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8.554148 - Violin Recital: Adele Anthony
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Franz Schubert (1797-1828)
Sonate für Violine und Klavier in A-Dur D 574 (op. post. 162)
Rondo für Violine und Klavier in h-Moll D 895 op. 70 („Rondeau brillant“)
Fantasie für Violine und Klavier in C-Dur D 934 (op. post. 159)

Musik war schon für den jungen Franz Schubert ein köstlicher Zauber. Sobald er imstande war, nahm er am häuslichen Quartettspiel teil. Ferdinand, sein drei Jahre älterer Bruder, saß an der ersten Geige, Ignaz an der zweiten, der Vater am Cello und das Instrument des Franzl war, wie bei Bach, Mozart und Beethoven schon, die Bratsche. Wenn der Vater einmal fehlgriff, was nicht selten geschah, tat Franz zunächst so, als habe er es nicht bemerkt. Bei einem neuerlichen Fehler indes wagte er bescheiden zu sagen: „Herr Vater, da muß was gefehlt sein“. Überhaupt war die Musik für Vater Schubert, einem Schulmeister, nur etwas Untergeordnetes, eine Sonntagsunterhaltung vielleicht - für den Sohn wurde sie das Leben selbst. Als er im Jahre 1828 in Wien mit gerade einundreißig Jahren starb hinterließ er unter anderen ein überwältigendes Liedwerk, das über sechshundert Vertonungen umfaßt, neun Symphonien, siebzehn Bühnenwerken, etliche Messen und ein umfangreiches Klavier- und Kammermusikwerk.

Erste Streichquartette schreibt Schubert schon vor 1812 - da zählt er noch nicht einmal fünfzehn Jahre. Es sind dies Jugendversuche, die trotz ihrer Anleihen bei den großen Meistern seiner und jüngst vergangener Zeit, wie etwa Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart, doch auch einige Hinweise für seinen später so ausgeprägten Personalstil enthalten. In den folgenden Jahren läßt Schubert ein Kammermusikwerk dem nächsten folgen; er komponiert Kammermusik für Streicher, für Klavier und Violine, mit Bläsern und viele andere Besetzungen. Allesamt Werke, an denen man den Fortschritt verfolgen kann, den Schubert in der Entwicklung der Themen und in der Struktur des Satzbaus machte.

Und doch müssen wir uns etwas gedulden, um den Schubert zu finden, den wir so lieben. Auf dem Weg dorthin befindet sich die Sonate für Violine und Klavier in A-Dur D 574, die einen guten Teil jener Virtuosität und gesanglichen Tiefe vorausnimmt, die uns so wundervoll an Schubert gemahnt. Schubert komponierte sie 1817 in Wien, ein Jahr nach den Drei Sonaten für's Pianoforte mit Begleitung einer Violine, den sogenannten Sonatinen, wie ihr Verleger Anton Diabelli sie bezeichnete. Von diesen hebt sie besonders ab, daß Schubert der Violine eigenständige und virtuose Möglichkeiten gegenüber den anderen Instrumenten einräumt. Dies gilt im eingeschränkten Maße für den ersten Satz (Allegro moderato), besonders aber für das Scherzo. In Gedanken wohl an den anspruchsvoll geigenden Bruder Ferdinand frönte Schubert hier der virtuosen Pose und komponierte einen sorglos hübschen Satz im Tone der damals in Mode kommenden Salonstückchen. Die übrigen Sätze, besonders der letzte, erinnern in ihrer Melodieführung von einem zum anderen Instrument an die kontemplativere Gangart der Sonatinen.

Aus ganz anderer Zeit stammt das fast zehn Jahre ältere (1826) Rondo für Violine und Klavier in h-Moll D 895. Es wurde 1827 bei Artaria in Wien mit dem Titel „Rondeau brillant“ verlegt und in dessen Haus Anfang desselben Jahres durch den tschechischen Geigervirtuosen Josef Slawjk und Karl Maria von Bocklet in Anwesenheit des Komponisten uraufgeführt. Es ist das einzige Kammermusikwerk Schuberts für Klavier und ein anderes Instrument, das zu seinen Lebzeiten in Druck erschien. Etwa ein Jahr später, am 7. Juni 1828, druckte die Wiener „Mode-Zeitschrift“ eine ausführliche Rezension: „Das großartige Talent des rühmlich bekannten Lieder- und Romanzen-Kompositeurs ist vielseitig und versucht sich in allen Fächern, wie alle Geister von einer wahren, aufwärts strebenden Kraft. Das vorliegende Werk zeigt den kühnen Meister in der Harmonie. ...Eine feurige Phantasie belebt dieses Tonstück. ...Obwohl das Ganze brillant ist, so verdankt es doch nicht seine Existenz den bloßen Figuren, die uns aus mancher Komposition in tausendfältigen Verrenkungen angrinsen und die Seele ermüden. Der Geist des Erfinders hat hier oftrecht kräftig seinen Fittich geschwungen und uns mit ihm erhoben. Sowohl das Pianoforte als die Geige braucht einen geübten Spieler, der sich auf Perioden gefaßt machen muß, die nicht durch unzähligen Gebrauch etwa ihr Bürgerrecht erlangt haben, sondern die eine neue und begeisterte Ideenfolge kund tun. Der Spieler wird sich durch die schönen Harmoniewechsel auf eine interessante Art angezogen fühlen.“

Aus dem Jahr 1827 stammt schließlich die mehrteilige große Fantasie für Violine und Klavier in C-Dur D 934; ein ungemein ausdrucksvolles und ausschweifendes Werk, das vielschichtig miteinander verwoben ist. Die Mitte der Komposition bildet ein Andantino mit acht äußerst virtuosen Variationen über ein eigenes Lied von Schubert: Sei mir gegrüßt nach Friedrich Rückert (D 741), das Schubert schon 1823 im Liederheft op. 20 veröffentlicht hatte. Die Violine erhält hier alle erdenklichen Entfaltungsmöglichkeiten: vom weichtönendes Legatospiel über das alle Saiten nutzende Arpeggienspiel bis zu Springbogen-Passagen. Attacca (ohne Pause weiter) schließen sich die übrigen Sätze an, die ebenso thematisch verzahnt sind.

Schubert schrieb das Werk ebenfalls für das Duo Josef Slawjk und Karl Maria von Bocklet; es wurde am 20. Januar 1828 in einem Privatkonzert von Slawjk im Landständischen Saal in Wien zum ersten Mal gegeben. Die Kritik nahm das Werk mit Unverständnis und Befremden auf; vielleicht liegt darin der Grund, daß die Erstausgabe von 1850 mit vereinfachten Arpeggien und Akkorden erschien. Wohl möglich, daß Slawjk die Bearbeitung in Angriff nahm, wenngleich man dies nicht mit endgültiger Sicherheit weiß. Jedenfalls ist sie heute die verbreitete Version und nicht die – zugegeben recht vertrackte – Originalfassung.

1997 Teresa Pieschacón Raphael


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