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8.553960 - CANNABICH: Symphonies Nos. 59, 63, 64, 67 and 68
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Christian Cannabich (1731-1798)
Sinfonien Nr. 59, 63, 64, 67, 68

"Ich johonnes Chrisostomus amadeus Wolfgangus sigismundus Mozart giebe mich schuldig, daß ich vorgestern, und gestern (auch schon öfters) erst bei der nacht um 12 uhr nach haus gekommen bin; und daß ich von 10 uhr an bis zur benennten stund beym Canabich […], seiner gemahlin und Dochter […] ganz leichtweg gereimmet habe; und zwar lauter Sauereyen…"

Die Beispiele, die Mozart in diesem Brief an den Vater für seine linguistischen Unflätigkeiten gibt, seien hier anstandshalber weggelassen, doch waren die Cannabichs ganz offenbar für deftige Sprachspiele nach Art der Bäsle-Briefe durchaus aufgeschlossen. Dies stellte der junge "Wolfgangus" fest, als er im Jahre 1777 auf dem Weg nach Paris in Mannheim Station machte. Hier war Johann Christian Cannabich seit dem Tod seines Lehrers und Vorgängers Johann Stamitz im Jahre 1757 Hofkapellmeister und seit 1774 der alleinige "Kapell-Director" des berühmten Mannheimer Orchesters. Umso wichtiger erschien es Leopold Mozart für seinen Sohn, sich "bei dem Herrn Cannabich einzuschmeicheln"; schließlich reiste Wolfgang in diesen Jahren auf der Suche nach Ruhm, einer festen Stellung oder zumindest einem größeren Auftrag quer durch Europa. Als der Sohn dann jedoch nur geringen Eifer darin entwickelte, karrierefördernde Kontakte am pfälzischen Hof zu knüpfen und es vorzog, Cannabichs hübscher Tochter Rose Klavierunterricht zu erteilen und ihr sogar die Sonate in C-Dur KV 284b auf den Leib zu schreiben, überdies in Mannheim die fatale Bekanntschaft der Familie Weber machte und sich Hals über Kopf in Tochter Aloisia verliebte, zeigte sich Vater Leopold weniger begeistert und befahl brieflich: "Fort mit dir nach Paris!"

Seinen Freund Cannabich traf Mozart wieder, als er drei Jalue später zur Einstudierung seines Idomeneo nach München kam, denn der pfälzische Kurfürst Karl Theodor hatte 1778 nach dem Aussterben der bayerischen Wittelsbacherlinien seinen Hof samt der berühmten Hofkapelle in die bayerische Hauptstadt transferiert. Hier hörte Mozart eine Ballettouvertüre Cannabichs und schrieb seinem Vater darüber mit mehr Begeisterung als grammatikalischer Exaktheit: "Ich versichere Sie, wenn sie selbe gehört hatten – Sie würde ihnen so sehr gefallen, und gerührt haben, wie mich!"

Mag sein Urteil über den älteren Freund auch nicht ganz objektiv gewesen sein, so steht doch fest, daß Cannabich in der Tat noch andere Qualitäten besaß als nur Gastgeber derb unterhaltsamer Abende zu sein. Auch wer bisher nur seinen Namen kannte und dahinter einen blassen Exponenten der Vorklassik von lediglich musikologischem Interesse vermutete, wird mit dieser Aufnahme Cannabichscher Sinfonien eine erfreuliche Überraschung erleben. Denn abgesehen von allen "nochs" und "schons" einer stilistischen Übergangsphase, in der sich barocke Strukturen mit klassischen Elementen mischen, bezaubert die Musik Cannabichs durch die Frische ihrer Erfindung, ihre anmutige Melodik, ihre abwechlungsreiche Harmonik und Dynamik. Sich bei diesen lebhaften und kontrastreichen Sinfonien zu langweilen, dürfte schwerfallen. Zu ihrer anziehenden Varietät trägt überdies die differenzierte Bläserbehandlung bei, die freilich eine Spezialität der gesamten Mannheimer Schule war: früh hatte man hier begonnen, die Bläser nicht nur als Klangverstärkung einzusetzen, sondern sie an der thematischen Arbeit zu beteiligen. Cannabich baute diesen Aspekt erfindungsreich aus und verlieh seinen Sinfonien durch zahlreiche selbständige, virtuose Bläsersoli einen stark konzertanten Charakter. So brillieren in den ersten Sätzen der Sinfonie Nr. 63 und Nr. 64 respektive Klarinette und Oboe, bzw. Oboe und Fagott, im letzten Satz der Sinfonie Nr. 68 Klarinette und Fagott. Die Klarinette war zu dieser Zeit bekanntlich ein verhältnismäßig junges Instrument und wurde im Mannheimer Orchester zum ersten Mal überhaupt als regulärer Bestandteil des Orchesters eingesetzt. Mozart lernte sie hier kennen und lieben.

Auch andere typische Merkmale des Mannheimer Stils sind in Cannabichs Sinfonien vertreten. So das berühmte Crescendo, das kontinuierliche dynamische Anwachsen einer auch rhythmisch immer bewegteren aufsteigenden Melodielinie. Die Wirkung auf das zeitgenössische Publikum, das noch an die barocke Terassendynamik gewohnt war, muß ganz außerordentlich gewesen sein und wurde von den Mannheimer Musikern gerne dadurch verstärkt, daß sie auf dem Höhepunkt während des Spiels aufstanden. Der Dichter, Komponist und Musikschriftsteller Christian Daniel Schubart schilderte die dynamische und instrumentale Raffinesse des Mannheimer Orchesters mit poetischer Begeisterung:

"Sein Forte ist ein Donner, sein Crescendo ein Katarakt, sein Diminuendo ein in die Ferne plätschernder Kristallfluß, sein Piano ein Frühlingshauch. Die blasenden Instrumente sind alle so angebracht, wie sie angebracht sein sollen: sie heben und tragen, oder füllen und beseelen den Sturm der Geigen."

Hört man sich heute ein solches Crescendo – an etwa gegen Ende von Cannabichs Sinfonie Nr. 63 – könnte der Gedanke aufkommen, daß auch Mozart von dieser Orchesterwirkung nicht ganz unbeeinflußt geblieben ist, folgt doch der Beginn seiner Figaro-Ouvertüre einem vergleichbaren Prinzip.

Allgemein weisen Cannabichs Sinfonien deutliche Bezüge zur italienischen Opernouvertüre mit ihren drei Sätzen der Abfolge schnell – langsam – schnell auf. Die Ouvertüre wie das von der Oper unabhängige Instrumentalstück wurden als "sinfonia" bezeichnet und sind in der frühen Zeit kaum zu unterscheiden. Sich an italienischen Vorbildern zu schulen hatte Cannabich reichlich Gelegenheit, denn Kurfürst Karl Theodor hatte bald das musikalische Talent des jungen Geigers erkannt und ihm ein Studium bei Jommelli, einem der bedeutendsten Vertreter der neapolitanischen Opernschule, ennöglicht. Vielleicht liegt es somit am italienischen Einfluß, daß Cannabich durchweg dreisätzige Sinfonien schrieb, obwohl sein Vorgänger Stamitz bereits die viersätzige Form mit Menuett etabliert hatte. In der vielgliedrigen Motivfülle und bisweilen ausgeprägten Kontrapunktik knüpft Cannabich zwar zugleich an die Barocksuite an, doch kann von barockem Einheitsaffekt keine Rede mehr sein: die ersten Sätze seiner Sinfonien sind bereits von der Dialektik der klassischen Sonate geprägt. Auf das erste Thema folgt ein – meist kontrastierendes – zweites Thema auf der Dominante, eine kurze Durchführung leitet zur Reprise über, in der auch das Seitenthema in der Grundtonart erscheint. Aufhorchen läßt der erste Satz der Sinfonie Nr. 63 in D-Dur, dem eine majestätische langsame Einleitung (Grave) im punktierten Rhythmus vorangestellt ist. Der Einsatz von Pauken und Trompeten verstärkt die festliche Stimmung.

Die zweiten Sätze sind noch keine schwärmerischen Adagio-Gesänge wie häufig in Klassik oder Romantik, sondern in einem graziösen Andante gehalten. Durch ihren meist tänzerischen Charakter erklären sie das Fehlen des Menuetts. Bisweilen können sie jedoch auch die Dramatik einer kleinen Opernszene erreichen, so etwa das Andante con moto der Sinfonie Nr. 67 in G-Dur: Hier folgt auf einen melodiösen A-Teil ein B-Teil, in dem heftige Blechbläserakkorde mit zarten Holzbläsereinwürfen kontrastieren. So ließen in Glucks Orfeo die Höllenchöre die Klageu des thrakischen Sängers an ihrem unerbittlichen "No" abprallen. In dieser G-Dur Sinfonie scheint Cannabich überdies bewußt Bezüge zwischen den Sätzen hergestellt zu haben. Schon das Hauptthema des ersten Satzes (Allegro) fiel durch seine dialektische Struktur auf und auch im Presto-Schlußsatz – sonst meist ein heiterer Kehraus – werden wiederum markante Orchesterunisoni einem tänzerischen Holzbläsermotiv gegenübergestellt. Das übergeordnete Kontrastprinzip beherrscht somit alle drei Sätze.

Bei dieser Fülle von Einfällen ist man geneigt, dem bereits erwähnten Schubart zu widersprechen, der Mannheim zwar als "eine herrliche Schule in der Ausführung" pries, in der kompositorischen "Erfindung" jedoch "Monotonie" beklagte. Mozart war in Bezug auf Cannabich offenbar anderer Ansicht, doch möge sich der Hörer selbst ein Urteil bilden. Unterhalten wird er sich mit Sicherheit dabei.

Alexandra Maria Dielitz


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