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8.553876 - Songs of Praise
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Songs of Praise
Das goldene Zeitalter des Englischen Chorgesangs

Ein wichtiger Bestandteil – man kann fast sagen: das Rückgrat – der englischen Chortradition ist eine Gattung, die es nur in Großbritannien gibt: Das sogenannte Anthem. Hinter diesem Begriff verbirgt sich seit der Mitte des 16, Jahrhunderts eine Art der Chorkomposition, der geistliche Texte in der Nationalsprache zugrunde liegen. Diese Texte stammen nicht aus der Liturgie des Gottesdienstes, dienen aber gewissermaßen zu ihrer Erweiterung und Verzierung. Der Hintergrund für die Entstehung des Anthems war die Forderung nach Textverständlichkeit im Gottesdienst, der ja traditionell auf Latein abgehalten wurde. Musikhistorisch ist das Anthem mit der Geschichte der Motette verknüpft; beide Gattungen haben die gleichen spätmittelalterlichen Wurzeln. Auf dem Kontinent wurde die Geschichte Motette auch fortgeschrieben – von Komponisten wie Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach und einigen wenigen der späteren Zeit.

Das Anthem, das bereits zur Zeit Georg Friedrich Händels seine volle barocke Pracht entfalten konnte, erlebte zu einer Zeit seine Blüte, als die Motette im übrigen Europa kaum noch gepflegt wurde: in der sogenannten Viktorianischen Epoche (also der Regierungszeit der englischen Königin Victoria zwischen 1837 und 1901) und dem sich anschließenden Beginn des 20. Jahrhunderts – der "Blütezeit", wie sie auf dieser CD repräsentiert wird.

Das Anthem unterscheidet sich von der Motette durch bestimmte kompositionstechnische Details. Die Textvertonung ist im wesentlichen syllabisch, das heißt: Eine Silbe kommt auf einen Ton. Die Melodiebildung orientiert sich somit am Textrhythmus (ein Ergebnis der Forderung nach Textverständlichkeit), und die Stücke sind meist homophon gesetzt – ein Stil, der in allen Schichten, das heißt von Chören unterschiedlichen Niveaus gepflegt werden kann. Die große Reichweite nach unten hin ist auch ein typisches Merkmal der englischen Chortradition seit dem späten 19. Jahrhundert: Ob Gemeindechor oder hoch ausgebildetes Ensemble einer "Cathedral" – Anthems wurden überall gesungen.

Interessanterweise kamen die Prototypen für bestimmte Kompositionstechniken dann doch wieder vom Kontinent: Als besonders wichtiges Vorbild – vor allem wegen seiner Annäherung an den Barock aus romantischer Sicht – war Felix Mendelssohn Bartholdy, der in England fast als "ehrenamtlicher Landsmann" angesehen wurde. Darüber hinaus war es vor allem Mozart, dessen scheinbar ganz schlichte, späte Vertonung des Ave verum corpus aus dem Jahre 1791 bereits weit ins 19. Jahrhundert hineinzureichen scheint.

Ralph Vaughan Williams verband die Rückbesinnung auf alte englische Volkslieder mit einem außergewöhnlich reichen Chormusikschaffen. Das hier zu hörende Anthem Let all the world in every corner sing enthält mit seinen modalen Tönungen und ungewöhnlichen harmonischen Schritten typische Stilelemente des Komponisten.

Charles Wood war eine wichtige Persönlichkeit im Rahmen der Wiedergeburt der englischen Musik (Die Musikgeschichtsbücher weisen immer wieder daraufhin, daß es zwischen dem barocken Henry Purcell und dem spätromantischen Edward Elgar keinen bedeutenden englischen Komponisten gegeben habe). Obwohl sein Name heute nicht mehr sehr bekannt ist, gehörte er zu den wichtigen Lehrern seiner Zeit. Als Professor in Cambridge unterrichtete er Meister wie Michael Tippett und Ralph Vaughan Williams. Sein Chorsatz O thou the central orb gilt heute als Klassiker des englischen Chorgesangs – genauso wie die Evening Hymn von Henry Balfour Gardiner, einem Komponisten, der nur durch dieses eine Stück bekannt geworden ist.

Ein ebenfalls heute kaum bekannter Komponist ist Sir lohn Stainer, der jedoch als Organist der St. Paul's Cathedral und als Professor in Oxford über großen Einfluß verfügte. God so loved the world ist ein zentrales Stück aus Stainers Oratorium The Crucifixon.

Edward Elgar, der wie gesagt als Galeonsfigur der neueren englischen Musik gilt, hatte auf dem Gebiet der Chormusik seine ersten kompositorischen Erfahrungen gesammelt. Give unto the Lord ist eine ausgedehnte Vertonung des 29. Psalms. Das Stück wird eingeleitet durch den ersten Satz der Orgelsonate in G-dur – Elgars einziges bedeutendes Werk für "die Königin der Instrumente".

Geraid Finzi und John Joubert sind Komponisten, die bereits im 20. Jahrhundert geboren wurden. Das Anthem God is gone up lebt von großer musikalischer Architektur und macht sich die die Akustik der großen Kathedralen zunutze. O Lorde, the maker of al thing bildet dazu einen zurückhaltenden, ernsten Kontrast.

Sir Hubert Parry schuf mit seiner Hymne Jerusalem ein Lied, das überall in England gesungen wird. Das CD-Programm wird jedoch von einer anderen Komposition aus seiner Feder beschlossen: Dem Anthem I was glad, das traditionell am Beginn der Krönungzeremonie gesungen wird – in dem Moment, in dem das englische Staatsoberhaupt die Kathedrale durch das westliche Tor betritt und durch das Kirchenschiff und den Chorraum schreitet.

Deutsche Fassung: Oliver Buslau


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