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8.553768 - ARENSKY: Suites Nos. 1-3
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Anton Arensky (1861-1906)

Anton Arensky (1861-1906)

Suite Nr. 1 g-Moll op. 7 (1885) • Suite Nr. 2 (Silhouetten) op. 23 (1892)

Suite Nr. 3 (Variationen C-Dur) op. 33 (1894)

 

Anton Stepanowitsch Arensky war einer der größten Lyriker unter den russischen Komponisten des 19. Jahrhunderts. Heute kennt man von ihm vor allem sein herrliches Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 32 und den köstlichen Walzer aus der Suite für zwei Klaviere op. 15. Auch am Moskauer Konservatorium hinterließ er deutliche Spuren – und zwar als Professor für Harmonielehre und Kontrapunkt, der unter anderem Alexander Skrjabin, Sergej Rachmaninow und Reinhold Glière unterrichtete.

 

Anton Arensky wurde 1861 in Nowgorod geboren. Sein Vater war Arzt und ein recht begabter Amateurcellist, seine Mutter eine exzellente Pianistin. Ihr verdankte der Knabe, der schon mit neun Jahren seine ersten Klavierstücke und Lieder komponierte, die frühe musikalische Ausbildung. Als die Familie nach St. Petersburg übersiedelte, erweiterten sich die künstlerischen Möglichkeiten des jungen Arensky. Er besuchte das dortige Konservatorium, wurde Schüler von Nikolai Rimsky-Korssakow und wurde 1882 für seine ausgezeichneten Prüfungsergebnisse mit der Goldmedaille des Instituts ausgezeichnet. Rimsky-Korssakow schätzte seinen begabten Schüler sehr und übertrug es ihm, den Klavierauszug seiner Oper Schneeflöckchen einzurichten. Kurz nach seinem Examen wurde Arensky Professor am Moskauer Konservatorium, wo er Tschaikowsky und Tanejew kennen lernte. Viele Jahre war er Dirigent der Russischen Chorgesellschaft. Während seiner letzten Lebensjahre unternahm er weite Konzertreisen, bei denen er sich als Dirigent und Pianist präsentierte. Er starb 1906 in Finnland an Tuberkulose.

Zu Arenskys besten Kompositionen gehören seine Chorwerke, Klavierstücke und Lieder. Des weiteren schrieb er unter anderem drei Opern, zwei Klaviertrios, zwei Streichquartette und ein Klavierquintett, ein Klavierkonzert, ein Violinkonzert, die weltberühmten Variationen über ein Thema von Tschaikowsky op. 35a sowie zwei Sinfonien. Der Musikwissenschaftler und Komponist Boris Asafjew stellte fest, dass es Arensky gelungen sei, alles an expressiv nutzbaren Elementen zu übernehmen, was er in der kammermusikalischen und solistischen Pianistik von Tschaikowsky und den europäischen Romantikern vorgefunden habe und daraus einen neuen, intimen und lyrischen Stil zu entwickeln, der die Voraussetzungen für die Klaviermusik von Rachmaninow, Medtner und natürlich auch des jungen Skrjabin lieferte.

 

Seine Suite Nr. 1 g-Moll op. 7 schrieb Arensky im Jahre 1885. Das Werk beginnt mit Variationen über ein russisches Thema, dem längsten der fünf Sätze. Als Thema diente das russische Volkslied Venichkom vzmakhnyot (Ich hab’ den Besen geschwungen), das in einer 1875/76 von Rimsky-Korssakow kompilierten Sammlung zu finden ist. Nach einer Reihe von Veränderungen wird die Melodie endlich zum Thema einer Fuge, die die Variationsfolge beschließt. Der zweite Satz – Air de danse – ist ein raffinierter Walzer im Fünfvierteltakt mit einem koketten Thema und launigen Akzenten. Das nachfolgende Scherzo wird von unerwarteten farblichen Kontrasten bestimmt. Seine ungestüme Bewegung wird zweimal von lyrischen Episoden unterbrochen. Der Charakter des dritten Satzes ist sehr „russisch“ und erinnert an ähnliche sinfonische Sätze von Borodin. Der vierte Satz mit dem schlichten Titel Basso ostinato scheint von den epischen Traditionen Russlands bestimmt zu sein. Die beharrliche Sechsviertel-Figur durchzieht den gesamten Satz (wobei der vorgezeichnete Fünfviertel-Takt das Motiv an einer immer andern Stelle durchschneidet). Auch die dichte Orchestrierung verleiht dem Stück einen typisch russischen Charakter. Der Satz erfreute sich einer solchen Popularität, dass er in zahlreichen internationalen Anthologien als separates Klavierstück veröffentlicht wurde. In einem Brief an Sergej Tanejew schrieb der berühmte Pianist Alexander Ziloti, dass „der Komponist Arensky in England nur durch seinen Basso ostinato bekannt wurde.“ Die Suite endet mit einem klangvollen, zeremoniösen Marsch.

 

Die Suite Nr. 2 op. 23 (Silhouetten) war zunächst ein Werk für zwei Klaviere. Sie entstand 1892, mithin zu einer Zeit, als Arensky den Gipfel seiner Schaffenskraft erreicht hatte. Soeben hatte das Bolschoi-Theater seine Oper Son na Volge (Ein Traum an der Wolga) zur Uraufführung gebracht. Außerdem hatte er die Partitur seines Violinkonzerts a-Moll op. 54 vollendet. In der Fassung für zwei Klaviere wurde die Suite eines der beliebtesten Werke des Komponisten. Der Schriftsteller Leo Tolstoi mochte die Silhouetten sehr. In einem Brief an einen Freund schrieb Sergej Tanejew: „Vor zwei Tagen haben Alexander Goldenweiser und ich die Silhouetten von Anton Arensky bei mir zuhause auf zwei Klavieren gespielt. Das Stück gefiel allenthalben und versöhnte sogar Leo Tolstoi mit der neuen Musik. Am besten gefiel ihm Die Tänzerin (das letzte Stück der Suite), was er auch mehrfach betonte.“

In ihrer künstlerischen Konzeption erinnert die Suite Nr. 2 an Robert Schumanns Carnaval op. 9. Der vorzügliche Pianist Arensky kannte natürlich diesen Zyklus. Er benutzte ihn im Unterricht und schuf 1902 zusammen mit zehn anderen russischen Komponisten eine Fassung für volles Orchester. Die musikalischen Portraits der Silhouetten entfalten (wie Schumanns berühmte „Masken“) ein farbiges Kaleidoskop aus Bildern, Stimmungen, farblichen Kontrasten und geistreichen Charakterdarstellungen. Wie die erste Suite bestehen auch die Silhouetten aus fünf Sätzen. Den Anfang bildet Le Savant (Der Gelehrte). Arensky denkt sich diesen als einen Greis, der ganz allein über einen gewaltigen Berg riesiger Folianten gebeugt ist. Dabei hält er ganz offensichtlich die archaische Sprache der alten Meister für besonders geeignet, diesen Alten zu portraitieren, und so schreibt er ein kontrapunktisches Stück, das ganz eindeutig die kompositorischen Modelle des 17. und 18. Jahrhunderts imitiert. La Coquette ist ein Walzer, der eine spröde Schönheit nachzeichnet. Arenskys Biograph Gennady Tsipin meinte zu diesem Satz: „Für eine affektierte Kreatur, die mit ihren Verehrern über unterhaltsame Belanglosigkeiten schwätzt, ist der Walzer wirklich die beste Form, die beste kreative Lösung.“

 

Polichinelle ist die musikalische Zeichnung des Junggesellen Pulcinella, der in der commedia dell’arte ständig hinter den Mädchen her ist. Dieses lebendige, ausgedehnte Stück schwelgt förmlich in kräftigen Farbkontrasten. Ein ungestümes, von pikanten chromatischen Sprenkeln verziertes Figurenwerk verleiht dieser Musik einen geheimnisvollen Anstrich. Le Rêveur (Der Träumer) liefert den emotionalen Kontrast, den die Suite unbedingt braucht. Die gemessene Viertelbewegung und die ruhige Melodik dieses Stückes erzeugen das klingende Abbild einer Person, die sich in meditativer Nachlässigkeit verloren hat. Die Silhouetten enden mit einem lebendigen Tanz. La Danseuse (Die Tänzerin) bewegt sich im konventionellen rhythmischen Schema eines spanischen Tanzes und ist auch in ihrem melodischen Verlauf mit Triolen, Verzierungsnoten und spezifischer Akzentgebung an der iberischen Volksmusik orientiert. Arensky komponierte mit diesem Finale einen brillanten, farbenfrohen und stilisierten Extrakt dessen, was man sich im Russland des 19. Jahrhunderts unter spanischer Tanzmusik vorstellte. Dieser Tanz krönt das gesamte Werk.

 

Auch die Suite Nr. 3 (Variationen C-Dur) op. 33 war zunächst ein Werk für zwei Klaviere. Sie erschien 1894 und ist weniger eine Suite im eigentlichen Sinne als vielmehr eine erlesene Folge von neun Variationen über ein kurzes Thema, das die Streicher zunächst ganz nach romantischer Manier in ruhigem Tempo (Andante) exponieren. Im Dialog, der ersten Variation, fallen die Holzbläser ein. Sie nehmen das Thema in Besitz und fragmentieren es, während die Streicher mit graziösen Figuren antworten und dann auch das gesamte Orchester einfällt. Die zweite Variation (Valse) ist ein ebenso eleganter wie charmanter russischer Walzer, die dritte eine bombastische Marche triomphale. In der vierten Variation, einem Menuet XVIIIème siècle (Menuett aus dem 18. Jahrhundert) und der fünften, Gavotte, beschwört Arensky die ganze Palette des Barock und der Klassik. Die sechste Veränderung (Scherzo) ist ein lebendiges, kapriziöses Stück, dem eine düster-geheimnisvolle Marche funèbre (Trauermarsch) folgt. In den Variationen Nr. 8 (Nocturne) und Nr. 9 (Polonaise) macht Arensky seinem Lieblingsklavierkomponisten Chopin seine Aufwartung. Das heiter-verträumte Nocturne klingt beinahe wie ein Ausschnitt aus einem vergessenen Klavierkonzert. Die Polonaise beschließt die Suite auf geistreiche Weise.

 

Victor and Marina A. Ledin

©1997 Encore Consultants

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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