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8.554271 - BRAHMS: String Quartets Op. 51, Nos. 1 and 2
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Johannes Brahms (1833-1897)
Streichquartett in c-moll, op. 51, Nr. 1
Streichquartett in a-moll, op. 51, Nr. 2

Johannes Brahms wurde von seinen Zeitgenossen als Antipode Wagners betrachtet. Im öffentlichen Diskurs der Musikkritik wurde er entweder als Hüter der Tradition und Erbe Beethovens gefeiert, oder aber des Epigonentums bezichtigt. Einer seiner hitzigsten Widersacher, der Komponist und Wagnerianer Hugo Wolf, behauptete 1886 im Wiener Salonblatt, die Kunst „ohne Einfälle zu komponieren, hätte entschieden in Brahms ihren würdigsten Vertreter gefunden“ und sprach ihm jede Bedeutung in der zukünftigen Musikgeschichte ab. An den oft bitteren Debatten in Musikjournalen beteiligte sich Brahms nicht, und auch den Begriff des Klassizisten prägte nicht er, sondern seine Anhänger. Polemische Angriffe ignorierte er genauso wie die fortschrittlichen Ideale der von Wagner und Liszt angeführten „Neudeutschen Schule“. Sein Bestreben war es, „reine Musik“ zu schreiben, die keine Programme benötigt, sich oberflächlicher Gefälligkeit und leerer virtuoser Gesten entledigt und die Tradition und Handwerkskunst der alten Meister fortsetzt. Er war nicht nur in der Kunst des barocken Kontrapunkt sondern auch in der klassischen Musik, insbesondere Beethovens Werk äußerst bewandert – keine Selbstverständlichkeit für Musiker des 19. Jahrhunderts. Wie bereits Mendelssohn vor ihm pflegte er die überlieferten und bewährten Formen der Klassik, insbesondere Variation und Sonate, die er auf's genaueste studiert hatte. Diese füllte er mit seiner persönlichen Tonsprache, die von motivischer und kontrapunktischer Arbeit, einer dichten und stufenreichen Harmonik über weit ausschreitenden Bässen und der vom Volkslied abgeleiteten, stets sangbaren Melodik gekennzeichnet sind.

Der 1833 in Hamburg geborene Brahms verbrachte den Großteil seines Lebens in Deutschland und Wien. Als gefeierter Pianist lernte er in jungen Jahren den ungarischen Geiger Josef Joachim kennen, der ihn 1853 Robert Schumann und dessen Frau Clara vorstellte. Schumann war vom Klavierspiel und den unveröffentlichten Kompositionen des zwanzigjährigen Brahms so begeistert, daß er in der von ihm gegründeten Neuen Zeitschrift für Musik einen Lobartikel auf den „jungen Adler“ verfaßte, der schnell Schlagzeilen machte. Aus der Bekanntschaft wurde eine Freundschaft, und bald darauf zog Brahms im Schumannschen Haus ein. Schumanns Geisteskrankheit und sein tragischer früher Tod brachten Brahms und Clara einander sehr nahe. Daraus entwickelte sich eine innige Freundschaft, der erst Claras Tod 1896, ein Jahr vor Brahms' Tod, ein Ende setzte.

Die Streichquartette op. 51, an denen Brahms etwa gleichzeitig mit den Variationen über ein Thema von Joseph Haydn und der ersten Sinfonie arbeitete, fallen in Brahms' mittlere Schaffensperiode. Mit seiner Neigung, Werke derselben Gattung in Paaren zu komponieren, stellte er auch die beiden Quartette kurz nacheinander, im Sommer 1873 fertig. Wie Beethoven vor ihm, zog er sich gerne zum ungestörten Komponieren auf's Land zurück, und verbrachte auch diesen Sommerurlaub, den ersten nach seiner Ernennung zum Direktor der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde, in fiebriger Arbeit im bayrischen Tutzing. Brahms widmete beide Quartette seinem Freund Theodor Billroth, einem namhaften Wiener Chirurgen und Amateurmusiker, und beide wurden durch das Quartett seines Freundes Josef Joachim noch im Jahre ihrer Fertigstellung uraufgeführt. Die Arbeit am ersten Quartett in c-moll nahm Brahms vermutlich schon Jahre zuvor auf und entwarf ein Konzept entweder 1859, als sein Verhältnis mit Agathe von Siebolt zerbrach, oder aber im Jahre 1865, in welchem seine Mutter starb. Dementsprechend zieht sich eine gewisse tragische Grundhaltung durch das gesamte Werk. Der erste Satz, Allegro, folgt dem klassischen Modell der Sonatenhauptsatzform. Über einer nervösen Begleitung aus Tonwiederholungen in Bratsche und Cello stellt die Geige das erste, ungeduldig aufwärts strebende Thema vor, das bereits den dunklen Ton dieses Werkes festlegt, dem auch das zweite, lyrischere Thema unterliegt. In motivischer und kontrapunktischer Arbeit von Brahmscher Dichte steigert sich der Satz zu einem dramatischen Höhepunkt in der Durchführung, der von der Wiederkehr des ersten Themas in der abschließenden Reprise abgelöst wird. Der zweite Satz in As-dur, Poco Adagio, eine gesangliche Romanze, stellt wie alle folgenden Sätze thematische Bezüge zum ersten Satz her und entspricht damit dem romatischen Verständnis für zyklische Werke. Wie in seinen Sinfonien setzt Brahms auch in den Quartetten den langsamen Satz an die zweite Stelle, auf den dann ein Scherzo folgt. Mit seinem gefälligen, in abfallenden Linien dahinfließenden Thema fehlt diesem allerdings das widerspenstige Element des typisch Brahmschen Scherzos. Auch das nach vorne drängende Finale, Allegro, steht in groben Zügen in der Sonatenhauptsatzform, wenngleich die Durchführung hier nicht deutlich erkennbar ist und scheinbar von der Reprise aufgesogen wird. Wenn aus Brahms' Quartetten der Geist Schumanns und Beethovens spricht, so ist dieses Quartett insbesondere von Beethovens op. 18 und dessen Razumovsky-Quartetten beeinflußt.

Das folgende Quartett in a-moll scheint die Schwermut und Unruhe seines Vorgängers abgelegt zu haben und beginnt mit einem anmutigen Allegro non troppo. In diesem Zufriedenheit ausstrahlenden Satz, der sich mühelos in das Formschema der Sonatenhauptsatzes einfügt, erscheint wiederholt das aus den drei Tönen F-A-F bestehende Leitmotiv, welches als formbildendes Element fungiert. Dieses Leitmotiv leitete Brahms von einem früheren Motiv Joachims ab, dessen F-A-E für „Frei aber einsam“ stand und von Brahms in F-A-F für „Frei aber froh“ umgewandelt wurde. Der zweite Satz, Andante moderato, stellt dem ernsten und würdevollen Thema der ersten Geige einen stürmischen, ungarisch angehauchten Mittelteil mit drohenden Tremoli der zweiten Geige und Bratsche gegenüber. Mit dem anmutigen Quasi Minuetto moderato weicht Brahms im dritten Satz vom Scherzo ab, doch bietet er mit dem schnelleren Allegretto vivace einen Mittelteil vom Charakter eines Scherzos an. Als Klavierbegleiter des ungarischen Geigers Eduard Reményi war Brahms bereits als Zwanzigjähriger mit dessen à la tzigane, der ungarischen Zigeunermusik in Berührung gekommen, die in vielen seiner Werke, wie auch im Finale dieses Quartetts ihre Spuren hinterläßt. Der bereits im vorhergehenden Satz angedeutete, ungarische Einschlag mag aber auch als Kompliment an den aus Ungarn stammenden Joachim gemeint sein, der Brahms so lange um ein Streichquartett für sein Ensemble gebeten hatte. Das zur Ausgangstonart a-moll zurückkehrende Allegro non assai spannt mit seiner Themenverwandtschaft zum ersten Satz wiederum einen Bogen über das gesamte Quartett.

Eva Grant


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