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8.554071 - BECK, F.I.: 6 Symphonies, Op. 1 (New Zealand Chamber Orchestra, Armstrong)
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Franz Ignaz Beck (1734–1809)
Sechs Sinfonien op. 1

Als Franz Beck um die Mitte der 1750er Jahre seine ersten Sinfonien komponierte, war das Genre noch jung, wenn auch keineswegs unterentwickelt. Der berühmteste Exponent der Sinfonie war Becks Lehrer Johann Stamitz (1717–1757), Leiter der gefeierten Mannheimer Hofkapelle. Er hat die Sinfonie nicht nur auf eine neue Ebene technischer Verfeinerung gehoben, sondern zusammen mit einer Reihe begabter Kollegen auch einen neuen und unverwechselbaren Orchesterstil geschaffen. Stamitz’ Sinfonien waren außerordentlich populär, insbesondere in Frankreich. Sie kursierten in gedruckter Form wie auch als Einzelmanuskripte und übten so einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Sinfonie aus. Die Präsenz von Stamitz, Richter, Holzbauer, Filtz und anderen am Mannheimer Hof bewirkte ein einzigartiges musikalisches Umfeld, das einen jungen und ambitionierten Komponisten wie Beck begeistert haben muss.

Beck begann seine Musikstudien bei seinem Vater Johann Aloys, Rektor der Chorschule am kurpfälzischen Hof in Mannheim. Er studierte u.a. Violine, Kontrabass und Orgel und zeigte derart eindrucksvolle Talente, dass sich Kurfürst Carl Theodor seiner Ausbildung annahm. Wenn man dem Bericht von Becks Schüler Henri Louis Blanchard (1778–1858) Glauben schenken darf, musste der junge Musiker nach einem Duell mit einem eifersüchtigen Rivalen, den er tot glaubte, aus Mannheim fliehen. Viele Jahre später, so wird berichtet, wurde ihm klar, dass er Opfer eines üblen Scherzes geworden war – sein Gegner habe den Tod nur vorgetäuscht. Diese Version des Geschehens ist nicht allgemein akzeptiert; so wurde auch behauptet, Beck habe Mannheim aus weniger spektakulären Gründen verlassen, nämlich um bei Baldassare Galuppi (1706– 1785) in Venedig zu studieren. Wie dem auch sei, er hat mehrere Jahre in Venedig verbracht, denn von dort aus brach er mit Anna Oniga, der Tochter seines Arbeitgebers, nach Neapel auf. Nach dem ereignisreichen Aufenthalt in Italien ging er nach Marseille und wurde dort Leiter eines Theaterorchesters. Das Datum seiner Ankunft in Frankreich ist zwar unsicher, doch muss er in den späten 1750er Jahren schon sehr bekannt und angesehen gewesen sein, denn kurz nacheinander erschienen in Pariser Verlagen vier Gruppen von Sinfonien, deren erste 1758 heraus-kam und hier eingespielt ist. Die Titelseite der Sechs Sinfonien op. 1 (Sei Overture) bezeichnet ihn als „Kammer-virtuosen des pfälzischen Kurfürsten und Schüler von Johann Stamitz“. Die Titelseite von op. 3 fügt hinzu: „und gegenwärtig Konzertmeister in Marseilles“.

Von Marseilles ging Beck nach Bordeaux, wo er zum Dirigenten des Grand Théâtre berufen wurde. Seine Theaterverpflichtungen waren verbunden mit Komposition und Lehre. Zu seinen prominentesten Schülern gehörten Pierre Gaveaux (1760–1825), Blanchard und Boscha. Im Oktober 1774 wurde Beck Organist an St. Seurin in Bordeaux, wo seine Improvisationen weithin geschätzt waren. Zu den wichtigsten Werken der vorrevolutionären Zeit gehört das prächtige Stabat Mater, dessen Erstaufführung in Versailles stattfand. Wie eine Reihe anderer angesehener Komponisten hatte auch Beck offensichtlich keine Schwierigkeiten, sich dem neuen Regime anzupassen und schuf eine beträchtliche Zahl patriotischer Werke, darunter die Hymne à l’être suprême. 1803 wurde er korrespondierendes Mitglied für Musik und Komposition des Institut de France.

Becks Sinfonien wurden lange zu den bedeutendsten Werken ihrer Art in der Mitte des 18. Jahrhunderts gezählt. Ihre Qualität lässt es umso merkwürdiger erscheinen, dass er das Interesse an diesem Genre anscheinend bereits um 1766 verlor. Hätte er seine außergewöhnlichen Talente der Sinfonie weitere zwanzig Jahre oder noch länger gewidmet, so könnte er ein Werkkorpus geschaffen haben, das dem eines Johann Baptist Vanhal (1739–1813) oder Joseph Martin Kraus (1756–1792) gleichkäme. Bereits sein frühesten Sinfonien sind bemerkenswert für ihr dramatisches Gespür, ihre reiche harmonische Sprache und die flüssige, erfindungsreiche Stimmführung.

Die Sechs Sinfonien op. 1, publiziert 1758 bei Venier, sind stilistisch stark den älteren Mannheimer Kollegen verpflichtet, besonders Johann Stamitz und Franz Xaver Richter (1709–1789). Der Zeitpunkt der Komposition ist unbestimmt, so dass nicht gesagt werden kann, ob die Werke in Mannheim, Venedig oder auch in Frankreich entstanden sind. Die Titelseite der Edition – SEI OVERTURE / A PIÙ STROMENTI / COMPOSTE / DA FRANCESCO BECK / Virtuoso di Camera di Sua / A. S. L’ELECTOR PALATINO, / & Disepolo di Gioan Stamitz. / OPERA PRIMA. / Fait Gravé par Venier … – vermittelt den Eindruck, dass Beck noch immer mit dem Mannheimer Hof verbunden war, unabhängig davon, wo die Werke entstanden sind. Das spricht dafür, dass er mit dem Segen des Kurfürsten nach Venedig gegangen war und dass Blanchards spektakuläre Fluchtgeschichte unglaubwürdig ist.

In gewissem Sinne sind die Sinfonien op. 1 eher konservativ – sie nehmen Bezug auf den Stil von Stamitz’ Sinfonien der frühen und mittleren 1740er Jahre. Es ist seltsam, dass es nur wenige Bezüge zu dessen späteren Werken wie den Sinfonien op. 4 gibt; man kann daraus nur schließen, dass Beck sie nicht kannte. Stamitz hielt sich 1754/55 überwiegend in Paris auf, und es mag sein, dass Beck genau in jener Zeit von Mannheim nach Venedig ging. Gleichwohl gibt es bestimmte stilistische Ähnlichkeiten mit Richters Werken in bezug auf das reiche harmonische Vokabular, die Verwendung überraschender harmonischer Sequenzen und ihre emotionale Intensität. Die Zugehörigkeit zum Mannheimer Stil ist nicht offenkundig, obgleich der dramatische Violinpart erstklassige Musiker verlangt.

Die Sinfonien oder Ouvertüren op. 1, wie sie in der Erstausgabe bezeichnet werden, sind kurze dreisätzige Werke in der konventionellen Abfolge schnell-langsamschnell. Das Menuett als Finalsatz der Zweiten Sinfonie ist relativ ungebräuchlich, wenn auch keineswegs unbekannt in Werken jener Zeit. Seine Lebhaftigkeit erstaunt etwas, erinnert aber daran, dass das Menuett bei all seiner Regelmäßigkeit häufig in sehr unkonventioneller Weise behandelt wurde. Das eindrucksvollste Werke dieser Reihe ist die g-Moll-Sinfonie mit ihren kraftvollen, vorwärtsdrängenden Ecksätzen und dem beunruhigenden Andante in der Mitte. Beck fügte Werke in Moll in die ersten drei seiner publizierten Gruppen von Sinfonien ein – op. 3 enthält zwei –, überraschenderweise aber nicht in die vierte.

Diese turbulenten Werke haben unter den Gelehrten viele Anhänger gefunden, sind aber ansonsten weithin unbekannt geblieben. Die anderen Sinfonien sind nicht weniger eindrucksvoll – sie haben eine für die Mitte des 18. Jahrhunderts ungewöhnliche Vollendung erreicht. Einige der Sätze sind sehr kurz – das Finale von op. 1 Nr. 6 umfasst nur 35 Takte –, doch sind sie durchweg eindrucksvoll gestaltet und musikalisch einprägsam. Das eröffnende Allegro der Sinfonie in A op. 1 Nr. 6 mit seiner Folge von aufsteigenden Vorhalten gewinnt eine faszinierende Spannung und behält doch ein Gefühl von warmem und freundlichem Lyrismus. Zwar wagt sich Beck nicht in den Bereich des strengen Kontrapunkts, doch ist seine Stimmführung immer einfallsreich, die Texturen sind vielgestaltig, und bereits in diesen sehr frühen Werken offenbart er ein untrügliches Gefühl für Orchesterfarben.

Allan Badley
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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