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8.551399 - BACH, J.S.: Goldberg Variations, BWV 988 / PARFENOV, A.: New Goldberg Variations (The Genesis of the Goldberg Variations) (A. Parfenov)
German 

The Genesis of the Goldberg Variations

 

Bach und Parfenov

Fast scheint es vermessen zu sein, dass sich ein Komponist von heute dem zeitlosberühmten Zyklus der „Goldberg-Variationen“ eines Johann Sebastian Bach annimmt, um über dieses Werk seine eigenen Variationen zu schreiben. Doch der Pianist und Komponist André Parfenov ist kein Künstler, der sich bange machen lässt, auch wenn er den höchsten Respekt vor den Großen der Komponistengarde hat. Wie aber geht man solch ein Werk an, wenn man sich schon den Titel „New Goldberg-Variationen“ einfallen lässt?

Schon die Introduktion mit den gezupften und gestrichenen Saiten im klanglichen Gewand einer Harfe lässt André Parfenovs Eigenständigkeit erkennen, mag er auch den Klangmagien Bachs in der Melodik folgen. Die auf diese Einleitung folgende, von ihm abgewandelte „Aria“ in einer „Canone alla Quarta“ aus Bachs Feder vermag einen weiteren Hinweis geben, dass Parfenov nicht etwa einfach epigonal schreibt und sich Bach nur als Leitbild vorgenommen hat. Nein, Parfenov ist ein ganz eigenständiger Komponist, der mit seinen Variationen vollkommen eigenständige Gefühlswelten erzeugt und ebenso ganz eigene technische Voraussetzungen zugrunde legt, die der barocken Idee der Variationen auf der Basslinie folgen wie bei Bach. Aber er will mit den 12 Variationen, einer eingeschobenen „Ouvertüre“ und dem Finale zeigen, was in der Musikgeschichte geschehen ist – soweit dies in einem 30-minütigen Zyklus umfassend möglich ist.

Parfenov ist ein Kind seiner Zeit und als 1972 geborener Sohn einer Deutschen und eines Russen entsprechend musikalisch in unterschiedlichen Welten zu Hause. Das hört man in diesen „New Goldberg-Variationen“ entsprechend der Idee der Aufarbeitung unterschiedlicher Stile, die es zu integrieren gilt. Er will sich bei aller persönlichen Stilistik nicht freimachen von Einflüssen, sondern absorbiert diese auf ganz eigene Schreibweise, um Neues entstehen zu lassen.

Der eine mag Anklänge eines Nikolai Kapustin mit dessen komplexen, schichtweisen Klangvorstellungen und den Einflüssen einer Jazz-Idiomatik vernehmen (Variationen VII), der andere mag vielleicht ein wenig chopinsche Klangwelten erkennen (Variation IV).

Doch man muss den Variationen von André Parfenov aufmerksam lauschen, will man ihre komplette und durchaus komplexe Schreibweise erkennen: Oftmals nämlich schwingt Bachs Thema der Aria unterschwellig mit und ist für Parfenovs extrem kontrapunktische Schreibweise die Grundlage für seine Klangexegesen. Ja, da mag man sich in Variation III durchaus an die von der Natur inspirierten Impressionisten erinnert fühlen, will Ginastera, Schulhoff oder andere Komponisten-Vorbilder entdecken und doch: es ist immer wieder neu, was man da hört, auch wenn Parfenov deutliche Anleihen nimmt. Wie könnte ein Komponist von heute auch anders schreiben, will er sich nicht in atonale, postmoderne Aussagen verstricken, die die Emotionen der Zuhörer zu erreichen nicht imstande wären. Genau davon ist Parfenov weit entfernt: Er ist ein Komponist für ein Publikum, will mit seinen musikalischen Aussagen Wirkungen in den Ohren und den Gefühlswelten der Zuhörer erwecken, ihnen mit einer wunderbar lyrischen Melodik wie in Variation V einen wohligen Schauer über den Rücken jagen oder sie mit einer vorwärtsdrängenden Jagd über die Klaviatur wie in Variation IX atemlos zurücklassen. Nur ein Mal nähert er sich der Idee der seriellen Musik in Variation VI, doch selbst hier bleibt die Musik angenehm „hörbar“. Es wäre jedenfalls falsch einen heutigen Komponisten in den Bereich des Vergleichs zu drängen, nur um ein Schubladendenken zu befriedigen, das der anderen Seite eine Einordnung leicht macht und dabei die eigenständige Arbeit eines Komponisten aus den Augen verliert.

Was dem Komponisten in jedem Fall mit seiner brillanten Schreibweise in polyphoner, homophoner und selbst atonaler Technik gelingt, ist eine derartig variantenreiche Musik in den 12 Variationen, dass man mit Freude und Erstaunen am Ende dasitzt und sich fragt, warum man von diesem Komponisten bislang nicht mehr kannte. Und dann folgt – vor der wie im Original ebenfalls nun im Original erklingenden „Aria“ von Bach am Schluss – ein Finale, das so stringent in seiner Aussage ist und keinen Zweifel daran lässt, dass man mit André Parfenov einen Komponisten vor sich hat, der im Hier und Jetzt lebt und für ein Publikum Musik schreibt, die in ihrer Aussagekraft so einzigartig ist, dass man nur hoffen kann, mehr Klaviermusik in der Art der „New Goldberg-Variationen“ kennenzulernen.

„New Goldberg-Variationen“ ist ein Zyklus für Entdecker und Liebhaber jeglicher Art von Klaviermusik, und für solche, die großartige Inspiration mit wunderbarem Spiel hören möchten.

Wie sehr Parfenov sich bei allen Freiheiten seiner eigenen Schreibweise dem Urvater Bach verpflichtet fühlt, wie stark er diesem großen Vorbild aller folgenden Komponisten Tribut zollt, zeigt sich auch in der Einspielung der originalen Goldberg-Variationen, die von Bach als „Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“ bezeichnet wurden. Dabei ist Parfenov ein moderner Interpret am modernen Instrument und nutzt die wunderbaren Möglichkeiten des heutigen Flügels, um den in den „Veränderungen“ enthaltenen Emotionen Ausdruck zu verleihen. Immer ist seine Aussage sehr persönlich, so wie es eigentlich bei jedem Interpreten sein sollte. Parfenov hat nicht den Anspruch, eine allgemeingültige Interpretation abzuliefern, sondern bleibt ganz bei sich und lässt sich von Bachs Klangwelt zu seinen Interpretationen inspirieren. Damit folgt er dem Beispiel großer Interpreten, die allen Klavierliebhabern ein Begriff sind. Er „verbiegt“ den Notentext Bachs nicht, imitiert er eines der vielen famosen Vorbilder in seiner Art des Spiels, sondern kann eine durchgehend gültige, individuelle und in sich geschlossene Interpretation liefern, die überzeugt. Dass er zudem die Version der Variationen ohne die zahlreichen Wiederholungen wählt, passt perfekt zu seiner Sicht auf die Stringenz der Musik, die er auch in seiner Komposition verfolgt.

Carsten Dürer

 

Vorwort des Komponisten und Pianisten

Jeder von uns, der eine gewisse Zeit mit der Untersuchung von Bachs Musik verbracht hat, kommt früher oder später zu vertikal-horizontalen paradoxen Erkenntnissen: Seien es komplizierte lineare Stimmverflechtungen in seinen polyphonen Fugen oder die Durchführung eines strengen zweistimmigen Kanons, eingeengt in der Zeitspanne eines unerbittlichen mathematischen Algorithmus – überall bewundert man die unglaubliche Durchsichtigkeit und Determination des vertikalen Klanges.

Als Komponist habe ich mir oft die Frage gestellt: Womit hat Bach begonnen, als er seine Werke kreierte: Mit der Vertikalen oder mit der Horizontalen? Das Schreiben des linearen Kanons verlangt vom Komponisten eine äußerst vorausschauende Arbeitsweise in jedem Melodieverlauf, da die auf die Vorstellung des Themas folgende zweite Durchführung mit einer Verspätung (sagen wir z.B. in Form eines halben Taktes) bei jedem Intervallsprung zu einer Verzerrung des musikalischen Materials führen kann. Also erzeugt eine schlecht geplante horizontale Konstruktion einen nicht überzeugenden vertikalen Klang. Bedeutet das, dass Bach mit der Horizontalen begonnen hat? Verließ er sich auf die folgenden, zufälligen Ereignisse in der Konsonanz-Vertikalen? Wenn dem so wäre, dann müsste über die Hälfte seines architektonischen Aufbaus voller unstimmiger dissonanter „Ecken“ sein, die unausweichlich ins Auge springen würden. Allerdings ist es genau umgekehrt: Bachs Harmonie und auch seine Modulationen und Tonalitätsverhältnisse wirken zuerst und unmittelbar auf den Hörenden. In seiner Musik ist alles logisch und einzigartig durchdacht.

Den musikalischen polyphonen Aufbau von der Vertikalen zu beginnen, ist meiner Meinung nach rein technisch unmöglich, weil die Ausgangsdaten der Gleichung nicht gegeben sind. Also brauchen wir ein Thema (Melodie) und die darauf folgende Transformation in Form eines Kanons, um die Schönheit des Prozesses erst aus ästhetischer und danach aus mathematischer Sicht zu verdeutlichen.

Womit also hat Bach seine Werke begonnen? Er hätte niemals die Zeit dazu gehabt, den Weg der vergleichenden Experimente, bestehend aus tausenden Variationen der (vertikalen) Kontrapunkte, zu gehen. Er stellte sich höchstwahrscheinlich zuerst das konkrete Thema vor, dessen Verspätung von zum Beispiel drei Schlägen, dessen folgende Exposition in beispielsweise spiegelverkehrter Form oder im Rückwärtsgang und auch das Intervall, mit dem der Kanon beginnen sollte: Terz, Sext oder Quint. (Natürlich wäre es absolut langweilig, den Kanon mit demselben Ton zu beginnen!) Man füge den strengen Rahmen egal welcher Musikform hinzu, angenommen der Variationen, wobei die gesamte Architektur von der Basslinie dominiert wird, und das war’s… Ein durchschnittlicher menschlicher Verstand hat hier nichts verloren! Mit den Gedankenspielen des Leipziger Kantors könnte kein modernes Computerprogramm konkurrieren. Eine unvorstellbare Menge an verschiedenen Zusammensetzungen – vergleichbar mit einem Quantenfeld aus der Physik, mit seinen Atomen und auch mit deren Vektorrichtungen oder Transformationen – und nur bestimmte von ihnen führen zu einer Musikapotheose (Michelangelo sagte einst in Zusammenhang mit seiner David-Skulptur: „Ich entfernte alles Überflüssige…“).

Ich versuche natürlich nicht, die Tiefsinnigkeit von Bachs polydimensionalem Denken zu bewerten, stattdessen bewundere ich seine geniale Intuition und möchte nur eine Sache verstehen: Woran dachte er, als er auf ein leeres Notenblatt blickte? Womit begann er? Mit der Horizontalen oder der Vertikalen? Melodische Linearität oder Akkord-Konglomerat? Oder sind vielleicht die Begriffe Materie oder Geist angebracht?

André Parfenov


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