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8.553925 - RINCK: Works for Organ
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Johann Heinrich Christian Rinck (1770-1846)
Orgelwerke

Johann Christian Heinrich Rinck wurde am 18. Februar 1770 in Elgersberg im Herzogtum Gotha geboren. Nach erstem Unterricht bei seinem als Lehrer-Organist tätigen Vater und in anderen thüringischen Orten bei mehreren Lehrern, deren Kenntnisse er offenbar jeweils in kurzer Zeit ausschöpfte, begab er sich mit 16 Jahren nach Erfurt in die Lehre Johann Christian Kittels, eines der bedeutendsten Schüler J.S. Bachs. Dieser schätzte sein Talent so sehr, daß er ihn schon bald als seinen Vertreter an der Orgel der Predigerkirche einsetzte. 1789 wurde er als Stadtorganist nach Gießen verpflichtet. Bereits kurz nach der Ernennung zum dortigen Universitätsmusikdirektor 1805 folgte er einem Ruf auf die – besser bezahlte – Position eines Kantors und Organisten an der Stadtkirche Darmstadt, wo er bis zu seinem Tode am 7. August 1846 blieb. Er entfaltete dort eine rege künstlerische Tätigkeit, auch als Pädagoge und Orgelrevisor. Trotz nur weniger, wenn auch höchst erfolgreicher, kleinerer Konzertreisen in Deutschland erfreute er sich auch international einer bedeutenden Reputation, die ihm zahlreiche Ehrungen einbrachte, u.a. die Ernennung zum Hoforganisten in Darmstadt und die Ehrendoktorwürde der Universität Gießen. Ursache hierfür waren vor allem seine zahllosen gedruckten und weit verbreiteten, daher auch kommerziell erfolgreichen Kompositionen, vor allem Orgel-, aber auch Vokal-, Kammer- und Klaviermusik. Als Pädagoge hat er besonders über seinen Schüler Adolph Friedrich Hesse das Orgelspiel einer ganzen Generation deutscher Organisten, in der Folge auch in Frankreich, maßgeblich beeinflußt. Seine Sammlung von Musikhandschriften, deren Grundstock etliche wertvolle von seinem Lehrer erhaltene Bach-Quellen bildeten, ist für die Musikwissenschaft noch heute ein bedeutsamer Schatz.

Obwohl 20 Jahre nach dem Tode J.S. Bachs geboren, war Rinck von dessen Schule durch seinen Lehrer geprägt, verschloß sich aber gleichwohl nicht den revolutionären Neuerungen in der Musik seiner Zeit, für die beispielsweise der gleichaltrige Beethoven steht. Aus diesem Spannungsfeld heraus ist die bunte stilistische Vielfalt seines Oeuvres zu erklären, außerdem durch eine beinahe kommerziell zu nennende Ausrichtung seiner musikalischen Produktion auf die sehr unterschiedlichen Erwartungen der zahlreichen Käufer seiner gedruckten Kompositionen. Rincks Beliebtheit bei seinen orgelspielenden Zeitgenossen zeigt sich auch in der Tatsache, daß Beiträge aus seiner Feder in praktisch allen Sammelbänden mit meist für liturgische Zwecke bestimmten Orgelwerken zu finden sind. Dementsprechend überwiegen kleine Formen und der sogenannte „gebundene“ kontrapunktische kirchliche Stil. Jedoch hört man besonders in den kurzen Präludien immer wieder prägnante, vor allem rhythmisch interessante Einfälle und überraschende harmonische Wendungen.

Unter dem publikumswirksameren Titel „Concertstück“ veröffentliche William T. Best in seinem großen Sammelband „Organ Compositions Ancient and Modern“ (London um 1880) eine Introduktion mit Fuge in Es-Dur. Daß dieses Stück als gerade für das englische Publikum attraktiv eingeschätzt werden mußte, liegt an der zündenden, dem „galanten“ Stil eines C.P.E. Bach nahestehenden Thematik der Introduktion, wohl aber noch mehr an der geradezu Händelschen Geist atmenden Doppelfuge mit einem an den „stile antico“ der Vokalpolyphonie angelehnten ersten und einem moderneren, konzertanten zweiten Thema.

Von den zahlreichen Variationszyklen Rincks sind auf dieser CD drei Werke vertreten, deren Unterschiede wesentlich durch solche der Themen bedingt sind. Die Themen stammen, wie bei Rinck die Regel, von anderen Komponisten, ihre Qualität bestimmt oft auch die der Variationen. In den bei Schott erschienenen Six Variations... sur un Air de Corelli/ik Zag Caecillia kommen, op. 56 finden sich die von Rinck am häufigsten gepflegten Variationstypen:

-ruhiger akkordischer Satz mit vereinfachter Oberstimme und frühromantischer Harmonik
-imitatorische Variation mit elegant figuriertem und apart artikuliertem Thema
-robust punktierter Larghetto-Satz
-energiegeladener akkordischer Satz mit fulminant punktierten Pedalfigurationen
-Cantabile in Dur mit rokokohaft ornamentiertem Sopransolo
-vielgliedriges Finale mit einigen (auch langsamen) Piano-Einschüben

Das kurze h-Moll-Trio, publiziert von Th. Cieplik in Ausgewählte Trios (Beuthen), zeigt nicht nur gediegene Kontrapunktik und intensive imitatorische Arbeit, sondern vor allem einen ausgeprägten Sinn Rincks für musikalische Poesie.

Mit seinen Choralvariationen „Freu dich sehr, o meine Seele“ knüpft Rinck spürbar an die barocke Choralpartita an. Es finden sich Bicinium mit cantus firmus nacheinander in Unter- und Oberstimme, 3-stimmige Altdurchführung mit perpetuum mobile der Unterstimme, imitatorisch gearbeitete Tenor- und Baßdurchführungen. Dazu kommen – im Unterschied zu barocken Partiten – mehrere Sätze, die zur Gemeindebegleitung dienen könnten, mit den zeittypischen Zeilenzwischenspielen.

Rincks 1819-21 in sechs Teilen erschienene Pracktische Orgel-Schule erfuhr vor allem in ihrer durch Wilhelm Volckmar besorgten Neuauflage, die auch in den USA verlegt wurde, weite Verbreitung; man findet sie noch heute auf vielen Orgelemporen, auch in Nord- und Südamerika. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit dem von Rinck am meisten geschätzten „gebundenen“ kirchlichen Stil, der in dieser Zeit schon als sehr altmodisch empfunden werden mußte, von dem der Bach-Tradition verpflichteten Organisten Rinck aber noch verehrt und gepflegt wurde. Wie um unter Beweis zu stellen, daß er als Komponist auch die besonders von dem ihm befreundeten Abbé Vogler, einem bedeutenden Orgelreformer, vorangetriebenen Entwicklungen in Orgeispiel und – komposition kannte und beherrschte, schreibt er in der Einleitung zum 5. Band:

„Das Flöten-Concert, die Variationen und mehrere andere Stücke in der Orgelschule sind durchaus nicht bestimmt, während des Gottesdienstes gebraucht zu werden, sondern dienen dazu, zu zeigen, was und wie viel man auf der Orgel zu leisten vermag. Es würde der Vollständigkeit meines Werkes etwas fehlen, hätte ich diese Stücke im freyen Styl weglassen wollen.“

Und so läßt sich das Flötenconcert am ehesten dem Stil der Wiener Klassik zuordnen, die Variationen dem der Frühromantik. Das Konzert sieht auf den ersten Blick aus wie der Orgel- (oder Klavier-) Auszug einer Orchesterkomposition, wobei Rinck auch vor ausgesprochen klavieristischen Effekten wie Oktavtremoli nicht zurückschreckt. Zu den meist knappen und kraftvollen Partien des „Orchesters“ bilden die filigranen, teilweise virtuosen und bisweilen geradezu witzigen Passagen der Flöte einen angenehmen Kontrast. Rinck versteht es, die typische Flötenidiomatik adäquat auf der Orgel umzusetzen. Besonders das eingängige Rondo mit seinen perpetuum-mobile-artigen Akkordbrechungen hat das Flötenkonzert zu seiner populärsten Orgelkomposition gemacht.

In den Variationen über „Heil dir im Siegerkranz“ wechseln sich jeweils kompakte, „mit starken Stimmen“ zu registrierende akkordische Sätze (diese nehmen im Laufe des Zyklus an innerer Bewegung der Stimmen zu) mit solchen ab, die in Satztechnik und Registrierung charakteristischer sind, darunter beispielsweise eine Altdurchführung (Melodie im Pedal gespielt) mit konzertierender Unterstimme und zwei atmosphärische Minore-Variationen. Nach einem kleingliedrigen Übergangsteil mit Fragmenten der Liedmelodie setzt das Finale mit Elementen fugierter Arbeit ein, bevor es sich in virtuose Spielfiguren auflöst. Nach kurzem Bewegungsstau im piano schließen die Variationen mit zwei orchestralen Akkordschlägen.

Ludger Lohmann


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