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8.554020 - PADEREWSKI: Piano Concerto / Polish Fantasy
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Ignacy Paderewski (1860-1941)
Klavierkonzert; Polnische Fantasie über Originalthemen; Ouvertüre

Als Ignaz Paderewski 1884, schon 24 Jahre alt, Theodor Leschetizky in Wien vorspielte, teilte ihm der berühmte Musikpädagoge mit, es sei zu spat. Zwar verfüge er über eine natürliche Technik und ein gewisses Maß an Begabung, aber seine Finger seien hoffnungslos undiszipliniert und er wisse nicht zu arbeiten. Doch Paderewski hatte sich vorgenommen, Pianist zu werden. Er übte verbissen, und nach wenigen Jahren räumte Leschetizky, offensichtlich beeindruckt, ein, daß es „möglicherweise doch eine Art Karriere für diesen jungen Mann geben könnte“. Paderewski wurde der berühmteste Pianist seiner Zeit, und gestand wiederum Leschetizky zu, alles Wissenswerte über das Klavierspiel von ihm gelernt zu haben. Paderewski war jedoch nicht nur ein international berühmter Klaviervirtuose, sondern auch erster Ministerpräsident der wiedererrichteten polnischen Republik, Ehrendoktor der Universitäten von Lemberg, Krakau, Oxford und Yale, und darüber hinaus der führende polnische Komponist am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Gemessen an europäischen Maßstäben ist Paderewski vielleicht ein eher unbedeutender Komponist, seine Musik spannt jedoch den Bogen zwischen zwei anderen berühmten Komponisten Polens – Chopin und Szymanowski.

Ignaz Paderewski wurde am 6 November 1860 in der Kleinstadt Kurylówka in der Nähe der ukrainischen Grenze geboren. Sein musikalisches Talent erfuhr schon früh die Förderung durch die Familie, und 1872 begann er, am Musikkonservatorium in Warschau Klavier sowie Harmonielehre und Kontrapunkt zu studieren. Mit 18 Jahren machte er dort sein Examen und wurde zum Professor der Klavierklasse ernannt. Ein Jahr später ging er nach Berlin, um seine Studien durch Kompositionsunterricht bei Friedrich Kiel und Heinrich Urban fortzusetzen. Seine pianistischen Fähigkeiten vervollkommnete er ab 1884 bei Theodor Leschetizky in Wien. Seine spektakuläre Karriere als einer der größten – und elegantesten – Pianisten seiner Zeit begann rnjt einem feierlichen Debütantenkonzert in Wien 1887 , auf das Konzerte in allen Musikzentren Europas folgten. 1891 gab er sein Amerika-Debüt in der New Yorker Carnegie Hall, und während der anschließenden viermonatigen Tournee durch die Vereinigten Staaten spielte er nicht weniger als 117 Konzerte.

Neben seinen zahlreichen Konzertreisen fand Paderewski Zeit, sich eigenen Kompositionen zu widmen. Ein Großteil seiner Werke (17 Opusnummern und eine Reihe von unnummerierten Werken) entstand in den Sommermonaten, die er in der Villa Riond­-Bosson im schweizerischen Morges verbrachte. Bei den meisten Stücken, die bis 1888 veröffentlicht wurden, handelt es sich um phantasievolle Klavierminiaturen mit programmatischen Titeln sowie Werken, die auf polnischen Volksmusik-Motiven beruhen. Seine ersten größeren Werke waren die Violinsonate op. 13 und das Klavierkonzert a-moll op. 17, das er 1888 beendete und das deutliche Einflusse von Chopin und Liszt aufweist. Fünf Jahre später entstand die konzertante Polnische Fantasie sowie eine Klaviersonate und verschiedene kleinere Stücke.

Angeregt durch Polens Kampf um Freiheit und nationale Unabhängigkeit komponierte Paderewski eine nationale Oper. Die im Untertitel „Lyrisches Drama“ bezeichnete Manru, die auf einem irn Wolhynischen Dorfleben angesiedelten Roman von I. Kraszewski beruht, wurde 1900 beendet und im Mai 1901 in Dresden erfolgreich uraufgeführt. In der Saison 1901/02 ging das Werk über die Opernbühnen von Lemberg, der Metropolitan Opera, Philadelphia, Boston, Chicago und Baltimore, verschwand dann aber bald spurlos aus den Spielplänen. Patriotische Züge kennzeichnen auch Paderewskis Polnische Sinfonie, die Ausschnitte aus der polnischen Nationalhymne zitiert. Sie wurde zunächst 1908 in Lausanne und im folgenden Jahr 1909 in Boston aufgeführt.

1915 unterbrach Paderewski seine künstlerische Laufbahn, um sich einer patriotischen Kampagne für den Wiederaufbau eines unabhängigen Polen anzuschließen. Auf seinen Reisen durch die USA und Europa hielt er über 300 öffentliche Reden und diskutierte mit den führenden Staatsmännern Amerikas und Europas. Nachdem er von 1917 bis 1919 Mitglied des Polnischen National-Komitees in Paris war, wurde er Anfang 1919 in Polen Vorsitzender des Ministerrats und Außenminister und unterzeichnete am 28. Juni 1919 für Polen den Versailler Vertrag.

1922 nahm Paderewski seinen Konzerttätigkeit wieder auf und arbeitete ab 1936 an einer Neuausgabe der Werke Chopins. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die deutschen Truppen Polen besetzten, floh Paderewski in die USA, wo er am 29. Juni 1941 starb Er wurde mit höchsten militärischen Ehren im Arlington Mausoleum in Washington beigesetzt.

Die beiden Werke für Klavier und Orchester, die diese CD zusammenstellt, bestechen sowohl durch ihre Virtuosität als auch die Großartigkeit ihres Stils und haben über die Jahre immer wieder berühmte Pianisten angezogen. Heute gehören sie jedoch eher zum Randbereich des Klavierrepertoires, denn virtuose Zur-­Schau-Stellung im Konzertsaal ist doch weitgehend aus der Mode gekommen. Paderewskis stark romantisch geprägte Musikauffassung, die klare und einprägsame Melodien mit brillantem Virtuosenturn verbindet, stößt am Ende des 20. Jahrhunderts auf Unverständnis; zu seiner Zeit hingegen waren Enthusiasmus und Leidenschaft in der Musik ein sicheres Erfolgsrezept.

Das Klavierkonzert a-moll beginnt mit einem üppigen Orchesterklang, der sich zu einem volksliedhaften Thema im Orchester entwickelt, bevor das Klavier die lyrische Stimmung aufgreift. Der Stil des Soloinstruments wird zunehmend virtuoser und schließlich setzt sich die große Geste eines romantischen Klavierkonzerts durch, die bis zum Ende dieses Allegro-Satzen anhält. Den zweiten Satz, Andante Romanza, eröffnen die Holzbläser mit einem lieblichen Thema, begleitet von einem Klavierpart, der unzweifelhaft an die lyrischen Passagen Chopins erinnert. Das Klavier umspielt die Orchestermelodie und nimmt an Intensität ständig zu, um nach einem Höhepunkt schließlich zu verklingen. Das abschließende Allegro molto ist ein virtuoser polnischer Tanz, der dem Solisten alle Möglichkeiten einräumt, ein virtuoses Feuerwerk abzubrennen.

Die einsätzige Fantasie über Originolthemen beginnt mit einem langsamen Volkstanz, der jedoch fast sofort von stürmischen Kaskaden irn Klavier unterbrochen wird. Brillante Themen, die Rhythmen des Krakowiak, des Kujawiak und der Mazurka verwenden, wechseln sich in diesem 20minütigen Paradestück mit ruhigeren, lyrischen Abschnitten und anspruchsvollen Solo-Passagen ab.

Eine nachdenkliche Melodie eröffnet die wenig bekannte Ouvertüre und leitet über zu einem heiteren Tanzthema in den Holzbläsern. Die polnischen Elemente scheinen an den Stil der frühen deutschen Romantik angelehnt zu sein. Zwei Themen werden zusammen entwickelt und übernehmen abwechselnd die Führung in einem Tanz, der bis zum Ende seinen heiteren Charakter nicht verliert.

Peter Noelke


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