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8.553827 - BEETHOVEN: String Quintets, Opp. 1, 11 and 17
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Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Streichquintette, transkribiert von Carl Khym (ca.1770-?)

 

Ludwig van Beethoven, 1770 in Bonn geboren, hatte es dort bereits zu Anerkennung gebracht, als er 1787 nach Wien aufbrach, um dort bei Mozart zu studieren. Die Krankheit seiner Mutter zwang ihn jedoch zu einer schnellen Rückkehr, und ihr schließlicher Tod bedeutete, dass er angesichts der Unfähigkeit des Vaters, einem ehemaligen Tenoristen im Dienst des Kölner Erzbischofs, die Verantwortung für seine jüngeren Brüder übernehmen musste. 1792 ging Beethoven dann erneut nach Wien, um nun – nachdem Mozart gestorben war – bei Joseph Haydn zu studieren, den er bereits in Bonn kennen gelernt hatte.

Beethoven verdankte seine frühen Erfolge in der Donaustadt nicht zuletzt der Tatsache, dass er dort seinen Wohnsitz nahm. Er wurde mit führenden Persönlichkeiten der Wiener Gesellschaft bekannt gemacht, sodass er in der Lage war, sich beim kunstsinnigen Bürgertum schon bald als außerordentlich talentierter Pianist und Meister der Komposition und Improvisation zu etablieren. So musste sein um die Jahrhundertwende beginnendes Gehörleiden wie eine Ironie des Schicksals erscheinen. Diese Krankheit, die schließlich zu seiner vollständigen Ertaubung führte, verhinderte eine Virtuosenkarriere und ließ ihn gänzlich die Komponistenlaufbahn einschlagen, während derer er eine Vielzahl umwälzender Neuerungen zuwege bringen sollte. Die Taubheit schien seine gelegentlich an Paranoia grenzende Exzentrizität nur noch zu verstärken; gleichzeitig befähigte sie ihn aber, seine kontrapunktische Kunst bis zur Perfektion zu entwickeln; er begann die von seinen Vorgängern – vornehmlich Haydn und Mozart – übernommenen Modelle zu revolutionieren und sie bis an ihre Grenzen zu expandieren. Sein Tod im Jahre 1827 löste in Wien öffentliche Trauer aus.

 

Bei den drei hier eingespielten Werken handelt es sich um Bearbeitungen von zwei seiner Trios und seiner Hornsonate. Die Transkriptionen stammen von dem böhmischen Oboenvirtuosen Carl Khym (auch Kyhm oder Chym). Er wurde um 1770 geboren und war vermutlich in kaiserlichen Diensten angestellt. Über sein Leben ist nur wenig bekannt, aber er hinterließ eine Reihe von Kammermusikwerken sowie kompetente und effektvolle Arrangements von Werken anderer Komponisten. Seine Streichquintettfassung von Beethovens Klarinettentrio op. 11 erschien 1810/11 in Wien und Pest, die der Hornsonate 1817 bei Simrock in Bonn, während die Bearbeitung des Klaviertrios op. 1 Nr. 2 vermutlich 1815 entstand. Nach 1819 ist nichts weiter über Khym bekannt.

 

Im Jahr 1795 veröffentlichte Beethoven eine Sammlung von drei Klaviersonaten mit einer Widmung an Fürst Carl Lichnowsky, in dessen Haus sie in Anwesenheit von Joseph Haydn auch zur Uraufführung gelangten. Haydns Bedenken, dass die dritte Sonate beim Publikum nicht die erhoffte Wirkung erzielen könnte, wertete Beethoven als implizierte Kritik. Das zweite Werk der Gruppe, das Klaviertrio G-Dur op. 1 Nr. 2, ist auch in der Bearbeitung als Streichquintett durchaus überzeugend. Der erste Satz beginnt mit einer langsamen Einleitung, wobei die dekorativen melodischen Elemente nun von der Violine gespielt werden, die das Allegro vivace mit einem lebhaften ersten Thema eröffnet, wobei es zwischen den anderen Instrumenten zu einer gleichmäßigen Aufgabenverteilung kommt. Die erste Violine stellt das zweite Thema in diesem Sonatenformsatz mit wiederholter Exposition, Durchführung und Reprise vor. Die charakteristisch ausgehaltene Klaviermelodie des ursprünglichen Trios im langsamen Satz erklingt jetzt ebenso idiomatisch in den Streichern. Das Eröffnungsthema wird eine Oktave höher wiederholt, wonach die erste Violine ein zweites Thema einführt. Beide Themen kehren bald zurück – mit einem kurzen Ausflug in die Molltonika vor dem Schlussabschnitt. Das Scherzo wird vom Violoncello angestimmt, dem sich die anderen Instrumente unmittelbar anschließen. Es bildet den Rahmen für ein h-Moll-Trio. Das abschließende Presto beginnt wie im Original mit raschen Tonwiederholungen in der Violine. Die ursprüngliche Klavierimitation des Themas in diesem Sonatensatz mit wiederholter Exposition, zentraler Durchführung und Reprise erfährt in der Bearbeitung einige Änderungen.

 

Das 1798 komponierte Trio B-Dur op. 11 verdankt seinen Beinamen „Gassenhauertrio“ einem Thema im Finalsatz, das Beethoven aus Joseph Weigls komischer Oper L’amore marinaro (Die Liebe unter den Seeleuten) entnahm, und zwar dem Terzett „Pria ch’io l’impegno“ für drei Bässe. Obwohl das Werk häufig in einer zeitgenössischen Bearbeitung für Violine, Violoncello und Klavier aufgeführt wird, war es ursprünglich mit Klarinette statt Violine besetzt und verdankte diese Instrumentation der Bekanntschaft des Komponisten mit dem Klarinettisten Joseph Bähr, der ihm das Thema für die Variationen des letzten Satzes vorgeschlagen hatte. Bähr arbeitete mit Beethoven in Aufführungen von dessen Quintett op. 16 zusammen und war auch einer der Mitwirkenden bei den ersten Aufführungen des Septetts op. 20 und des Sextetts op. 71. Er gehörte zum musikalischen Establishment von Fürst Johann Joseph Liechtenstein. Die Uraufführung des Trios fand laut Ferdinand Ries im Hause des Grafen Fries in Anwesenheit von Beethovens Pianistenrivalen Daniel Steibelt statt. Da Beethovens Klavierpart kaum Anlass zu virtuoser Zurschaustellung gab, gelang es Seibelt, den Rivalen in der Darbietung seines eigenen Quintetts zu überbieten. Eine Woche später provozierte er Beethoven mit brillanten Variationen über Weigls Melodie aus Beethovens Schlusssatz, worauf Letzterer sich mit einer virtuosen Improvisation über ein Motiv aus Steibelts Quintett revanchierte. Der in Sonatenform gestaltete Kopfsatz ist mit seinen subtilen Tonartwechseln von großem Charme und vollendeter Meisterschaft. Das folgende Adagio cantabile ähnelt in seiner Melodik dem Minuet der Klaviersonate op. 49 Nr. 2. Laut Czerny wollte Beethoven den Finalsatz ersetzen und die Variationen als separates Werk herausgeben. Trotz seines überwiegend liebenswürdigen Charakters enthält dieser Finalsatz einen melancholischen Moll-Abstecher in der vierten Variation und erneut in der dramatischen siebten Version des Themas, kontrapunktische Elemente in der neunten Variation und Synkopierungen im Schlussabschnitt.

 

Der böhmische Hornist Jan Václav Stich,  als Musiker bekannt unter seinem (wörtlichen) italienischen Pseudonym Giovanni Punto, genoss einen hervorragenden Ruf als Virtuose seines Instruments. Mit großem Erfolg trat er in den bedeutenden Musikzentren Europas auf, und 1778 schrieb Mozart für ihn einen Solopart in seiner Sinfonia Concertante für Bläser und Orchester. Für Puntos Auftritte in Wien im Jahr 1800 entstand Beethovens Hornsonate F-Dur op. 17, die der Komponist anscheinend erst am Tage vor der Uraufführung am 18. April zu Papier brachte, bei der er Punto am Klavier begleitete und seinen eigenen Part teils aus dem Gedächtnis, teils improvisierend spielte. Das Werk war ein Erfolg und musste spontan wiederholt werden. Zu einer weiteren Aufführung kam es Anfang Mai in Pest, wo es jedoch zu einem Streit zwischen Punto und Beethoven gekommen sein soll und der Komponist sich weigerte, an einem weiteren Auftritt in der Provinz teilzunehmen. Gemeinsam traten sie aber wieder am 30. Januar 1801 in Wien auf, wo sie die Sonate im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung für die in der Schlacht von Hohenlinden Verwundeten zu Gehör brachten. In seiner Transkription bearbeitet Khym das Material mit großem Effekt, wobei er die Stimmen gemäß dem Tonumfang der ursprünglichen Instrumente umverteilt und dem Violoncello den Hauptanteil am Eröffnungspart des Horns überträgt. Die Themen werden in einem Zentralabschnitt durchgeführt, bevor sie mit den nötigen Änderungen in der Reprise wiederkehren. Eine kurze Introduktion leitet das abschließende F-Dur-Rondo ein. Hier antwortet das Violoncello dem Hauptthema der Violine, die das Rahmenwerk für die verschiedenen Episoden liefert.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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