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8.554228 - REICHA: Wind Quintets, Op. 91, No. 6 and Op. 88, No. 6
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Antoine Reicha (1770-1836)
Bläserquintette

Antoine Reicha verlor seinen Vater noch vor seinem ersten Geburtstag und wurde von seiner Mutter aufgezogen. Mit elf Jahren lief er von zuhause fort und wurde anschließend von seinem Onkel Joseph Reicha, selbst kinderlos verheiratet, aufgenommen. Antoine berichtete später, wie er unbegleitet zu seinem Onkel reiste: An der Grenze bei Regensburg täuschte der Junge, der weder Papiere vorweisen noch deutsch sprechen konnte, ein Augenleiden vor. Geschickt log er, daß er seine Papiere nicht finden könne und auf einer Pilgerreise sei, um von seiner Krankheit geheilt zu werden. Der Wachposten ließ ihn daraufhin schmunzelnd durch.

Joseph Reicha, Cellist und Konzertmeister der angesehenen Kapelle am Wallensteiner Hof, war ein gefeierter Musiker seiner Zeit. Bei ihm erhielt der junge, in Prag geborene Antoine eine umfassende Ausbildung, lernte deutsch, französisch und studierte Geige, Flöte sowie Klavier.

Als Joseph drei Jahre später vom Kurfürsten Maximilian von Köln als Konzertmeister seiner Kapelle nach Bonn berufen wurde, trat auch der Neffe als Geiger und Flötist in dieselbe Kapelle ein. Antoine hätte von keiner besseren Stelle träumen können. Der Kurfürst war ein Musikliebhaber und stellte zu dieser Zeit auch den jungen Ludwig van Beethoven als Organist und Bratschist ein. Antoine und Ludwig, irn selben Jahr geboren, wurden bald enge Freunde. Sie immatrikulierten sich beide an der Universität und studierten Philosophie, insbesondere die Lehren Kants. Auch Kompositionsunterricht nahmen sie beim selben Lehrer, Christian Neefe, der beiden wegen ihres außergewöhnlichen Fortschritts eine Vermittlung an Joseph Haydn in Wien anbot. Beethoven ging nach Wien, Reicha hingegen blieb in Bonn, wo er die Werke der Mannheimer Schule, der Wiener Klassik und französische Opern kennenlernte. Aus dieser Zeit stammt auch seine Vorliebe für Bläsinstrumente.

Reicha verließ Bonn 1794, als der Kurfürst vor Napoleon floh und seine Kapelle auflöste. Joseph, der zu krank war, um zu reisen, fürchtete, daß das Revolutionsfieber seinen Neffen anstecken könnte und bat ihn inständig, nach Hamburg zu gehen. Dort litt Antoine allerdings unter dem feuchten Klima, und er zog anschließend nach Paris. Die blühende Musikkultur und das liberale Flair der Stadt faszinierten Reicha, der Paris jedoch irn Jahre 1801 wegen politischer Wirren verließ.

Wien bot dem Komponisten ein vergleichsweise sicheres Umfeld, und er wurde von Haydn, dem gefeierten Komponisten der Stadt, mit offenen Armen empfangen. Der ältere Komponist wurde sein Mentor, Vorbild und Freund. Auch seine Jugendfreundschaft mit Beethoven, der immer noch in Wien weilte, konnte Reicha nun erneuern. Gelegentlich, wenn Haydn oder Beethoven Besucher aus Paris empfingen, bot er sich als Dolmetscher an.

Reicha, der ein Verfechter des Fortschritts war, formulierte seine eigene Philosophie der Musikästhetik. Alte Formen waren für ihn in der modernen Musik nur dann gerechtfertigt, wenn ihre Komponisten althergebrachte Normen hinterfragten, etwa Taktstriche oder die Konvention, Stücke in derselben Tonart beginnen wie enden zu lassen. Einige dieser Ideen demonstrierte er in den 1803 veröffentlichten Practischen Beispielen, einer Sammlung von 36 Fugen mit ungewöhnlichen Rhythmen, Taktarten und Harmonien.

Reicha war in Wien als Komponist, Lehrer und Musiktheoretiker angesehen und wäre sicherlich länger dort geblieben, hätte Napoleon nicht erneut Unruhe in sein Leben gebracht, als er 1805 mit seinen Truppen vor der Stadt stand.

Drei Jahre später, endgültig zurück in Paris, konnte der Komponist nicht mehr von seinen Kompositionen leben. Er veröffentlichte weiterhin theoretische Schriften und verdiente sich mit dem neuen Namen Antoine Reicha bald einen Ruf als hervorragender Lehrer. Offizielle Anerkennung erhielt er 1818, als für ihn eine Professur am renommierten Pariser Conservatoire eingerichtet wurde. In Reichas glänzender Schülerliste befinden sich Namen wie Hector Berlioz, Franz Liszt und César Franck.

Heute bleibt Reicha in erster Linie für seine zahlreichen Quintette für Flöte, Oboe, Klorinette, Horn und Fagott in Erinnerung. Zwar war diese Instrumentenkombination nicht gänzlich neu, jedoch gelangte sie unter Reichas geschickter Komponisten­hand zu voller Blüte. Er studierte jedes einzelne der Instrumente gründlich, bevor er 1817 die sechs Quintette seines Opus 88 veröffentlichte. Sie wurden im selben Jahr uraufgeführt und wurden, wie auch das Opus 91 im darauffolgenden Jahr, von der Pariser Öffentlichkeit mit Begeisterung aufgenommen. Der Schriftsteller Honoré de Balzac erwähnt sie in seinem Roman Les Employées, und der Pariser Korrespondent der Allgemeinen Musikalischen Zeitung schrieb: „Wenn es überhaupt möglich ist, den Meister des Quartetts Haydn zu übertreffen, dann ist es Reicha mit seinen Quintetten gelungen.“ Nicht nur das Pariser Publikum war begeistert. Reicha verzeichnet in seiner Autobiographie, daß die Stücke ganz Europa im Sturm eroberten und er mit Briefen und Glückwünschen überschüttet wurde.

Zweifellos waren die Instrumentalisten, für welche Reicha seine Quintette schrieb, ihrerzeit in ihrem Können unübertroffen. Außer dem Fagottisten Antoine Henry waren sie alle seine Kompositionsschüler, und außer dem Klarinettisten Jacques-Jules Bouffil unterrichteten sie alle am Pariser Conservatoire. Als Lehrer ragte der Hornist Louis-Francois Dauprat heraus, der eine beachtenswerte Hornschule hinterließ. Seine Studien sind teilweise teuflisch schwierig, jedoch beweisen Reichas Hornparts, daß Dauprat durchaus praktizieren konnte, was er lehrte.

Reicha begann fast alle Quintette mit einer langsamen Einleitung, im Falle des Quintetts Op. 91, Nr. 6 mit einem Trauermarsch. Das liedhafte Oboenthema des zweiten Satzes kehrt in drei freien Variationen wieder und wird zum Abschluß vom Fagott zitiert. Es folgt ein Menuett, dessen Trio eine große Herausforderung an den Klarinettisten und Fagottisten stellt. Virtuosität ist auch im Finale gefragt, dessen drängender Beginn einer gelasseneren Stimmung weicht.

Die langsame und nachdenkliche Einleitung zu Op. 88 Nr. 6 läßt eine Frage im Raum stehen, ehe sie vom lebhaften Allegro moderato abgelöst wird. Der langsame Satz enthält das einzige Siciliano in Reichas Quintetten. Das Siciliano war ein im 18. Jahrhundert beliebter Pastoraltanz, der zu Reichas Zeit als veraltet galt. In diesem Quintett behält Reicha die Pastoral­stimmung des Tanzes bei, jedoch demonstriert er in der ersten der folgenden Variationen auch die geschmeidige Natur der Klarinette. Das folgende Menuett ist, wie so oft in Reichas Quintetten, in Wirklichkeit eher ein Scherzo mit zwei Trios. Das Finale ist in der Form eines Rondos gestaltet, welches vom Kontrast des immer wiederkehrenden Themas zu den unterschiedlichen Zwischenspielen lebt.

John Humphries
Deutsche Fassung: Eva Grant


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