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8.553350 - MARTINU: Symphonies Nos. 3 and 5
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Martinu

Bohuslav Martinu: Sinfonien Nr. 3 und Nr. 5

Der tschechische Komponist Bohuslav Martinu wurde 1890 in der ostböhmischen Kleinstadt Policka geboren. Sein Vater war Schuhmacher und versah zusätzlich das Amt des Turmwächters der Stadt. Die Familie wohnte daher im Turm der St. Jakobskirche, dem höchsten Aussichtspunkt der Stadt, und der Vater hatte die Aufgabe, Policka vor der Wiederkehr des verheerenden Feuers zu bewahren, das die Stadt schon einmal in dem Jahrhundert zerstört hatte. Im Kirchturm wurde Martinu 1890 auch geboren. In seiner Kindheit erlernte er das Violinspiel von dem Schneider des Ortes und machte schnell bemerkenswerte Fortschritte. Bald schon meisterte er die Etüden von Bériot und Wieniawski, und 1905 gab er sein erstes öffentliches Konzert in seiner Heimatstadt. Mit ersten Kompositionsversuchen begann Martinu bereits als zehnjähriger, allerdings mangelte es nicht nur an einer professionellen Anleitung, sondern auch an dem nötigen Notenpapier, so dass er seine ersten Kompositionen in selbst gemalte Notenlinien schreiben musste. Die Großzügigkeit einige Bürger der Stadt ermöglichte es ihm, 1906 als Violinstudent ans Prager Konservatorium zu gehen. Er sträubte sich jedoch gegen die Routine des Violinstudiums am Konservatorium, und auch der Wechsel in die Orgel- und Kompositionsklasse konnte nicht verhindern, dass er 1910 wegen „unverbesserlicher Nachlässigkeit" des Konservatoriums verwiesen wurde. Er blieb in Prag, widmete sich der Komposition und erwarb 1912 mit knapper Not das Diplom als Violinlehrer.

Den Ersten Weltkrieg verbrachte er als Musiklehrer in Policka, weil er für den Militärdienst nicht die gesundheitlichem Voraussetzungen erfüllte. 1918 wurde er zweiter Geiger des Tschechischen Philharmonischen Orchesters und konnte seinen musikalischen Horizont erweitern, während er weiterhin ein Werk nach dem anderen komponierte. Doch Martinu war sich der Schwächen seiner Kompositionstechnik bewusst und nahm daher für kurze Zeit den Kompositionsunterricht am Konservatorium bei Josef Suk wieder auf. Ein kleines Stipendium ermöglichte es ihm 1923, nach Paris zu gehen und als Student bei Albert Roussel Kompositionsunterricht zu nehmen.

In den folgenden Jahren gewann Martinus Musik hörbar an Eigenständigkeit, und seine Kompositionen wurden häufiger aufgeführt. Mit Beginn der 1930er Jahre begannen sich zunehmend maßgebliche Dirigenten für seine Musik einzusetzen: Vaclav Talich in der neu gegründeten Tschechoslowakei, Paul Sacher und Ernest Ansermet in der Schweiz, Henry Wood in England, Charles Munch in Frankreich und Serge Koussewitzky in den USA. In Paris heiratete er 1931 seine Frau Charlotte Quennehen, doch trotz erster Erfolge lebten sie in bescheidenen Verhältnissen. Der Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei, die Annektierung des Landes 1939 und die Bedrohung der Ausweitung des Konflikts waren sowohl erschreckend als auch alarmierend. Im Juni 1940, nur vier Tage bevor die deutschen Truppen Paris besetzten, mussten Martinu und seine Frau aus der Stadt fliehen und einen Großteil der Partituren und ihrer persönlichen Habe zurücklassen. Nach einer neunmonatigen Irrfahrt, die sie kreuz und quer durch Südfrankreich und Spanien führte, erreichten sie schließlich über Portugal und Bermuda im Frühjahr 1941 New York. In Amerika erhielt er während des Krieges die Gelegenheit, eine Reihe von Auftragskompositionen zu schreiben. Für die Koussewitzky Gesellschaft komponierte er die Erste Sinfonie, und ein Violinkonzert wurde von Mischa Elman in Auftrag gegeben. Langsam gewann Martinu sein Selbstvertrauen zurück, und er begann mit einem Projekt, das in den Jahren 1942 bis 1946 jeweils eine neue Sinfonie vorsah.

Nach Beendigung des Krieges hoffte Martinu, nach Prag zurückkehren zu können. Er erhielt das Angebot, den Lehrstuhl für Komposition an der Prager Akademie für Musik und dramatische Kunst zu übernehmen. Seine Rückkehr nach Europa musste jedoch aus gesundheitlichen Gründen verschoben werden. Jede Möglichkeit, wieder in seinem Heimatland arbeiten zu können, wurde dann durch das kommunistische Regime, das 1947/48 die Macht in der Tschechoslowakei übernommen hatte, zunichte gemacht. Rund fünf weitere Jahre blieb er in den USA und nahm eine Professur für Komposition an der Princton University an. Erst 1953 kehrte er nach Europa zurück. Bis 1955 lebte er in Nizza, ging dann für ein Jahr als Lehrer an das Curtis Institute in Philadelphia, um erneut nach Europa zurückzukehren und an der American Academy in Rom zu unterrichten. Nach weiteren Monaten in Nizza verbrachte Martinu die letzten Jahre seines Lebens in der Schweiz, wo er 1959 an Krebs starb.

Martinu war als Komponist äußerst produktiv und scheint sich um das Schicksal seiner Kompositionen oft nur wenig Gedanken gemacht zu haben. Seine Erste Sinfonie komponierte er 1942 dank der Unterstützung Koussewitzkys, und die Zweite, die von tschechischen Flüchtlingen aus Cleveland in Auftrag gegeben wurde, folgte ein Jahr später. Die Dritte Sinfonie entstand 1944 zu einer Zeit der Niedergeschlagenheit und wurde Serge Koussewitzky und dem Boston Symphony Orchestra anlässlich seines 20 Jubiläums gewidmet. Der Komponist wies darauf hin, dass er sich an Beethovens „Eroica-Sinfonie" als Model orientiert habe und betrachtete sie als erste Sinfonie, die nicht als Auftragswerk entstanden ist. Der erste Satz wird weit gehend aus einem Eröffnungsmotiv abgeleitet, das eine tragische Stimmung anschlägt. Es folgt eine weitere Erforschung des Materials mit nahezu minimalistischer Hartnäckigkeit. Einen Gegensatz dazu bildet ein eher lyrisches und melancholisches Fagott-Thema, das dann von der Solo-Oboe über einer synkopischen Begleitung aufgegriffen wird. Nach einer weiteren Entwicklung kehrt der erste Abschnitt als Reprise wieder und führt zu einem abschließenden Abschnitt mit zunehmender Intensität. Der langsame Satz beginnt in den Streichern mit einem Thema, das einer absteigenden Bewegung folgt und damit ein Element des vorangegangenen Satz widerspiegelt. Eine bedrohlich klingende Passage leitet über zu einem lang gezogenen Flöten-Solo, das sich über einem metrischen Rhythmus im Klavier erhebt. Die Spannung nimmt zu bevor die spärliche Textur einer Passage für Streicher durch Kontrapunktik an Dichte gewinnt. Eine weitere Intensivierung der Spannung wird von plötzlicher Ruhe und einem Solo für Englischhorn abgelöst, einem Gegenstück zu dem früheren Flöten-Solo. Der Satz nimmt an Dichte zu bis ein letzter Ton unisono auf der Tonika erreicht wird. Auch der dritte Satz greift auf ein Motiv zurück, das aus dem zweiten abgeleitet und entwickelt ist. Im folgenden Allegro wird durch Synkopen eine rhythmische Energie erzeugt, bis die Bratschen zu einem Adagio führen. Die ruhige Stimmung eines Chorals für Streichquartett und einer letzten Passage mit größerem Optimismus beenden die Sinfonie.

Martinu komponierte die Fünfte Sinfonie in den ersten Monaten des Jahres 1946 in New York, und die Umstände ermöglichten ihre Uraufführung im heimatlichen Prag im Mai 1947 mit Rafael Kubelik und dem Tschechischen Philharmonischen Orchester, dem das Werk auch gewidmet ist. Wenn die Dritte Sinfonie nach den Gräueltaten von Lidice und zu einer von Zukunftsangst geprägten Zeit entstanden ist, fällt die Fünfte, als letzte eines Zyklus’ in dieser Form, in eine hoffnungsvollere Zeit nach der Befreiung der Tschechoslowakei. Im ersten Satz befinden sich fünf aufeinander bezogene Abschnitte in einem Wechsel von Adagio und Allegro. Nach dem ersten Abschnitt lotet der zweite, Allegro überschrieben, das gleiche thematische Material aus und schlägt eine relativ heitere, fast fröhliche Stimmung an. Mit dem zweiten Adagio kehrt die Stimmung zu der des ersten Abschnitts zurück, wird jedoch schon bald von einem zweiten Allegro abgelöst, das mit einer durchsichtigen Textur endet., bevor ein emphatisches Adagio den Satz beschließt. Das Larghetto wird von ostinaten Rhythmen und an Strawinsky erinnernde Passagen vorangetrieben, beruhigt sich aber in einem Flöten-Solo, das von den Streichern begleitet wird. Der begleitende Rhythmus wird wieder aufgenommen und nach einer kurzen Passage für Trompete übernimmt die Solo-Violine das Thea von der Solo-Flöte. Die Ostinato-Rhythmen kehren zurück und führen zu einem gelassenen Schluss. Im letzten Satz mit seinen Wechseln von langsamen und schnelleren Abschnitten stellen die Streicher zu Beginn ein dreitöniges Motiv vor. Es wird im folgenden Allegro transformiert, und man ist versucht, sich Erinnerungen an Amerika, oder vielleicht auch Böhmen, vorzustellen. Das Motiv des Anfangs kehrt zurück, Poco andante, und gewinnt im abschließenden Allegro der Sinfonie zunehmend an Bedeutung.

 

 

 


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