About this Recording
8.554191 - REGONDI: 10 Etudes / Introduction and Caprice, Op. 23
English  French  German 

Giulio Regondi (1822-72), Gitarrenmusik, Folge 1

Introduction et Caprice • Zehn Etüden • Fête villageoise

Allen Berichten zufolge hat Giulio Regondi eine Jugend durchlebt, die aus einem Roman von Charles Dickens stammen könnte. Er kam 1822 in Genf (oder Genua) zur Welt. Seine deutsche Mutter, die uns namentlich nicht bekannt ist, starb vermutlich bei seiner Geburt, so daß Giulio bei seinem italienischen Vater (manche sprechen auch von einem Stief- oder Pflegevater) aufaufwuchs, der seinerseits ein begabter Gitarrist, Komponist und Sänger war. Auch der junge Regondi zeigte früh ein so erstaunliches Talent für die Gitarre, daß er mit seinem Vater als Duo auftrat. In Paris entzückte er bereits im Alter von etwa sieben Jahren Publikum und Kritik - und das zu einer Zeit, die durch Gitarrenmeister wie Sor, Carulli, Carcassi und Molino verwöhnt war. Fernando Sor (1778-1839) schätzte den neunjährigen Knaben derart, daß er ihm seine Fantaisie „Souvenir d’Amitié" op. 46 (1831) widmete und vermutlich auch ein (heute leider verschollenes) Großes Duett für ihn schrieb. Für die Entwicklung des jungen Regondi dürfte die offenbar von gegenseitigem Respekt getragene Bekanntschaft mit dem spanischen Virtuosen von nicht geringer Bedeutung gewesen sein. 1831 kamen Vater und Sohn Regondi in London an, wo sie wiederum von der Kritik gefeiert wurden. Anschließend unternahmen sie eine ebenfalls höchst erfolgreiche Tournee auf den Britischen Inseln. Eines Tages im Jahre 1835 schließlich überreichte der „Vater" dem Sohn eine Fünf-Pfund-Note und machte sich mit dem gesamten Rest ihrer Einnahmen, der sich auf mehrere tausend Pfund Sterling belaufen haben soll, aus dem Staub.

Irgendwie gelang es dem jungen Giulio, dieses Trauma zu überwinden. Mit der Hilfe von Freunden und Pflegeeltern ließ er sich in London nieder, wo er seinen Lebensunterhalt weiterhin als Virtuose verdiente. So trat er zum Beispiel mit Katherina Josepha Pelzer - die später unter ihrem ehelichen Namen als Mrs Sidney Pratten zum Idol der viktorianischen Gitarrenwelt werden sollte - als Wunderkind-Duo auf. 1836 konzertierte er mit dem gefeierten Pianisten Ignaz Moscheles und der weltberühmten Sopranistin Maria Malibran.

Bereits einige Jahre zuvor hatte sich Regondi der neu erfundenen Concertina angenommen und in kürzester Zeit eine phänomenale Technik auf diesem zierlichen Harmonikainstrument entwickelt, was wiederum für seine außergewöhnliche musikalische Begabung spricht. Mit der Concertina spielte er anspruchsvolle, ursprünglich für Violine oder andere Instrumente geschriebene Kompositionen und schrieb sich natürlich auch selbst einige hochvirtuose Stücke - darunter ein Konzert - auf die Finger. Regondis Beiträge dürften zur schnell wachsenden Popularität der Concertina entscheidend beigetragen haben. Mit dem Cellisten Joseph Lidel unternahm er eine Tournee auf dem europäischen Festland, während der er sowohl Gitarre als auch Concertina spielte. Im Jahre 1841 kam es sogar zu einem gemeinsamen Konzertauftritt mit Clara Schumann im Leipziger Gewandhaus. Abgesehen von einigen weiteren Tourneen verbrachte Regondi den Rest seines Lebens in England. Bestens etabliert in der viktorianischen Musikszene konzertierte er mehrmals im Jahr in London und gelegentlich auch in Liverpool. Diverse Gönner nahmen ihn unter ihre Fittiche, darunter auch Sir Charles Wheatstone, der Erfinder der Concertina.

Regondi muß ein ausgesprochen freundlicher und gutherziger Mensch gewesen sein. Als er beispielsweise in späteren Jahren von jenem „Vater" kontaktiert wurde, der ihn einst hilflos zurückgelassen hatte, zögerte keinen Augenblick, den verarmten Mann bei sich aufzunehmen und sich im Alter um ihn zu kümmern.

Anders als die meisten Konzertgitarristen seiner Zeit, scheint Regondi auch häufig Kompositionen seiner Kollegen Carulli, Giuliani, Mertz, Schulz und Sor gespielt zu haben. Während er Dutzende von Werken für die Concertina komponierte, liegen uns für Gitarre nur fünf Konzertstücke (alle in romantischem Tonfall gehalten und 1864 veröffentlicht) und zehn Konzertetüden vor. Verschiedene andere Kompositionen und Arrangements, die in seinen Konzertprogrammen erwähnt wurden, sind verschollen. Auch die Zehn Etüden tauchten erst in den letzten Jahren wieder auf: obwohl sie in russischen Gitarrenzirkeln um 1900 offenbar gespielt wurden, kannte Westeuropa nur drei von ihnen, die in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in deutschen Gitarrenmagazinen veröffentlicht worden waren. Der amerikanischen Musikwissenschaftlerin Matanya Ophee gelang es, eine Abschrift der Zehn Etüden ausfindig zu machen, die sich im Besitz Natalia Iwanowa-Kramskaias befand, der Tochter des berühmten Gitarristen Alexander M. Iwanow-Kramskoi. Mit der fachlichen Beratung des Gitarristen John Holmquist gab Ophee im Jahr 1990 alle Etüden heraus und leistete damit einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Gitarrenliteratur - die zehn neuen Stücke bedeuteten immerhin fast eine Verdoppelung der bis dain bekannten Kompositionen aus Regondis Feder. Die Herkunft der Etüden bleibt freilich problematisch: keines der überlieferten Manuskripte ist ein Autograph und es konnte nicht geklärt werden, wie diese Stücke nach Rußland gelangten, wo Regondi allem Anschein nach nie gewesen ist, während sie im Westen unbekannt blieben. Ophee führt als mögliche Erklärung an, daß Regondi die Noten dem polnischen Gitarristen Marek Sokolowski (1818-1884) während dessen Londonaufenthalt im Jahre 1864 gegeben haben könnte. Einer russischen Quelle von 1902 zufolge soll der alternde Regondi dem reisenden Virtuosen, dessen Können ihn stark beeindruckte, seinen kurz bevorstehenden Rückzug vom Konzertpodium angekündigt und ihm viele seiner Noten überlassen haben. Die Glaubwürdigkeit des Berichts leidet darunter, daß Regondi 1864 erst 42 Jahre alt war und noch mindestens bis 1868 öffentlich auftrat. Andererseits stammte ja auch Regondis Entscheidung, endlich fünf größere Gitarrenwerke in Druck zu geben, aus dem Jahr 1864, das also möglicherweise einen Wendepunkt seiner Karriere darstellte. Tatsächlich scheint er seine Konzert-Aktivitäten von nun an reduziert zu haben. Solange uns keine neuen Forschungsergebnisse vorliegen, bleibt dies die einleuchtendste Erklärung.

In Introduction et Caprice op. 23 reiht Regondi zwei scharf kontrastierende Sätze aneinander: auf ein verziertes Adagio in E-Dur folgt ein unbeschwertes Allegretto scherzando in e-moll mit einem Ausflug in die Durparallele, einer Modulation nach E-Dur sowie vielen virtuosen Effekten wie rasend schnellen chromatischen Skalen und Oktavpassagen. Die Aufeinanderfolge der Tonarten und abwechslungsreichen Tempi legt nahe, daß Regondi alle Zehn Etüden am Stück durchgespielt wünschte. Sollten sie somit tatsächlich als Zyklus konzipiert sein, so hätten wir es mit dem längsten und anspruchsvollsten Werk für Gitarre zu tun, das uns aus dem 19. Jahrhundert überliefert ist. Die Tonartenwechsel in der zweiten Etüde gehören zu den abenteuerlichsten des romantischen Gitarrenrepertoires: das Stück beginnt in a-Moll, moduliert dann nach As-Dur, H-Dur, D-Dur, Cis-Dur, A-Dur, F-Dur und schließlich zurück nach a-Moll. Die langsamen expressiven Etüden können mit den besten Werken romantischer Gitarrenmeister wie Coste, Mertz oder Zani konkurrieren; die virtuose Etüde Nr. 10 bringt den Zyklus zu einem brillanten Abschluß.

Obwohl ein Dorffest ein durchaus romantisches Sujet ist, das der Sehnsucht der Zeit nach ländlicher Idylle entsprach, wurde es vor Regondi - abgesehen von Sors Fantaisie villageoise op. 52 und allenfalls noch einigen Stücken rustikalen Einschlags von Coste - kaum thematisiert. Regondis Fête villageoise op. 20 ist ein lebhaftes, anmutiges Rondo caprice, das mit wirklichen Landbewohnern ungefähr so viel zu tun hat wie die sauberen und artigen Bauern des Biedermeier-Malers Waldmüller.

Richard M. Long

Deutsche Fassung: Alexandra Maria Dielitz


Close the window