der Verbannung, schwebt über der Erde, ein einsamer Herrscher in einer sinnlosen Welt. Er erinnert sich seines himmlischen Ursprungs, und diese Erinnerung führt ihm ständig die Nichtigkeit seiner Existenz vor Augen. In der Liebe zu Tarnara, einer jungen Grusinierin, hofft er das Böse und damit sich selbst zu überwinden. So entsagt er seinem zerstörerischen Tun, doch selbst durch das Mitleid des Mädchens ist er nicht zu erlösen: Sie stirbt an seinem Kuß und wird dem Dämon von oen Engeln des Himmels entrissen.

@ 1994 Cris Posslac


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