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8.553442 - Under the Greenwood Tree
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Unter dem Waldesbaum

Unter dem Waldesbaum

 

Im späten 16. Jahrhundert tauchte in einigen Musiksammlungen eine Ballade auf, deren Melodie so reizvoll war, daß sie bis weit in das 18. Jahrhundert fortlebte. Sie war unter verschiedenen Namen bekannt: Robin ist in den Wald gegangen, Robin Hood ist in den Wald gegangen, Bon ny Sweet Robin oder einfach Robin. Obwohl so viele Titel der Ballade überliefert sind, ist nur ihre Melodie erhalten. Es scheint als wäre sie solch ein Schlager gewesen, daß es niemand jemals für nötig hielt, ihrenText niederzuschreiben.

 

Der Grund für die Beliebtheit dieser Ballade liegt auf der Hand -ihre hübsche, wehmütige Melodie besingt drei altbekannte Themen. Robin selbst verkörpert den mittelalterlichen Helden, den Liebhaber und den vagabundierenden Banditen; im Wald verbergen sich einerseits Abenteuer und Romanzen, andererseits erinnert er an die traditionellen Maifeste zum Sommerbeginn, die so oft mit Waldausflügen begangen wurden. Die Verschmelzung - oder Verwirrung -von Geschichte, Legende und Tradition formten englische Schriftsteller und Interpreten im Laufe der Jahre nach ihrem eigenen Geschmack oder dem der Zuhörer um. In diese Tradition reiht sich Estampie mit der vorliegenden Aufnahme ein.

 

Robin Hood lebte vermutlich im frühen 13. Jahrhundert. Der Überlieferung nach fällt seine Geburt in die Herrschaftszeit Heinrichs II (1154 -1189). Während dessen Nachfolger, Richard I (1189 -1199), auf einem Kreuzzug war, lebte Robin im Wald von Sherwood, wo er mit einer Schar von Getreuen reiche Adelige ausraubte und arme Bauern beschenkte. Die ältesten, schriftlich festgehaltenen Balladen über Robin Hood stammen aus dem 15. Jahrhundert, doch sind nur ihre Texte überliefert. Erst aus dem 16. und 17. Jahrhundert liegt ausreichend Text- und Liedmaterial vor, nach dem sich die Abenteuer des Volkshelden singen lassen.

 

Zur gleichen Zeit wie die Robin-Hood-Legende entstanden Lieder und Tänze, die sowohl die Maienzeit als auch den Waldmann und dessen Zuhause, den Wald, ehren.

Wie Robin Hoods Geschichten so wurden auch die Maifeste in allen Gesellschaftsschichten in ganz England und auch über die Landesgrenzen hinaus gefeiert. Im Laufe der Zeit verschmolzen die Maifeste mit den Legenden Robin Hoods, für den die französische Schäfermode die Geliebte Marian erfand.

 

In der vorliegenden Aufnahme erweckt Estampie die Klänge, Empfindungen und Persönlichkeiten aus Robin Hoods Zeit zu neuem Leben, um dann spätere Balladen und Tänze aufzugreifen, die daran erinnern, daß Robin Hood in den Wald gegangen ist.

 

John Peel

 

Walther von der Vogelweide, ein Zeitgenosse des historischen Robin Hood, war ein Minnesänger nach deutscher Tradition. Er wurde um das Jahr 1170 in Österreich geboren und stand als einer der führenden Poeten seiner Generation im Dienste verschiedener Adeliger, KÖnige und Kaiser. Das Palästinalied, der Höhepunkt seiner religiösen Lyrik, besingt das Heilige Land, das der Dichter möglicherweise auf einem Kreuzzug unter Kaiser Friedrich II besuchte. Es ist sein einziges Werk, dessen ursprüngliche Melodie erhalten ist.

 

Richard I, der auch als Richard Löwenherz bekannt ist, wurde 1157 in Oxford geboren. Als Dichter und Komponist führte er die Tradition seines Urgroßvaters mütterlicherseits fort, der einer der ersten aristokratischen Troubadour-Poeten war. Richard wurde im Jahre 1171 Fürst von Aquitanien und verbrachte dort den Großteil seines Lebens. Im Jahre 1192 wurde er auf dem Rückweg von seinem Kreuzzug, auf dem er Zypern eroberte, in der Nähe von Wien durch Herzog Leopold V festgenommen. Er sollte daraufhin zwei Jahre in österreichischer Gefangenschaft verbringen. Seine Befreiung von Schloß Dürnstein durch den Spielmann Blondel ist zwar fiktiv, doch sie fand reichlich Verwendung auf Theater- und Opernbühnen.

 

Nach zwei Wintern in österreichischer Haft findet der Gefangene in seiner eigenen Dichtung Ja nuls horns pris Trost, in der er sein hartes Schicksal beklagt. Richard verfaßte dieses Lied -sein einziges, dessen Melodie bis heute erhalten ist -in französischer Sprache, da er die englische Sprache nicht beherrschte.

 

Dem Lied des Königs folgt A l'entrant d'este, ein Lied seines vermeintlichen Spieimanns Blondel de Nesle, das die Rückkehr des Sommers feiert. Blondeis Identität steht bis heute nicht eindeutig fest, obwohl er wiedeholt mit Jehan II von Nesle in Verbindung gebracht wurde. Unabhängig davon, ob er dem Stand der Adeligen oder dem der Bürgerlichen angehörte, wurde er als Dichter der nordfranzösischen Trouveretradition geachtet, und A /'entrant d'este diente Oede de la Couroierie, dem Toubadour des 13. Jahrhunderts, als Vorbild für ein eigenes Lied.

 

Kalenda Maya, eine Verherriichung des Maientages, stammt von Raimbault de Vaqueiras, einem französischen Dichter, der in der Tradition der Provence stand. Als Sohn eines armen Ritters trat er in den Dienst des Marquis von Montferrat, wurde dann in Sizilien selbst in den Ritterstand erhoben und nahm schließlch an den Kreuzzügen teil. Von nur sieben seiner Werke sind die Melodien erhalten, und beim vorliegenden Estampie, das Raimbault auf einer Radleier hörte, handelt es sich vermutlich um die Melodie eines Jongleurs. Kalenda Maya ist das älteste erhaltene Beispiel einer Estampie - ein Instrumentalstück, mit der sich das Lied in seinem Text identifiziert.

 

Novus Mi/es Sequitur (Es folgt der Soldat) ist ein Conductus aus dem 13. Jahrhundert. Es stammt von einem unbekannten Autor und spielt unverhüllt auf die Ermordung des Erzbischofs von Canterbury, Thomas-a-Becket im Jahre 1170 an, auf den Chaucer später seinen holy blisful martyr münzte. Dem Conductus folgt ein Estampie aus dem 13. Jahrhundert, ein anonymes, englisches Beispiel jener frühen Instrumentalgattung. Aus demselben Jahrhundert stammt die dreistimmige französische Mottete Clap, c/ap, par un matin s'en aloit Robin (Tripp, trapp, eines Morgens ritt Robin daher).

 

Auch die folgende, englische Komposition, deren Entstehungsdatum und Autor unbekannt sind, bezieht sich auf Robin Hood. Ihr folgt der dreistimmige Kanon AI robyn, gentyl robyn des englischen Komponisten William Cornyshe, der ein Musiker, Dramatiker und Schauspieler von Rang war und im Dienste des englischen Königs Heinrich VII stand.

 

The Wedding of Robin Hood (Robin Hoods Hochzeit) ist anonym wie auch Under the Greenwood Tree -eine Zeile, die aus Shakespeares As you like it vertraut ist. Das ebenso anonyme Sellenger's Round entstand um 1500 n. Chr. und sollte im darauffolgenden Jahrhundert von William Byrd als Thema zu Klaviervariationen eingesetzt und von Komponisten des 20. Jahrhunderts erneut für Variationszyklen aufgegriffen werden. Die Herkunlt von Greensleves ist nicht bekannt, doch die Melodie war zu Shakespeares Zeit schon genauso bekannt wie heute.

 

Von Henry Stonings Schaffen ist nur ein kleiner Teil erhalten. Er lebte unter der Herrschalt Königin Elisabeths I und ihres Nachfogers König James I. Was könnte den Maimorgen besser besingen als sein Browning my dere über das Thema The Leaves be Green. Das Stück ist für ein fünfstimmiges Consort geschrieben, und basiert auf der Melodie zu Browning my dere, die im England des 16. Jahrhunderts beliebt war, und von zeitgenössischen Komponisten auf unterschiedliche Weise verarbeitet wurde. In einigen Quellen erscheint ihre Melodie zu den folgenden Worten.

The leaves be greene, the nuts be browne,

Thaie hange so highe thaie will not come downe.

 

Auch in den anonymen Stücken Robin Hood, the curtall frier (Ein Ordensbruder mit einem kurzen Gewand) und Robin Hood and the Tannerkehrt die Legende Robin Hoods wieder.

 

Die Pavane war ein beliebter Tanz am Hof des 16. und 17. Jahrhunderts und wurde in der Regel mit der schnelleren Gaillarde oder Galliarde gepaart. Die beiden Tänze formten den Grundstein der frühen Instrumentalsuite. Der Name der Pavane leitet sich entweder von der Stadt Padua oder vom majestätisch stolzierenden Pfauen (pavone) her. Ihr Zweiertakt steht im Kontrast zum Dreiertakt der folgenden Gaillarde, deren Name vom italienischen gagliardo (kräftig) stammt, Der französische Komponist Claude Gervaise sammelte und editierte eine Reihe von Tanzstücken für den Verleger und Buchhändler Pierre Attaingnant. Die beiden Tänze dieser Aufnahme stammen aus dem vierten Band, der im Jahre 1550 veröffentlicht wurde.

 

Robin Hood and Maid Marian stammt von einem anonymen, englischen Komponisten. Das folgende The Green Man beschwört ein geheimnisumwobenes Waldeswesen herauf, das im vorchristlichen Glauben wiederholt auftauchte. Die Melodie erschien in der Sammlung The dancing Master, die der englische Buchhändler und Musikverleger John Playford im Jahre 1651 veröffentlichte. Diese Sammlung stellt eine fruchtbare Quelle dar, aus der auch Greenwood, Notingham Castle und Green Goose Fair stammen.

Die Melodie zu Sweet Angel of England stammt von Bon ny Sweet Robin eines anonymen Autoren. Sie erscheint auch als Thema der Ricercarvariationen des englischen Musikers Thomas Simpson, Simpson trat nach seinem Wirken in Heidelberg und Bückeburg in die Dienste des dänischen Königs Christian IV, der auch John Dowlands Mäzen war.

 

When Kempe did dance alone ist auch als Robin Hood und Maid Marian and Little John are gone bekannt. Der erstgenannte Titel spielt auf Will Kempe, einen Clown des Elisabethanischen Zeitalters an. Als Mitglied der Shakespeare- Truppe betörte er das Publikum mit seinem Pantomimenspiel und seinen Tänzen, die den eigentlichen Theatervorführungen folgten, Sein neun Tage andauernder Moriskentanz von London nach Norwich erregte großes Aufsehen und wurde in einem zeitgenössischen Bericht als 'neuntägiges Wunder' beschrieben. Thomas Weelkes war ein namhafter Madrigalist, der im Auftrag der Kirche arbeitete, doch sein Lebenswandel, der ihm zuweilen die Beschreibung eines 'Trinkers, notorischen Fluchers und Blasphemisten' einbrachte, stand seiner weiteren Karriere im Wege.

 

O Lusty May eines anonymen schottischen Autoren, das auf einem mehrstimmigen Lied aus dem 16. Jahrhundert basiert, schließt den Vortrag mit einem Lobgesang auf den Monat Mai ab.

 

Keith Anderson

Übersetzungen' Eva Grant

 


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