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8.550847 - TCHAIKOVSKY: String Quartets, Vol. 1
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Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893): Streichquartette, Folge 1

 

Peter Iljitsch Tschaikowsky war ein einsamer, ein eigenartiger Mensch. Sein Leben gleicht einem Roman, weshal es einige nicht unversucht ließen, seinen Charakter zu deuten. „Ich konnte das alles beschreiben; nichts war mir fremd…Seine neurotische Unrast, seine Komplexe und seine Ekstasen, seine Ängste und seine Aufschwünge, die fast underträgliche Einsamkeit, in der er leben mußte, der Schmerz, der immer wieder in Schönheit verwandelt sein wollte“, schrieb Klaus Mann, der ergriffen von Tschaikowskys Lebenstragik einen Roman über ihn verfaßte („Symphonie Pathétique“, 1935).

Doch wer war Peter Iljitsch Tschaikowsky wirklich, wer war dieser zarte, übermäßig empfindsame Mensch, den schon sein Kindermädchen ein „Porzellankind“ nannte? Halten wir uns an die Fakten: Geboren wurde er am 7. Mai 1840 in Wotkinsk im fernen Ural. Sein Leben war zunächst für die juristische Laufbahn bestimmt, wie sich das für Söhne aus guten Bürgerhäusern gehörte. Amüsante Anekdoten indes berichten, wie ungeeignet er für die Beamtenlaufbahn war. Zugleich war seine außerordentliche musikalische Begabung hervorgetreten. Ein Freund regte den immerhin schon Dreiundzqanzigjährigen zu ernster Beschüftigung mit der Musik an. Aus dem Schüler, der 1863 das Petersburger Konservatorium besuchte, wurde bald ein Lehrer am Tochterinstitut zu Moskau.

Eine wohlhabende Witwe, Nadeschda von Meck, erlöste ihn von den Härten der Musikerlaufbahn und unterstützte ihn freigebig. Ihrer beider Briefe sind Ausdruck aller Enzückungen eines Liebespaares, doch under den Liebespaaren der Weltgeschichte sind sie eines der merkwürdigsten: Selbst als beide einige Wochen in Florenz verbracten, sahen sie sich höchstens von weitem, ohne ein Wort miteinander zu spreschen. Tschaikowsky, der homosexuell war, dürfte die Begegnung mit der hochverehrten Dame gefürchtet haben.

Doch bevor der wirtschaftliche Segen sich einstellte, mußte der einunddreißigjährige Tschaikowsky, damals ein schlecht besoldeter Harmonielehrer am Konservatorium, sich nach anderen Einkunftsmöglichkeiten umsehen. Und so beschloß er, am 28. Februar 1871 in Moskau ein Konzert mit eigenen Kompositionen zu veranstalten.

In diesem Zusammenhang steht auch sein erstes Streichquartett in D-Dur op. 11. Tschaikowsky legt hier eine eindrucksvolle Beherrschung in Form und Klangstruktur an den Tag. Zugleich entstand ein unbefangaenes und sehr musikatisches Werk. Spielend wird im ersten Satz (Moderato e semplice) mit der Sonatenform gearbeitet. Zwei musikalische Hauptgedanken bestimmen den musizierfreudigen Satz: ein synkopiertes, liedhaftes Thema im 9/8-Takt (Vortragsanweisung: dolce e semplice) und ein aufwärtsdraängendes Fünfton-Motiv.

Zwei lyrische Melodien prägen das Andante cantabile. Die erste Weise hatte Tschaikowsky angeblich einem Handwerker abgelauscht; die zweite, schwärmerische Melodie wird von der Violine über der Pizzikato-Begleitung der Bässe entfaltet. Der Satz gehört zu den populärsten Kompositionen Tschaikowskys und wurde Gegenstand zahlloser Bearbeitungen.

Ein rhythmisch stark akzentuiertes und motivisch sehr prägnantes Scherzo (Allegro non tanto) schließt sich an; sein Trio entfaltet sich über einem Violoncello-Orgelpunkt. Der kurze Satz mündet in ein Finale (Allegro giusto), das sich in gleicher Spiellaune gibt wie der erste Satz. Bestimmendes Element des Satzes ist jener Quartsprung abwärts, mit dem das Hauptthema anhebt. Er treibt das musikalische Geschehen voran. Nach einem kurzen Zögern bringt eine feurige Stretta-Coda den Satz zu Ende.

Drei Jahre nach der Moskauer Uraufführung schrieb Hans von Bülow: „Ein schönes Streichquartett von ihm hat sich bereits in vielen deutschen Städten eingebürgert.“ Und der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick fügte an anderer Stelle hinzu: „Eine leichtflüssige, ganz eigentlich pikante Composition, die in dem Andante einer serenadenhaften Melodie über pizzikirten Bässen, ihre glänzendste eite aufweist.“ Auch heute verdankt das Werk seine Popularität dem langsame Satz.

Tschaikowskys Zweites Streichquartett in F-Dur op. 22 entstand zu Beginn des Jahres 1874. Die herbe Kritik Anton Rubinsteins an der Komposition veranlaßte den Komponisten, das Werk vor seiner Uraufführung am 10. März 1874 in Moskau zu revidieren. Dort fand es großen Beifall, wenngleich es die Popularität des Ersten Streichquartetts niemals erreichte.

Das Werk ist ebenfalls erfüllt von dem volkstümlich musikantischen Atem des Ersten Streichquartetts. Zugleich stellt es hohe Ansprüche an die vier Interpreten.

Am Anfang steht eine chromatische Adagio-Einleitung; der Hauptteil ist ein Sonatensatz, dessen kantabel-elegischer Hauptgedanke eine rhythmische Figur enthält, die im Verlaufe der Komposition in immer neuen Metamophosen in Erscheinung tritt. Das verhilft dem Satz zu orchestraler Klangfülle. Hinzu gesellt sich ein volkstümlich getönter weiterer Gedanke. Eine aparte Wirkung hat der in ungewöhlicher Rhythmik gefaßte zweite Satz, das Scherzo, Grundmetrum ist der 7/4-Takt. Dabei bilden jeweils drei Takte eine Phrase: auf zwei 6/8-Takte folgt ein 9/8-Takt. Die Komposition erhält somit etwas Schwebendes. Diese Stimmung verdichtet sich zu einem glühendem Drängen. Rhythmisch stabilisierend in dem Satz wirkt sich das Trio aus, in dem die Viola einen Walzer (in regelmäßigen Dreiertakt) anstimmt.

Das Andante ma non tanto ist eine ausdrucksvolle elegishe Klage, in deren Mitte es zu leidenschaftlichen Entladungen kommt: Die Stimmen geraten in höchste Lagen; ein dreifaches Forte und der intensitäts-steigernde Rhythmus der Synkopen tun ihr Übriges.

Tänzersich beschwingt klingt das Werk aus (Finale, Allegro con moto). Ein spielerischer Hauptgedanke und eine breite, hymnenartig strömende Melodie treiben ihr launiges Spiel. Gekrönt wird das turbulente Musik-geschehen durch ein Fugato, before es in ungestümer Ausgelassenheit schließt.


Teresa Pieschacón Raphael


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