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8.553885-86 - ELGAR: The Dream of Gerontius, Op. 38
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Edward Elgar (1857-1934)
The Dream of Gerontius, op. 38

 

Verglichen mit den übrigen europäischen Musikkulturen fand die englische Musik erst recht spät zu einem Nationalstil. Zwar hatte sich auf der britischen Insel im 19. Jahrhundert mit der imperialen und bürgerlichen Prosperität ein Musikleben auf hohem Niveau etabliert, dennoch waren bis zur Jahrhundertwende deutsche und italienische Einflüsse bestimmend. Erst Edward Elgar gelang es, endgültig aus dem Schatten kontinentaler Vorbilder herauszutreten und einen eigenständigen englischen Musikstil zu begründen. Kantaten und Oratorien bilden den Großteil seines kompositorischen Schaffens. Zu den bedeutendsten Chorwerken gehören das 1900 veröffentlichte Oratorium The Dream of Gerontius und eine in Anlehnung an Wagners Ring-Tetralogie konzipierte Oratorien-Trilogie über die Entstehung des Christentums, von der allerdings nur die ersten beiden Werke The Apostles und The Kingdom vollendet wurden.

Elgars musikalischer Stil ist deutlich von den als fortschrittlich geltenden Richtungen auf dem Kontinent geprägt. Die Harmonik verrät den Einfluß Brahms und Wagners. In den Oratorien findet eine an Wagner erinnernde “Leitmotiv-Technik” Verwendung, und auch die Sequenz-Technik der entwickelnden Wiederholung läßt sich auf Wagner zurückführen. Mit ihren strahlenden Gründerzeit-Aspekten spiegelt seine Musik das weltläufig grandiose Lebensgefühl der viktorianischen Epoche wider. Mag einiges an Elgars Musiksprache in heutiger Zeit auch etwas vordergründig klingen - in seinen Partituren erscheint häufig die Anweisung “noblimente” - so verbindet Elgar dennoch in seinen besten Stücken, wie z.B. den Enigma-Variationen, solides handwerkliches Können mit einer bemerkenswerten poetischen Imagination.

Mit den Enigma-Variationen trat Edward Elgar 1899 in des Rampenlicht der musikalischen Öffentlichkeit und beendete nach fast 200 Jahren den Dornröschenschlaf der englischen Musik. Nur ein Jahr später konnte er mit einer großbesetzten Vokalkomposition, The Dream of Gerontius op. 38 an seinen triumphalen Erfolg anknüpfen. auch wenn die erste unmittelbare Resonanz auf die wenig geglückte Uraufführung manes Werkes beim Birmingham Festival am 3. Oktober 1900 eher zurückhaltend ausfiel. Nur wenige Kritiker, darunter auch Bernhard Shaw, waren sich bewußt der Aufführung eines Meisterwerkes beigewohnt zu haben und lobten die Poesie und den Mystizismus der Musik sowie die tiefempfundene Ernsthaftigkeit der dichterischen Vorlage. Doch das Publikum hatte erwartet, ein traditionelles Oratorium zu hören, das Arien, Chöre und Ensemble-Szenen im Stile Händels verbindet. Die unkonventionelle Form des Dream of Gerontius dagegen verstörte das Publikum, denn Elgar hat in seinem Werk die Textvorlage in der Manier Wagner vertont und so eine durchkomponierte Struktur geschaffen, die ihre musikalische Form aus den Erfordernissen des Gedichts gewinnt. Die Bezeichnung “Oratorium” wurde von Elgar denn auch bewußt vermieden und das Werk auf der Titelseite der Partitur schrlicht The Dream of Gerontius by Cardinal Newman set to music by Edward Elgar op. 38 genannt.

Elgar hatte das 1865 fertiggestellte Gedicht von Cardinal John Henry Newman bereits Jahre zuvor kennengelernt, und es hat, wie er selbst erklärte, “wenigstens acht Jahre in meinem Kopf gearbeitet, und in diesen Jahren habe ich nach und nach die Gedanken des Autors in mein eigenes musikalisches Herz aufgenommen.” Es handelt sich bei dem Gedicht um eine Reihe lyrischer und dramatischer Episoden, die die Lehre vom Fegefeuer schildert, wie sie von der katholischen Kirche vertreten wird. Es wird elne gerechte Seele gezsigt, die im Tod den Körper verläßt und von einem Engel begleitet durch die unendlichen Himmelsräume ins Jenseits geleitet wird. Die ursprünglich sieben Abschnitte des fast 900 Zeilen umfassenden Originals wurden von Elgar zu zwei Abschnitten zusammengefaßt, die nun die beiden Teile seiner Vertonung bilden. Der erste Abschnitt schildert Gerontius auf dem Sterbelager, umringt von seinen Freunden und dem Priester, der ihm in einer feierlichen Zeremonie den letzten Segen spendet. Dieser im Diesseits angesiedelte Teil wurde relativ wenig gekürzt und entspricht weitgehend dem ersten Abschnitt der Textvorlage. Die übrigen sechs Abschnitte des Gedichts sind zum zweiten Teil des Oratoriums zusammengefaßt, und folglich sind die Kürzungen in diesem Bereich erheblich einschneidender. Dennoch wird der Ablauf der Handlung nicht verändert und durch die verbleibenden Textpassagen hinreichend verständlich gemacht. Im zweiten Teil von Elgars Vertonug lernt die Seele des Verstorbenen Gerontius zunächst ihren Schutzengel kennen, der sie im folgen Verlauf durch die verschiedenen Regionen des Jenseits führt. Während ihres Gangs durch die Himmelsräume wechseln die Chöre der Engel mit den Gesängen der Dämonen und den Klagen der Seelen im Fegefeuer. Am Ende gelangen sie in die Gegenwart des Allmächtigen, und nach der Fürsprache des Todesengels wird Gerontius’ Seele von Gott in die höchste Sphäre zu den Gerechten aufgenommen.

Das wesentliche Neue an The Dream of Gerontius besteht in der Durchkomposition der beiden Werkteile. Diesem an Richard Wagners Musikdramen angelehnten Kompositionsverfahren entspricht die Anwendung von Motiven, die - ähnlich wie die Wagnerschen “Leitmotive” - durch Wiederholung innerhalb des Werkes Verbindungen und Assoziationen herstellen. Geradezu sensationell für die damalige Zeit war der expressive Einsatz des Orchesters, das zum gleichberechtigten Partner des großen Chores wird und Klangbilder von eindringlicher Wirkung entfaltet Die Chorbehandlung ruft mit Stimmschichtungen und dem Hervorheben von Einzelstimmen eine fast räumlich-perspektivische Wirkung hervor. Nicht nur die reiche melodische Erfindung, sondern auch die ausgearbeitete Kontrapunktik, die in der Doppelfuge des Dämonen-Chores (“Dispossessed, aside thrust”) ihren Höhepunkt findet, schaffen ein atmosphärisch dichtes Gesamtbild der Komposition.

© 1997 Peter Noelke


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