About this Recording
8.553919 - DUPRE: Works for Organ, Vol. 4
English  French  German 

Marcel Dupré (1886-1971)
Orgelwerke Folge 4

In den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts hat Marcel Dupré einen kaum zu unterschätzenden Einfluß auf sämtliche Aspekte des Orgelspiels ausgeübt. Er war nicht nur ein überragender Solist, der in seiner Laufbahn weit über 2000 Konzerte gegeben hat, sondern drückte der Orgelkunst dieses Jahrhunderts auch als Komponist, Lehrer, Musikschriftsteller und Herausgeber selnen Stempel auf. Er war der erste Organist, der das gesamte Orgelwerk von Johann Sebastian Bach aus dem Gedächtnis spielte. Die Kennzeichen seiner Kunst waren seine überragende technische Virtuosität und seine außergewöhnliche Fähigkeit zur freien Improvisation, die ihre Wurzeln in einer fundierten Kenntnis des Gregorianischen Chorals, der Harmonielehre und des Kontrapunkts hatte. Seine Improvisationen waren nicht nur ein wichtiger Bestandteil seiner Konzerte und seiner Arbeit an der Kirche von Saint-Sulpice in Paris, sondern auch in vielen Fällen die Grundlage für seine veröffentlichten Kompositionen.

Marcel Dupré wurde 1886 in Rouen geboren und wuchs in einer Musikerfamilie auf – sein Vater war Organist an der Kirche Saint-Quen in Rouen. Bereits als Zwölfjähriger wurde er zum Titular-Organisten an der Kirche Saint-Vivien in Paris ernannt. Als Schüler von Felix Alexandre Guilmant und Charles Marie Widor am Pariser Conservatoire errang er Erste Preise für Orgel, Klavier und Fuge und 1914 den Prix de Rome für seine Kantate Psyche. Nach dem Ersten Weltkrieg begann seine internationale Karriere als Orgelvirtuose. Regelmäßige Konzertreisen führten ihn nach England und in die Vereinigten Staaten. 1934 wurde er Nachfolger von Widor an der Orgel in Saint-Sulpice. Als Professor am Pariser Conservatoire (1926-1954) hat er ganze Generationen französischer Organisten geprägt; viele seiner Schüler haben Erste Preise gewonnen, darunter so bekannte Organisten wie Marie Claire Alain, Jean Langlais und Olivier Messiaen. Als Komponist arbeitete Dupré in erster Linie für sein Instrument, verfolgte aber weniger liturgische Wege, sondern versuchte vielmehr, symphonische Klang-farben und konzertante Formen einzubeziehen.

Diese Folge der Gesamtausgabe von Duprés Orgelwerken enthält sowohl seine erste als auch seine letzte Komposition für dieses Instrument. Die Trois Préludes et Fugues op. 7 entstanden 1912 und gehören zu den bekanntesten Werken Duprés; Vitrail op. 65 wurde rund 60 Jahre später komponiert.

Vor allem die äußeren Sätze der drei Präludien und Fugen op. 7 vermitteln das Ungestüm eines jungen Virtuosen, jedoch besitzt das Werk auch bereits die Qualitäten reiferer Kompositionen: eine vollendete Meisterschaft im Kontrapunkt, individuelle Akkord-fortschreitungen und ein sensibles Verständnis für die verschiedenen Klangmöglichkeiten der Orgel.

Das erste Präludium H-dur ist typisch für die Gattung der französischen Orgel Toccata. Schnelle, glockenähnliche Figuren in den Manualen werden von einer großartigen Linie auf dem Pedal begleitet. Aus dem Begleitwerk des Präludiums entwickelt sich wie von selbst ein kompliziertes Fugenthema.

Präludium und Fuge Nr. 2 f-moll stehen zu den vorangegangenen Stücken in deutlichem Kontrast. Sie sind elegisch und verhalten und lassen mitunter den Schatten Debussys erkennen, der zur Zeit der Komposition noch lebte. Wieder begleiten durch­laufende Sechzehntel im Staccato die Melodie, die durch alle Stimmen wandert. Die Fuge basiert erneut auf einer Variante des Themas des Präludiums und erreicht durch einen e-moll-Teil harmonische Farbigkeit.

Das dritte Präludium g-moll setzt die elegische Stimmung fort, entwickelt aber einem deutlich musikantischeren Charakter. Die zuerst auf dem Pedal erklingende Melodie wird von wirbelnden Figuren im Manualsatz begleitet und im Verlauf immer polyphoner, bis die musikalische Struktur am Ende bis zu acht Stimmen umfaßt. Die Fuge bringt die kraftvolle Energie des H-Dur Paares zurück und steigert sich bis zu einem überwältigenden, brausenden Schluß.

Die Variationen über "Adeste Fidelis", eine Improvisation für Orgel, rekonstruiert von Rollin Smith, gehört zu der beachtlichen Zahl von Improvisationen, die von Musikern wie Dupré auf-genommen und später von anderen niedergeschrieben wurden. Rollin Smith war ein Freund Marcel Duprés aus der Zeit um 1921, als der Komponist erstmals Amerika besuchte.

Auch Vitrail op. 65 geht auf eine Improvisation aus dem Jahr 1961 zurück, die durch eines der farbigen Glasfenster in der Kirche von Saint Patrice in Rouen angeregt wurde. Einige Jahre später, 1969, hat Dupré die Idee wieder aufgegriffen und zu einer sechsteiligen Komposition verarbeitet, die, wie das östlichen Fenster der Kirche, die Auferstehung darstellt. Der lebhafte erste Teil repräsentiert den Sündenfall, der im unteren Teil des Fensters abgebildet ist. Der zweite Abschnitt ist langsamer und basiert auf einer Melodie in den hohen Registern. Der dritte Teil, der auf dem Hauptregister gespielt wird, basiert auf einer alten Hymnus-Melodie Dieser sowie der folgende Teil, der die Kreuzigung repräsentiert, kehren zur Stimmung des Anfangs zurück. Der ruhige vorletzte Abschnitt greift noch einmal die bekannte Hymnus-Melodie auf und das abschließende Allegro, das die Auferstehung darstellt, steigert die Dynamik bis zu einem triumphalen G-dur-Akkord.

Die 79 Choräle für Orgel op. 28 entstanden 1931 auf die Bitte eines Freundes hin. Jedes Stück ist knapp eine Seite lang und verfolgt die Absicht, den Schüler auf die Choral-Vorspiele Johann Sebastian Bach vorzubereiten. Die hier eingespielt Auswahl enthüllt den außergewöhnlichen Reiz der Komposition, die während eines dreiwöchigen Urlaubs in Biarritz entstanden sind.

Als Dupré 1966 bereits 80 Jahre alt war und weit seltener komponierte und spielte als zuvor, wurde er von Henry und Enid Woodward gebeten, ein Stück für ihre Library of Organ Music zu komponieren. Das Ergebnis war Meditation, das keine Opuszahl trägt.

Die Paraphrase über "Te Deum" op. 43 wurde 1946 komponiert, und offenbart den weiten Weg, den der Komponist seit den Trois Préludes et Fugues op. 7, mit denen diese Einspielung begann, zurückgelegt hat. Dupré hat einen höchst individuellen, rhythmisch pulsierenden Staccato-Stil entwickelt, der zum einen aus dem alten Toccata-Stil hervorgegangen, zum anderen vielleicht von Prokofieff beeinflußt ist. Er ist deutlich in der Begleitung des Choral-Thema des Te Deums erkennbar. Die Harmonik hat deutlich an Reichtum und dunkler Färbung gewonnen, und die Erhabenheit hat eine Tiefgründigkeit und Ausdrucks-kraft erreicht, die einem Leben entspringt, das dem Orgelspiel und der Komposition gewidmet war.

Peter Noelke


Close the window