About this Recording
8.554195 - BROUWER: Guitar Music, Vol. 3 - Sonata / Hika / Suite No. 2 / Rio de los Orishas
English  French  German 

Leo Brouwer (geb

Leo Brouwer (geb.1939)

Gitarrenmusik, Folge 3

Der Komponist, Gitarrist und Dirigent Leo Brouwer wurde 1939 in Havanna in eine musikalische Familie geboren. Seinen ersten Musikunterricht erhielt er von seinem Vater, Juan Brouwer, und seiner Tante, Caridad Mezquida. Sein Großonkel, Ernesto Lucuona, war ein bekannter Komponist und Dirigent. 1953 nahm Leo Brouwer seine ersten Gitarrenstunden bei Isaac Nicola, dem Begründer der modernen kubanischen Gitarrenschule, und zwei Jahre später begann er ein Selbststudium im Fach Komposition. 1959 ermöglichte ihm ein Stipendium die Fortsetzung seiner Ausbildung in den Vereinigten Staaten, wo er an der Hartford University Gitarre und an der New Yorker Juilliard School of Music bei Vincent Persichetti, Stefan Wolpe, Isadore Preed, J. Diemente und Joseph Iadone Komposition studierte. 1960 erfolgte seine Berufung zum Direktor des Instituto Cubano de Arte e Industria Cinematográficos, eine Tätigkeit, die im Laufe der Jahre in zahlreichen Filmmusiken sowohl für kubanische als auch ausländische Produktionen resultierte. Seit dieser Zeit gehörte Brouwer zur kubanischen Musik-Avantgarde; er arbeitete als Berater von Radio Habana Cuba und unterrichtete am Conservatorio Nacional sowie auch an ausländischen Universitäten. Er gründete den alle zwei Jahre in Kuba ausgerichteten internationalen Gitarrenwettbewerb und ist seit 1981 Generaldirektor des Orquesta Sinfónica Nacional de Cuba. Als Dirigent ist er in mehreren Ländern aufgetreten.

Brouwers Entwicklung als Komponist lässt sich in drei Perioden gliedern: Die erste begann 1954 mit einer Reihe von Stücken, in denen er die Möglichkeiten der Gitarre in einer Verbindung von traditionellen klassischen Formen und kubanischer Inspiration erprobte. In den 1960er Jahren, nach der kubanischen Revolution, lernte er Werke der internationalen Avantgarde kennen, u.a. von Komponisten wie Penderecki und Bussotti, als er 1961 am Warschauer Herbstfestival teilnahm. Die dort gemachten Erfahrungen sowie Eindrücke von Komponisten, die in Kuba gastierten, verarbeitete er zu einem ganz persönlichen Stil, der sich verschiedener moderner Techniken (u.a. dem Postserialismus und der Aleatorik) bediente. Die späten 1970er Jahre markieren den Beginn der dritten Periode, die Brouwer selbst als nationale Hyperromantik bezeichnete — eine Rückkehr zu afro-kubanischen Ursprüngen, verbunden mit Elementen traditioneller und minimalistischer Kompositionstechniken. Neben seinen zahlreichen Filmmusiken entstanden Orchesterwerke, u.a.

Konzerte für Gitarre, Flöte und Violine, sowie Kammermusikwerke, in denen häufig auch die Gitarre besetzt ist. Viele seiner Gitarrenkompositionen wurden international bekannt und gehören zum festen Konzert- und Aufnahmerepertoire.

Die Sonate, mit der diese Einspielung beginnt, wurde 1990 für Julian Bream geschrieben, der im Jahr darauf auch die Uraufführung spielte. Der erste Satz, Fandangos y Boleros, beginnt mit einem Preambulo, dem ein mit Danza überschriebener Abschnitt folgt, in dem Brouwer die Rhythmen des barocken spanischen Fandango mit denen des Bolero kombiniert.

Der Komponist beschreibt diesen Satz als eine Art Puzzle, in dem die Farben in ähnlicher Weise wie bei Paul Klees magischen Vierecken neu komponiert und umgruppiert werden. Am Ende des Satzes zitiert Brouwer Beethovens Pastoralsinfonie, deren fragmentartige Sonatensatzform des ersten Satzes er mit der ebenfalls fragmentierten Form seiner Fandangos y Boleros vergleicht. Der zweite Satz, Sarabanda de Scriabin, versucht die mystische Klangwelt des russischen Komponisten zu beschwören. Das Finale, Toccata de Pasquini, enthält ein Zitat aus dem bekanntesten Werk des italienischen Komponisten und Cembalisten Bernardo Pasquini, der A-Dur-Toccata mit dem Scherzo del Cucco (Kuckucks-Scherzo).

Die Tres Piezas Latino-Americanas basieren auf verschiedenen südamerikanischen Liedern: das erste auf Astor Piazzollas La Muerte del Angel (Der Tod des Engels), das zweite auf einem Lied von Carlos Guastavino und das dritte auf einem peruanischen Volkslied mit dem Titel Viva Jujuy. Durch die Hinzufügung von Einleitungen, Brückenpassagen, Harmonisierungen und Kontrapunkt werden diese Vorlagen bei Brouwer zu ganz persönlichen Aussagen.

Die Suite Nr. 2 komponierte Brouwer als Jugendlicher. Seine kubanische Herkunft zeigt sich in den Ecksätzen, während der mittlere Satz an neoklassizistische russische Komponisten wie Schostakowitsch, Strawinsky oder Prokofjew denken lässt.

Eine jahrelange Freundschaft verband Brouwer mit Toru Takemitsu. „Hika" In Memoriam Toru Takemitsu entstand kurz nach dem Tod des berühmten japanischen Komponisten. Hika bedeutet Elegie oder Trauerlied. Brouwers Stück basiert auf der von Takemitsu bevorzugten lydischen Tonleiter. Einen herrlichen Klang erzeugt er durch die Herabstimmung der zweiten Saite der Gitarre nach B und der fünften nach G.

An Idea ist ein kurzes, zum siebzigsten Geburtstag des kanadischen Gitarrenpädagogen Eli Kassner geschriebenes Stück.

Cuban Landscape with Carillons ist ein faszinierendes Stück, das Fragmentwiederholungen, Flageolett-Klänge und einige Spezialeffekte wie das gleichzeitige Klopfen beider Hände auf das Griffbrett zur Erzeugung einer einzigartigen Atmosphäre enthält.

Die Religion der Yoruba kam durch afrikanische Sklaven nach Kuba. Orishas ist das yorubische Wort für afro-kubanische Götter und Göttinnen. Brouwers Rito de los Orishas ist ein düsteres, rhythmisch kraftvolles Werk in zwei Sätzen. Der erste, Exordium-Conjuro, gleicht einem Ritual zum Vertreiben böser Geister. Der zweite, Danza de las Diosas Negras (Tanz der schwarzen Göttinnen), besteht aus drei zwischen geheimnisvoll nachdenklichen Passagen eingestreuten Tanzvarianten. Das Stück entstand 1995 für den uruguayischen Gitarristen Alvaro Pierri.

Un Dia de Noviembre (Ein Tag im November) entstand für einen 1967 produzierten Schwarzweiß-Film von Humberto Solaz. Die ergreifende Melancholie machte das Stück bei Gitarristen und Publikum rasch zu einem Klassiker.

Graham Anthony Devine

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window