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8.552000 - ARNOLD, M.: Symphonies Nos. 5 and 6
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Malcolm Arnold (geb.1921)
Sinfonien Nr. 5 und 6

 

Malcolm Arnold wurde 1921 in Northampton geboren. Sein Vater war ein wohlhabender Schuhfabrikant, seine Mutter hatte einen ehemaligen „Master of the Chapel Royal" als Vorfahren. Beide Eltern waren große Musikliebhaber. Malcolm besuchte keine öffentliche Schule, er wurde zu Hause von Privatlehrern unterrichtet. Als Zwölfjähriger hörte er Louis Armstrong spielen und begann sich für die Trompete und für den Jazz zu interessieren. Bereits drei Jahre später studierte er bei Ernest Hall in London Trompete, wenig später gewann er ein Stipendium und konnte am Royal College of Music studieren, wo Gordon Jacob sein Kompositionslehrer war. Nach zwei Jahren verließ er das College und wurde als zweiter Trompeter in das London Philharmonic Orchestra aufgenommen. Durch seine Tätigkeit als Orchestermusiker lernte er ein großes Repertoire an Orchestermusik kennen; besonders die Sinfonien von Gustav Mahler hinterließen einen bleibenden Eindruck.

In der Zeit des Zweiten Weltkriegs verweigerte Arnold, wie viele führende Musiker in England, den Kriegsdienst. Er durfte weiter als Orchestermusiker arbeiten; ab 1943 spielte er erste Trompete im London Philharmonic Orchestra. Im selben Jahr meldete er sich schließlich doch zum Militärdienst, wurde aber bald verletzungsbedingt entlassen - er hatte sich in den Fuß geschossen. Er wurde Mitglied des BBC Symphony Orchestra und spielte zweite Trompete neben seinem ehemaligen Lehrer Ernest Hall, der als Erster Trompeter wirkte. Später kehrte er zum London Philharmonic Orchestra zurück und blieb bis 1948 Erster Trompeter dieses Orchesters. Während dieser Zeit ist Arnold mehrfach mit eigenen Werken hervorgetreten.

Seit 1948 lebt er als freischaffender Komponist. In den sechziger Jahren ließ er sich in Cornwall nieder und wurde zu einer wichtigen Figur im Musikleben dieser Grafschaft. 1972 zog er nach Dublin, 1977 schließlich nach Norfolk. Arnold wurde nach und nach zu einem gefragten Filmkomponisten, um die achtzig Filmmusiken stammen aus seiner Feder. Außerdem komponierte er Konzerte für eine Vielzahl von Soloinstrumenten, neun numerierte Sinfonien, Sinfonietten, Konzertouvertüren und andere Orchesterwerke, des weiteren Kammermusik in nahezu allen Formen sowie eine Reihe von Wettbewerbs- und Vortragsstücken für Soloinstrumente.

Malcolm Arnold ist ein Komponist, der Formen der Unterhaltungsmusik in vollendeter Art und Weise in seine Musik einbezieht. Schnell sind deshalb Etikettierungen wie „leichte Muse" zur Hand, die seinem Format in keinster Weise gerecht werden. Handwerkliche Meisterschaft, Gewandtheit und Vielseitigkeit zeichnen ihn aus. Seine Musik bereitet Vergnügen, kann aber ebenso ernst und lyrisch sein, sogar ätzend und rauh. Donald Mitchell verglich ihn einmal mit Charles Dickens: Beide sind große Unterhaltungskünstler, die sich der Tragödie der Menschheit nur zu bewußt sind. Im Falle von Arnold wird dies, wie Mitchell bemerkt, vor allem in den großartigen Sinfonien deutlich.

Keith Anderson

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Die Jahre 1955 bis 1965 waren eine fruchtbare Zeit für Malcolm Arnold. Neben dutzenden Filmmusiken entstand eine Reihe von kammermusikalischen und orchestralen Werken, darunter seine dritte, vierte und fünfte Sinfonie. In der Dritten Sinfonie (1957) werden die Elemente der Unterhaltungsmusik bereits angedeutet, die für die Vierte Sinfonie (1960) zum Markenzeichen werden. Die Fünfte Sinfonie (1961) ist weniger eine musikalische Abrundung der Sinfonientrias, als vielmehr ein Schauplatz des Aufeinanderprallens der gegensätzlichen Seiten in der Sinfonik Arnolds.

Das Tempestuoso steht im Spannungsfeld von zwei Grundgedanken: Ein fragendes Oboenthema, das später in den Streichern fatalistische Züge annimmt, sowie eine bedrohlich wirkende, glockenartig „läutende" Bewegung in den Blechbläsern und im klingenden Schlagwerk. Zwischen den orchestralen Ausbrüchen, die von dem „Läuten" vorbereitet oder getragen werden, stehen ruhigere Abschnitte, die eine zwielichtige, schattenhafte Atmosphäre verbreiten.

Das Andante con moto ist vielleicht Arnolds tiefstes Bekenntnis zu Mahler. Das üppig harmonisierte Hauptthema in den gedämpften Streichern erhält seinen Kontrast in einem Seitengedanken der Flöte, der durch Hinzunahme der hohen Streicher den Charakter einer „großen Melodie" annimmt, voller Leidenschaft und Schmelz im Stile Hollywoods. Der Satz kulminiert in scharfen Dissonanzen, bevor er mit den beiden Hauptgedanken zu einem ruhigen Ende geführt wird.

Das Scherzo Con fuoco wird von einer Art „walking bass" vorangetrieben, darüber zieht eine Reihe von Motiven hinweg, die man nur als „nonchalant" bezeichnen kann. Ein ungestümes Fugato geht ebenso schnell vorüber, wie es gekommen war. Das Trio ist eine sinfonische Auseinandersetzung mit der Unterhaltungsmusik der fünfziger Jahre. Ständige Wechsel in Rhythmus und Instrumentation prägen diesen Mittelteil, bevor das Scherzo seinen eigenwilligen Gang wieder aufnimmt.

Das Finale Risoluto ringt um eine Lösung der Konflikte in der Sinfonie. Es beginnt kämpferisch, auch das gewundene Streicherthema kann die Spannung nicht lösen. Der Satz strebt seinem Höhepunkt zu - der Wiederaufnahme der „großen Melodie" aus dem zweiten Satz. Das Geschehen mündet schließlich in einen grellen e-Moll-Dreiklang. Während er in den Streichern leise gehalten wird, klingen die Glocken des Beginns der Sinfonie hinein. Drei dumpfe E’s besiegeln die tragische Lösung des Werkes. Arnold gelang eine brillante Studie über Hoffnung und Scheitern.

Sieben Jahre trennen die Sechste Sinfonie von ihrem Vorgängerwerk. In den sechziger Jahren, einer Zeit des Stilpluralismus, der Öffnung der Musik nach allen Seiten, ist Arnolds Musiksprache ernster und unruhiger geworden. Die Jazzeinflüsse im Energico machen die Musik keineswegs „leichter". Das weitgespannte Streicherthema wird immer wieder von den Bläsern und vom Schlagwerk attackiert. Thematische und rhythmische Abläufe durchkreuzen sich gegenseitig, so daß der Satz von einer ständigen Anspannung, von Besorgnis und Zweifel erfüllt ist.

Das elegische Hauptthema des Lento erhebt sich über Streicherharmonien, die an Vaughan Williams erinnern; die unterschwellige Unruhe läßt an Schostakowitsch denken. Ein zweites Thema, eine Art Prozessionshymne, führt den Satz in lebhaftere Bereiche. Ein verzerrter Bossa-Nova-Rhythmus staut die Bewegung auf, bis sich die Prozessionshymne nochmals Bahn bricht. Der Satz endet mit dem Hauptthema des Beginns.

Das Finale Con fuoco ist ein Rondo mit einem kraftvoll-entschlossenen Hauptthema, das zuerst in den Blechbläsern erklingt. Dieses wird dreimal wiederholt; die Episoden zwischen den Hauptteilen erscheinen wiederum seltsam zweideutig, wie man es bereits an früheren Stellen beobachten konnte. Die letzte Wiederholung des Rondothemas endet mit einem geradezu gezwungen wirkenden, herausgeschleuderten A-Dur. Eine endgültige Absage an den „siegreichen" Ausgang einer Sinfonie? Dieser Zwiespalt wird in den nächsten beiden Sinfonien Arnolds zu noch größeren stilistischen und emotionalen Turbulenzen führen.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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