About this Recording
8.554180 - Piae Cantiones: Latin Song in Medieval Finland
English  French  German 

Piae Cantiones
Das lateinische Lied im mittelalterlichen Finnland

Kaum eine musikalische Sammlung des 16. Jahrhunderts spielt eine so wesentliche Rolle in der Musizierpraxis eines europäischen Landes wie im heutigen Finnland die Piae Cantiones, eine Sammlung religiöser Lieder des Mittelalters in lateinischer Sprache. Singen war im mittelalterlichen Finnland ein bedeutendes Schulfach. Die Schüler sollten als Diener der Kirche erzogen werden und waren auch für einen Großteil des Kirchengesangs zuständig. Das Wissen über diesen reichen, Jahrhunderte alten Liederschatz wäre gänzlich verloren gegangen, hätte nicht eine au, dem Jahre 1582 stammende, gedruckte Version dieser Lieder bis heute überlebt. Sie wurde von einem finnischen Schüler, Theodoricus Petri Rutha in Greifswald veröffentlicht und von Jaakko Finno, dem Direktor der Domschule im finnischen Turku editiert. Die Piae Cantiones ecclesiasticae et scholasticae veterum episcoporum – Fromme  Kirchen- und Lehrlieder der alten Bischöfe war für die Schüler dieser Domschule bestimmt. Sie besteht aus 74 chronologisch und geographisch weitläufig zusammengetragenen Liedern, die meist älter als ihr Veröffentlichungsdatum sind und teils sogar bis zur Jahrtausendwende zurückverfolgt werden können. Der Großteil der Lieder kann jedoch der germanisch-böhmischen Kantionalsatztradition des 15. Jahrhunderts zugeordnet werden. Etwa die Hälfte der Lieder sind vermutlich finnischen Ursprungs, da sie in keinen Quellen außerhalb dieses Landes gefunden werden können.

Finnland war zur Zeit der ersten Veröffentlichung der Piae Cantiones ein Herzogtum des schwedischen Königreichs unter der Herrschaft Gustavs I. Dieser hatte unter dem Namen Gustav Eriksson Wasa den schwedischen Freiheitskampf geführt und 1523 die Auflösung der Kalmarer Union, jener Vereinigung der drei skandinavischen Länder unter dänischer Vorherrschaft bewirkt. Als König führte Gustav die Reformation in seinem Reich ein, welche ihn dazu befugte, Kirchengüter einzuziehen. Der relativ plötzliche und unblutige Übergang zur damals jungen protestantischen Lehre konnte somit den als Kriegsfolge leeren Staatskassen schnelle Abhilfe leisten. Ebenso reibungslos verlief Finnlands Übergang zur protestantischen Lehre, hatte das Land mit seiner Diözese in Turku doch seit mehr als einem Jahrhundert ein großes Maß an religiöser Freiheit genossen. Die Tatsache, daß die Piae Cantiones im protestantischen Finnland und darüberhinaus in lateinischer Sprache zusammengetragen wurden, und das von einem Geistlichen, der zuweilen die lateinische Sprache in der Liturgie als „des Teufels Erfindung“ verdammte, scheint Widersprüche aufzuwerfen. Die Vermutung liegt nahe, daß König Johann III, der mit dem Katholizismus sympathisierte und als ehemaliger Fürst von Finnland in dessen kulturellem Erbe sehr bewandert war, den Impuls zu diesem Projekt gab. Auch stellt sich die Frage, warum das Werk auf dem kontinentalen Festland und nicht in der schwedischen Hauptstadt veröffentlicht wurde. Vermutlich spielten dabei die fortdauernde Präsenz finnischer Studenten an den katholischen Universitäten in Zentraleuropa sowie Schwedens ausgeprägtere antikatholische Strömungen eine entscheidende Rolle. Trotzdem blieben die Piae Cantiones von der theologischen Auseinandersetzung nicht gänzlich verschont. Jaakko Finno „korrigierte“ sie in eher groben Zügen, indem er zum Beispiel die Worte Maria und Virgo (Jungfrau) schlichtweg durch Christus und puer (Junge) ersetzte. Dies ging selbstverständlich auf Kosten des poetischen Flusses und führte teils zu unsinnigen Verfälschungen des Textes, wie zum Beispiel im Falle des „jungfräulichen“ Christus porta clausa nec pervia.

Die zweite Ausgabe der Piae Cantiones wurde 1625 durch die beiden Finnen Henricus Fattbuur und Mathias Tolia in Rostock veröffentlicht. Sie besteht aus 90 Liedern und stellt in vielerlei Hinsicht eine Verbindung zu Viborg, dem anderen mittelalterlichen Zentrum Finnlands her. Bei dieser Ausgabe wirkte der bekannte deutsche Kirchenmusiker Daniel Friderici als künstlerischer Leiter mit. Er war sich der besonderen historischen und kulturellen Bedeutung dieser Sanunlung bewußt und behielt daher alle monophonen Lieder der ersten Ausgabe bei. Die dreistimmigen, polyphonen Kompositionen ersetzte er jedoch durch Stücke, die den Geschmack seiner Zeit widerspiegeln. Die Piae Cantiones wurden danach in mehreren Ausgaben gedruckt. Die erste englischsprachige Ausgabe wurde von G.R. Woodward im Jahre 1910 veröffentlicht. Die aus dem Jabre 1616 stammende dänischsprachige Ausgabe der Lieder weist unter anderem die älteste erhaltene finnische Dichtung auf.

Wenngleich die Piae Cantiones einen festen Bestandteil der finnischen Musizierpraxis bilden, hat sich um ihre Melodien im Zuge des nationalistischen Romantizismus des frühen zwanzigsten Jahrhunderts eine Tradition des gemischten Chorsingens herausgebildet, die einerseits die sogenannte historische Aufführungspraxis außer acht läßt und andererseits den vom Mittelmeer bis zum Baltikum reichenden nationalen Ursprüngen dieser Lieder in der Regel nicht gerecht wird.

Bei der vorliegenden Einspielung war uns besonders daran gelegen, diesen kulturellen Verbindungen zwischen Finnland und Europa nachzuspüren. Daher haben wir für einige Stücke Quellen außerhalb der eigentlichen Piae Cantiones-Sammlung herangezogen.

Zahlreiche Lieder der Piae Cantiones liegen in keinen anderen Quellen vor, und über ihre Herkunft muß folglich spekuliert werden. Vermutlich sind einige finnischen Ursprungs, wie etwa Ramus virens olivarum. Dies ist eine Hymne über den Heiligen Henry, ein englischer Bischof, der 1155 auf dem gefrorenen Köyliö-See von einem Einheimischen erschlagen wurde und später zum Schutzheiligen Finnlands erhoben wurde. Eine weitere ungewöhnliche Komposition ist Aetas carmen melodiae, welches Daniel Friderici in der Ausgabe von 1625 durch ein eigenes Stück ersetzte­. Trotz seiner archaischen Schönheit ist der Kontrapunkt der ursprünglichen, dreistimmigen Fassung geradezu bizarr und kann sehr wohl aus der Feder eines nicht gerade peniblen Komponisten stamen. Die meisten Kompositionen, deren Herkunft bekannt ist, stammen entweder aus dem böhmischen oder aus dem deutschen Raum, oder sie sind durch diesen weitergeleitet worden. Dies e,t laetitiae, zum Beispiel, erscheint in zabllosen Variationen im 15 und 16. Jahrhundert und später als lutherischer Choral mit dem Text Der Tag der ist so freudenreich. Auch die Melodie zu Parvulus nobis nascitur ist deutschen Ursprungs und erscheint im Glogauer Liederbuch mit mundartlichem Text. Die vorliegende polyphone Fassung wird dem flämischen Meister Jacob Obrecht zugeschrieben und ist dem ersten gedruckten polyphonen Musikbuch Ottaviano Petrucci's Odhecaton (Venedig 1501) entnommen.

Einige ältere Lieder der Piae Cantiones entstammen südlicheren Ländern, etwa Verbum caro factum est, das in seiner ältesten bekannten Form in einem vor 1100 datierten, französischen Manuskript auftaucht. Das Lied, welches seinen Weg nach Finnland möglicherweise durch finnische Studenten der Pariser Universität fand, kommt auch in italienischen und spanischen Quellen vor. In demselben spanischen Manuskript befindet sich auch eine Fassung von Omnis mundus jucundetur. Dieses Lied wird hier zweimal erklingen, einmal in der monophonen Fassung aus Piae Cantiones, dann als doppelchörige Motette aus dem tschechischen Speciálník Manuskript. Das im deutschsprachigen Raum Europas wohlbekannte Puer natus in Bethlehem stammt in seiner ältesten Quelle aus einem Kloster im italienischen Bobbio.

Über die mittelalterliche Aufführungspraxis in Finnland ist nur ausgesprochen wenig bekannt, doch nehmen wir an, daß der kulturelle Austausch mit anderen europäischen Ländern entlang der Handelsrouten zu den baltischen Ländern sowie zum Hansebund stattfand. Daher lassen wir uns von der Spielpraxis deutscher Instrumentalmusik des 15. Jahrhunderts inspirieren. In einigen Stücken setzen wir die Kantele ein, ein mit der Zither oder dem Psalterium verwandtes, flügelförmiges Zupfinstrument. Die Kantele, die ursprünglich das Instrument der finnischen Volkssänger war, ermöglicht es uns, eine hypothetische Verbindung zwischen der sogenannten gelehrten Musik und der Volksmusik zu ergründen.

Deutsche Fassung: Eva Grant


Close the window