About this Recording
8.553907 - NIELSEN, C.: String Quartets, Vol. 1
English  French  German 

Carl Nielsen (1865-1931)
Streichquartette Folge 1
Streichquartett in Es-Dur, op. 14
Streichquartett in F-Dur, op. 44

„Als Komponist ist Nielsen nicht nur der erste dänische, sondern der bedeutendste skandinavische Musiker überhaupt: modern, aber vollkommen unabhängig von einer Richtung, ein eigenartiger, kraftvoller, spezifisch nordischer Kontrapunktiker und volkstümlicher Melodiker."

Dieser Satz des bedeutenden deutschen Musikwissenschaftlers Hugo Riemann zeigt die Wertschätzung, die Nielsen schon zu seinen Lebzeiten weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus zuteil wnrde, und die seine ebenfalls bedeutenden Landsmänner Niels W. Gade und Johan Svendsen in den Schatten stellte. Sein 60. Geburtstag 1925 wurde zur Feier eines Nationalhelden, schon vorher stand sein Name auf der ersten Schallplattenaufnahme (1909) und der ersten Radio-Liveübertragung aus einem Opernhaus (1919) in Dänemark überhaupt. Er errang seinen ersten großen Erfolg mit seiner Streichersuite 1888 und trat mit der Uraufführung seiner Ersten Sinfonie 1892 seinen Siegeszug um die Welt als Sinfoniker an.

Carl Nielsen wurde 1865 als siebtes von zwölf Kindern auf Fünen, der gleichen Insel wie der berühmte Hans Christian Andersen, geboren. Mit acht Jahren erhielt er ersten Geigenunterricht vom Vater, einem Maler und Hobbymusiker, und dem Ortslehrer. Später lernte er Kornett spielen und wurde vierzehnjährig Mitglied des Militärorchesters in Odense. Hier wurden andere auf das große Talent aufmerksam und sammelten das nötige Geld für eine Reise Nielsens nach Kopenhagen, wo er dem hochgeschätzten Gade vorgestellt wurde. Dieser empfahl die Aufnahme in das Königliche Konservatorium der Stadt, wo er 1884 bis 1886 Violine, Klavier und Musiktheorie studierte. Nach seinem Abschluß wurde er Geiger in der Königlichen Hofkapelle, 1908-1914 dort Kapellmeister in der Nachfolge von Johan Svendsen. Die großzügige Unterstützung wohlhabender Freunde und das jährliche Staatsstipendium ab 1901 ermöglichten ihm mehrere Bildungsreisen nach Deutschland, wo er die für ihn bedeutsame Musik Richard Wagners studierte, nach Italien, Griechenland und Frankreich, wo er seine künftige Frau, die Bildhauerin Anne Marie Brodersen, kennenlernte. Sein wachsender internationaler Ruf führte ihn oft als Dirigent ins Ausland, die meiste Zeit lebte er ab 1915 in seiner vom dänischen Staat gestifteten Ehrenwohnung in Kopenhagen und spielte eine herausragende Rolle im Musikleben Dänemarks: 1915-1927 dirigierte er die Musikforeningen Kopenhagen, lehrte an seiner ehemaligen Ausbildungsstätte und wurde ab 1916 Vorstands-mitglied, in seinem Todesjahr 1931 Direktor des Königlichen Konservatoriums.

Die sechs Sinfonien Nielsens begründeten seinen Weltrang als Komponist, zu seinem kompositorischen Schaffen gehören weiterhin Konzerte für Violine, Flöte und Klarinette, Bühnenwerke (darunter Maskarade) und Werke für Chor, Solostimmen, Klavier und Orgel. Auf kammermusikalischem Gebiet wurde sein Bläserquintett (1922) sehr bekannt, mit der Komposition von Streichquartetten beschäftigte er sich seit seiner Studienzeit, aus der mehrere Einzelsätze stammen. Vollendet hat Nielsen fünf Streichquartette, zu denen außer den beiden vorliegenden Werken ein unveröffentlichtes in d-Moll (1882/83), eines in g-Moll op. 13 (1887/88, revidiert 1897/98) und eines in f-Moll op. 5 (1890) gehören.

Zeitgleich mit der Neubearbeitung seines Quartetts in g-Moll op. 13 schrieb Nielsen ein neues Werk dieser Art, sein Streichquartett Es-Dur op. 14, das im Mai 1899 in Kopenhagen zur Uraufführung kam. Für eine weitere Aufführung und eine Verlagsveröffentlichung im folgenden Jahr mußte Nielsen sein Werk aus dem Gedächtnis rekonstruieren, weil das Originalmanuskript verlorengegangen war. Der erste Satz, ein Sonatenrondo mit zwei kontrastierenden musikalischen

Themen, ist von rhythmischer Vielfalt und kontrapunktischem Einfallsreichtum geprägt. Der zweite, langsame Satz ist in sich dreiteilig aufgebaut und ist vom Hin- und Hergleiten zwischen teilweise entfernten Tonarten gekennzeichnet. Ebenfalls dreiteilig ist der dritte Satz, in Anknüpfung an die klassische Form Scherzo (hier ein sanft schwingendes Allegretto pastorale) – Trio (hier ein energisches Presto) – Scherzo (Reprise des ersten Teils). Der Finalsatz stellt ein heiteres Hauptthema einem ruhigen Nebenthema gegenüber und verarbeitet beide in vielgestaltiger, vor allem kontrapunktischer Art und Weise. Der Begriff des Kontrapunkts, der Kunst des Führens von mehreren selbständigen Stimmen, begegnet uns bei vielen Kompositionen Nielsens, er ist eines der Kennzeichen seiner Musik. Der Komponist interessierte sich für diesen Stil besonders und studierte gründlich die Ursprünge dieser Kunst, die in der Chormusik des 16./17. Jahrhunderts zu finden sind. Im allgemeinen nimmt Nielsen in seiner Musik Vorbilder auf, die den klassischen Stil (Haydn, Beethoven) im 19. Jahrhundert weiterentwickelten (Franck, Brahms). Hinzu kommt ab etwa 1890 der Einfluß Richard Wagners, besonders dessen Chromatik, die die Melodie und Harmonie soweit ausweitet, daß sie nicht mehr einer bestimmten Grundtonart zuzuordnen ist. Davon ausgehend ist die Harmonik Nielsens teilweise unscharf, das heißt sie wandert schnell durch verschiedene Tonarten und grenzt Dur und Moll nicht genau voneinander ab. Das liegt auch daran, daß seine Melodien nicht mehr auschliesslich auf diesen Tonleitern aufgebaut sind, sondern modale Leitern, wie Mixolydische, einbeziehen, die sich von den „gewohnten“ mitteleuropäischen abheben. Die Melodien bewegen sich bevorzugt um einen Zentralton und wiederholen oft einzelne Töne oder Tonfolgen. Nielsen legt Wert auf kurze und prägnante Motive, lange und blumige Themen sind bei ihm kaum zu finden.

Gleiches gilt für das Streichquartett F-Dur op. 44, das eigentlich eine aus dem Jahre 1919 stammende Neufassung eines früheren Quartetts ist, das im Jahre 1906 unter dem Titel Piacevolezza op. 19 erschienen war. Dieser Titel leitete sich aus der Vortragsanweisung piacevole (liebenswürdig, anmutig) ab, mit der der erste Satz überschrieben war. Die Fassung als opus 44 erschien 1923 und ist dem Kopenhagener Streichquartett gewidmet, das dieses Werk 1919 uraufgeführt hatte. Das Werk entstand in zeitlicher Nachbarschaft zu seinem Lustspiel Maskarade, das an Mozarts Operngestus anknüpft, musikalische Bezüge zum 18. Jahrhunden sind auch im Streichquartett zu finden. Es erinnen mehr an die Quartette des Klassikers Joseph Haydn als an die für die Entstehungszeit typische dichte Faktur der Spätromantik. Der erste Satz ist in der klassischen Sonatenform mit ihren zwei kontrastierenden Themen aufgebaut Hier fällt sofort der erwähnte eigenwillige Umgang Nielsens mit den Tonarten auf: Schon im Hauptthema wird die Grundtonan F-Dur schnell verlassen, das Nebenthema steht im entfernten cis-Moll. Der zweite Satz offenbart Nielsens Liebe zur Vokalpolyphonie des 16./17. Jahrhunderts, insbesondere zu dem italienischen Meister Palestrina. An ihn erinnert das choralartige Hauptthema des Satzes, das mit neuen Motiven verknüpft und im Stil einer Motette verarbeitet wird, die zu Zeiten Palestrinas ihre Blütezeit hatte. Am Schluß wird das Thema als Choralvariation wieder aufgenommen. Der dritte Satz ist wieder in der klassischen Form Scherzo-Trio-Scherzo komponiert, der Wechsel von anmutigen und burschikosen Einfällen beherrscht den Verlauf. Im Finalsatz werden musikalische Themen, die eher der Volksmusik oder der leichteren Unterhaltungsmusik entnommen zu sein scheinen, in einem kunstvollen kontrapunktischen Satz miteinander verwoben. Nielsen schlägt mit diesem Streichquartett eine Brücke von der Nationalromantik der 1880er Jahre zu einem international wirkenden Stil der unter der Bezeichnung Neue Sachlichkeit in den 1920er Jahren zur Entfaltung gelangte.

Tilo Kittel


Close the window