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8.554176-77 - RAVEL, M.: Chansons (Songs) (Millot, Mula, Brua, Naouri, Theruel)
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Maurice Ravel (1875-1937)

Maurice Ravel (1875-1937)

Lieder

 

Seinem Vater, einem Schweizer Ingenieur, verdankte Maurice Ravel seine Begeisterung für Präzision und ganz nebenbei auch seine Freude an mechanischen Spielsachen. Von seiner baskischen Mutter hingegen erbte er eine gewisse Vertrautheit mit der spanischen Kultur. Geboren wurde er 1875 in dem kleinen französisch-baskischen Küstenort Ciboure; den größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte er jedoch vor allem in Paris. Als Siebenjähriger erhielt er den ersten Klavierunterricht, und mit 14 Jahren war er bereits Klavierschüler in der Vorbereitungsklasse des Pariser Conservatoire, das er 1895 allerdings verließ, da es ihm nicht gelungen war, die zur weiteren Ausbildung nötigen Preise zu erringen. Drei Jahre später nahm er dann allerdings bei Gabriel Fauré seine Studien wieder auf. Obwohl er sich als Komponist bereits einen Namen gemacht hatte, brachte er es wieder nicht zu dem wichtigen Rompreis – doch als er schließlich 1905 zum fünften Mal abgelehnt wurde, kam es zu einem Skandal, in dessen Verlauf unter anderem der bisherige Direktor des Conservatoire von Gabriel Fauré abgelöst wurde.

 

Ravel komponierte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914) eine Reihe origineller Werke, die seine erfolgreiche Laufbahn begründeten. Unter anderem schuf er wichtige Klavierwerke, französische Lieder und Ballette für die Truppe des russischen Impresarios Serge Diaghilew. Seit 1915 diente er dann in der französischen Armee als Fahrer, und in diesen Jahren fand er wenig Zeit und Freude am Komponieren – schon gar nicht, nachdem 1917 seine Mutter gestorben war. Erst drei Jahre später hatte er sich geistig so weit erholt, dass er verschiedene neue Arbeiten in Angriff nehmen konnte. Unter anderem orchestrierte er sein Tanzgedicht La valse. Als Diaghilew das Werk dann ablehnte, kam es zum Bruch mit Ravel, der fortan verschiedentlich als Pianist und Dirigent im In- und Ausland seine Musik präsentierte. Der Unfall mit einem Taxi im Jahre 1932 soll die Ursache für die langwierige Krankheit gewesen sein, der Maurice Ravel schließlich 1937 erlag.

 

Ravel hinterließ an die 40 Lieder, darunter ein Dutzend Volkslied-Arrangements. Zwar wäre eine Unterteilung seines Oeuvres in verschiedene Schaffensphasen rein willkürlich, da wir es hier mit einem Komponisten zu tun haben, dessen Stil sich im wesentlichen sehr früh herausgebildet hatte; andererseits aber erscheint es recht handlich, aus den frühen Lieder, in denen er einzelne Gedichte vertonte, eine Gruppe zu bilden, die ungefähr Ravels Jahre am Konservatorium überspannt. Eine zweite Gruppe reichte dann von dem 1903 entstandenen Zyklus Shéhérazade (mit Orchester) bis zu den Chants populaires des Jahres 1910. Darauf folgen 1913 die (hier nicht eingespielten) Trois poèmes de Stéphane Mallarmé für Singstimme und Instrumentalensemble sowie der späte Zyklus Don Quichotte à Dulcinée.

 

Das älteste Lied ist die Ballade de la reine morte d’aimer (Ballade der Königin, die aus Liebe starb) [CD 2/6] auf ein Gedicht von Roland de Marès, das unverhohlen auf die Ballade des Königs von Thule aus Goethes Faust anspielt. Den archaisierenden Worten entspricht der archaische Ton, den Ravel schon bald auch anderweitig nutzen sollte und den er hier unter anderem in den illustrativen Glockenklängen anschlägt, mit denen sich der Tod der Königin ankündigt. Etwas Unheilvolles durchzieht die 1895 entstandene Verlaine-Vertonung Un grand sommeil noir (Ein gewaltiger schwarzer Schlaf) [CD 1/17] mit ihrer bedrohlichen Klavierbegleitung und dem qualvollen Höhepunkt. Der Pianist Alfred Cortot erinnerte sich, dass sein Kommilitone ein „sarkastischer, streitlustiger und unnahbarer junger Mann“ war, der „Mallarmé las und mit Satie Umgang pflegte.“ Das erste seiner Lieder, das veröffentlicht wurde, war der 1896 entstandene Titel Sainte (Die Heilige) [2/13] auf Worte von Mallarmé, der auch späterhin einen Quell bedeutender Inspirationen darstellte. Es wird vermutet, dass diese Komposition von Satie beeinflusst wurde – namentlich im Hinblick auf die akkordische Begleitung, die Gesamtstimmung und auch in der Aufführungs-anweisung liturgiquement, die auf jeden Fall zu der zarten Kontemplation über die Heilige Cäcilia passt. Die Uraufführung des Liedes fand 1907 statt.

 

1898 schrieb Ravel mit seinem Chanson du rouet (Lied vom Spinnrad) [1/6] nach Leconte de Lisle ein Lied, bei dem man zwangsläufig an Franz Schuberts Gretchen am Spinnrade aus Goethes Faust denken muss. Das Klavier illustriert die Bewegung von Spindel und Rad, und am Ende deutet der Bass das Motiv des Dies irae an, wenn im Text vom Tod die Rede ist. Etwa zur selben Zeit vertonte Ravel die Deux épigrammes de Clément Marot (Zwei Epigramme von Clément Marot) [1/10-11] – zwei Texte des 16. Jahrhunderts, die zu archaischen Wendungen förmlich einluden: Während die Begleitung des ersten Liedes von leeren Quinten bestimmt wird, reflektieren die Klavierfigurationen des zweiten die Klangwelt des Cembalos oder Spinetts. Die Gruppe der frühen Lieder endet mit der 1903 entstandenen Vertonung des Manteau de fleurs (Mantel aus Blumen) [1/18], eines unter dem Pseudonym Paul Gravollet verfassten, recht mittelmäßigen Gedichts, dessen textliche Mängel Ravels Musik wirkungsvoll überspielt.

 

Mit dem kurzen Zyklus Shéhérazade auf Gedichte aus der gleichnamigen Kollektion des Freundes Tristan Klingsor trat Ravels Liedschaffen in eine neue Phase ein (die Stücke sind ursprünglich für Orchester geschrieben und auf der vorliegenden Produktion nicht enthalten). Zwischen 1904 und 1906 entstanden dann fünf griechische Volkslieder, die hier – wie schon bei ihrer Uraufführung – in der Originalsprache gesungen werden, zumeist aber in den Übersetzungen von Michel Calvocoressi zu hören sind. Von der ursprünglichen Zusammenstellung wurden nur die Nummern 3 und 4 veröffentlicht. Ravel ergänzte die Druckfassung dann allerdings um drei neuere Titel. Die erste Sammlung war sehr rasch als Untermalung eines Vortrags entstanden, die komplette Kollektion (einschließlich der neuen Titel) wurde dann bei einer Lesung von Calvocoressi uraufgeführt. In seinen Cinq mélodies populaires grecques [1/12-16] wagte sich Maurice Ravel erstmals an die Harmonisierung von Volksliedern. 1909 wiederholte er dieses Wagnis mit einem weiteren griechischen Lied namens Tripatos [2/7]. Ein Jahr später wandte er sich einer Gruppe von Liedern in spanischer, limousinischer (französischer Dialekt aus der Gegend südlich von Limoges), schottischer, italienischer und jiddischer Sprache zu: Es entstanden die Chants populaires [1/1-5], in denen geschickte Harmonien und Begleitungen den Reiz der Melodien noch erhöhen.

 

Der Text über die Krippenfiguren, die in Noël des jouets (Spielzeugweihnacht) [1/7] aus dem Jahre 1905 von staunenden Kinderaugen betrachtet werden, stammt von Maurice Ravel selbst. Das Klavier lässt gewissermaßen die Weihnachtsglocken ertönen, indessen die Singstimme sowohl auf die Histoires naturelles von 1906 als auch auf das gemeinsam mit Colette verfasste Bühnenstück L’enfant et les sortilèges hinzudeuten scheint. In den bewussten Geschichten aus dem Tierreich [2/1-5] schuf Maurice Ravel fünf gelungene Prosa-Vertonungen auf Texte des Schriftstellers Jules Renard. Dieser ist vor allem durch den Roman einer unglücklichen Kindheit – Poil de carotte (Rotfuchs) – bekannt geworden, hatte aber auch mit Prosa-Dichtungen von der Art der Histoires naturelles Erfolg, die unter anderem von Toulouse-Lautrec und Bonnard illustriert wurden. Ravel versuchte diese Texte mit musikalischen Mitteln zu interpretieren und ließ demzufolge die Singstimme weithin den Rhythmen und dem Tonfall der Worte folgen. Der äußerst angesehene Renard zweifelte an der Notwendigkeit einer musikalischen Deutung, konnte aber überredet werden, sich die Uraufführung eines Werkes anzuhören, in dem der Kritiker Emile Vuillermoz sogar Ravels eigene Sprechweise glaubte erkennen zu können.

 

Die mittlere Schaffensperiode beginnt mit Les grands vents venus d’outremer (Die großen Winde von jenseits des Meeres) [2/12], in dem Ravel 1906 ein Gedicht des Poeten und Romanciers Henri de Régnier vertonte. Der von den Worten beschworene Aufruhr winterlicher Stürme spiegelt sich in der Begleitung und erreicht schließlich ein frostiges Ende. Sur l’herbe (Im Gras) [2/14] ist die Vertonung eines bildhaften Gedichts aus Verlaines Fêtes galantes, das vermöge verschiedener Gesprächsfetzen eine idealisierte Welt à la Watteau entwirft. Die Vocalise [2/16] ist eine Etüde in Form einer Habanera. Sie entstand als Auftrag des Pariser Konservatoriums und erreichte später in verschiedenen Instrumentalbearbeitungen große Popularität.

 

Für die Deux mélodies hébraïques (Zwei hebräische Lieder) [1/8-9] benutzt Ravel das wichtige aramäische Kaddish, in dem er den Kantorengesang von spärlichen Klavierklängen begleiten lässt, sowie das jiddische Lied L’énigme éternelle (Das ewige Rätsel), das trotz seines völlig andern Charakters eine geheimnisvolle Atmosphäre verbreitet. Die Trois chansons (Die Lieder) [2/8-10] aus den Jahren 1914/15 hat Ravel nach drei unmittelbar zuvor entstandenen Stücken für vier a cappella-Stimmen eingerichtet. Die Texte stammen vom Komponisten selbst, der in seinen Worten versteckt auf den Krieg anspielt, wenn er von den Vögeln des Paradieses spricht: Sie haben blaue, weiße und rote Federn, und der letzte bringt dem Soldaten den Tod. Bei Nicolette handelt es sich um eine schlichte, vom Klavier illustrierte Erzählung, und bei der abschließenden Ronde handelt es sich um ein Lied komischen Inhalts.

 

Mit seinem Ronsard à son âme (Ronsard zu seiner Seele) [2/11] von 1923/24 leistete Ravel seinen Beitrag zu einem Tombeau de Ronsard, zu dem eine Reihe führender Komponisten Musik verfassten. Den damaligen Geschmack hört man in den reinen Begleitintervallen, die an die Technik des organum sowie an die beiden früher entstandenen Marot-Vertonungen erinnern. Das evokative kleine Lied Rêves (Träume) [2/15] auf ein Gedicht von Léon-Paul Fargue entstand 1927.

 

Seine Chansons madécasses (Madagassische Lieder) [2/17-19] vollendete Ravel im Jahre 1926. Der kreolische Dichter Evariste-Désiré de Forges, Vicomte de Parny, wird als Übersetzer der drei 1787 veröffentlichten Texte angegeben; er könnte allerdings auch selbst der Verfasser derselben gewesen sein. Die ursprüngliche Fassung für Singstimme, Flöte, Violoncello und Klavier entstand im Auftrag von Elizabeth Sprague Coolidge. Den Texten dieser drei Lieder entspricht Ravel mit einem für ihn ansonsten untypischen Erotizismus. Das zeigt sich besonders im ersten Lied Nahandove. Sowohl die Warnung Aoua! als auch das abschließende Il est doux (Es ist herrlich) sind bitonal, wobei letzteres ganz im Zeichen sinnlicher Erschlaffung steht.

 

Die drei Lieder Don Quichotte à Dulcinée (Don Quixote an Dulcinea) [1/20-22] entstanden in den Jahren 1932/33 auf Texte von Paul Morand. Eigentlich hätte sie der große russische Sänger Schaljapin in einem Film über Cervantes singen sollen, doch dafür wurden sie nie benutzt. Mit seinem letzten Werk wandte sich Ravel noch einmal der iberischen Musik zu. Jedes der drei Stücke beruht auf einem spanischen oder baskischen Tanzrhythmus. Den erlesenen Versprechungen des Chanson romanesque folgt mit Chanson épique ein Gebet an den Heiligen Michael, und den Beschluss bildet eine eher stürmische Chanson à boire (Trinklied).

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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