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8.554273 - DANZI: Bassoon Concertos
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Franz Danzi (1763-1826)
Fagottkonzerte

 

Zur Zeit Danzis gab es in Europa eine blühende Musikkultur. Der kunstsinnige Adel pflegte in seinen Residenzen und Sommerresidenzen Opern-, Orchester- und Kammermusik. Bedeutende Komponisten dieser Zeit wurden als Hofkapellmeister engagiert, und die Orchestemitglieder waren häufig bekannte und zum Teil weitgereiste Künstler.

So hatte beispielweise die Hofkapelle in Mannheim so viele prominente Musiker, daß Charles Burney in seinem ”Tagebuch einer musikalischen Reise“ (die Reise führte ihn in den Jahren 1770-1772 durch die Musikzentren Europas) von einer ”Armee von Generälen, gleich geschickt, einen Plan einer Schlacht zu entwerfen, als darin zu fechten“ schreibt, und feststellt: ”Es sind wirklich mehr Solospieler und gute Komponisten in diesem als vielleicht in irgendeinem Orchester in Europa.“

In diese ”Armee“ wird Franz Danzi am 15. Mai 1763 quasi hineingeboren, denn sein italienischer Vater Innocenz war vom Kurfürsten Karl Theodor 1754 als Violoncellist in die Hofkapelle berufen worden. Franzens musikalisches Talent wurde frühzeitig erkannt und vom Vater, der ihn im Klavier-, Violoncellospiel und Gesang unterrichtete, so sehr gefördert, daß er schon mit fünfzehn Jahren im Orchester mitspielen konnte. (Seine Schwester Franziska wurde 1770 als Hofsängerin angestellt.)

Ebenfalls mit Erfolg studierte Franz Danzi beim berühmten Abbé Vogler Komposition, denn bereits 1780 wurde seine erste Oper ”Azakia“ aufgeführt. Neben seinen musikalischen Studien arbeitete er an seiner Allgemeinbildung und lernte Sprachen. (Das befähigte ihn später, musikalisch/literarische Beiträge an die Münchener Kunstzeitung ”Aurora“ und an die ”Allgemeine mus. Zeitung“ in Leipzig zu geben.)

Friedrich Rochlitz (1769-1842), ab 1798 Schriftleiter der ”Allgemeinen mus. Zeitung“, charakterisiert die Mannheimer Jahre Danzis: ”Als Mannheimer hatte er eine gute Schule durchgemacht, sowohl wissenschaftlich als musikalisch. Er war ein fleißiger, ruhiger und überlegter Charakter, im Benehmen gesittet und wohlanständig. Schon früh zeigte er Begabung zur Komposition – er war kein großer Virtuose, spielte aber sauber und mit gutem Vortrage. Das gesangliche war seine Hauptstärke und wo er sich in seinen Kompositionen darauf beschränkt, ist er hervorragend.“

Im Jahre 1777 mußte Kurfiirst Karl Theodor als Erbe Joseph Maximilians III. seine Residenz nach München verlegen. 32 Mannheimer Hofmusiker (mit Innocenz Danzi) kamen ein Jahr später nach und wurden in die Münchener Hofkapelle integriert. Franz blieb mit dem Rest des Orchesters und der Bühne in Mannheim und wurde neben seiner Cellistentätigkeit als Repetitor beschäftigt, bis er nach der Pensionierung seines Vaters 1783 in dessen Münchener Stelle nachrückte. (Inzwischen hatte er drei Opern, als erste ”Die Mittemachtsstunde“ komponiert, alle drei wurden in München aufgeführt.)

Nach der Eheschließung mit der Sängerin Margarethe Marchand im Jahre 1790 (Schülerin Leopold Mozarts, ab 1777 ebenfalls in Mannheim angestellt) änderte sich sein Leben grundlegend. Er nahm 1791 Urlaub und ging mit seiner Frau auf Konzertreisen, schloß sich mit ihr in Prag der Guardasonischen Operngesellschaft als Kapell­meister an; danach kamen Anstellungen in Venedig und Florenz. Beide errangen große Erfolge.

Nach fünf Jahren Tourneetätigkeit, die die Gesundheit seiner Frau stark angegriffen hatte, bemühte er sich um eine feste Anstellung in München und bekam 1798 die Stelle eines Vizekapellmeisters am Bayerischen Hofe mit den Aufgaben Hofoper und Hofkirche. Der Tod seiner Frau 1800 und die fehlende Aussicht auf eine Verbesserung seiner beruflichen Situation brachten Danzi 1807 zu dem Entschluß, die Stelle des Hofkapellmeisters am Hofe des Württembergischen Königs Karl Friedrich Wilhelm anzunehmen. In diese Zeit fällt die Begegnung mit Ludwig Spohr, der in seinen ”Lebenserinnerungen“ schreibt: ”Danzi war überhaupt ein liebenswürdiger Künstler, und ich fühlte mich schon deshalb zu ihm hingezogen, weil ich bei ihm dieselbe hohe Verehrung Mozarts fand, von der ich selbst durchglüht war ... noch jetzt besitze ich ein mir teures Andenken aus jener Zeit, ein vierhändiges Arrangement der G-moll-Symphonie von Mozart, von Danzi gemacht und eigenhändig geschrieben.“

In seiner Stuttgarter Zeit beginnt auch die Freundschaft mit Carl Maria von Weber, dessen Oper Abu Hassan er aufführt und dem er mit Rat und Tat zur Seite steht. Die mitunter musikalischen Sendschreiben Webers an Danzi sind Zeichen seiner Verehrung für den älteren Freund. (15.6.1806, ein Recitativ: ”Seiner Wohlgeboren Herrn Kapellmeister Danzi“, oder im Juni 1811 ”Allerliebster Herr Kapellmeister, der unterschriebene (Weber heißt er) und ein Herr Bärmann, wohlbekonnen, haben gestern die ganze Welt durchronnen, um Sie zu sehen, zu sprechen, zu hören...“)

1812, kurz nachdem Danzi noch zum Kompositionslehrer und zum Inspektor des neugegründeten Kunstinstitutes im Waisenhaus ernannt wurde, wechselte er noch einmal, und zwar an den Hof von Karlsruhe. Dank seiner Erfahrung gelang es ihm, die Qualität des Orchesters zu steigern und zusammen mit den Opernkräften die großen Werke von Mozart, Beethoven, Cherubini und vor allem Weber aufzuführen. Er starb 1826.

Sein umfangreiches Œuvre besteht aus Opern, Singspielen, Italienischen Gesangszenen für Frau und Schwester, Oratorien, Messen, Chören, Symphonien, Concertanten, Konzerten, Streichquartetten, Bläserquintetten, Quartetten mit Solo instrumenten, Klavierliedern, Solfeggien, Sonaten, vierhändigen Klaviersonaten ..., alles für den Gebrauch geschrieben und aufgeführt, vieles davon wurde zu seinen Lebzeiten gedruckt.

Als der Klarinettist Romeo Orsi 1866 in Wien auftrat, schrieb der Kritiker Hanslick: ”Geh in Dein Orchester! Das ist der Platz, auf dem wir den Clarinett-, Oboe- und Fagottspieler zu schätzen wissen; über die Zeit, wo diese Künstler Schaarenweise gereist kamen, sind wir hinüber.“

Dabei war die Zeit der Bläservirtuosen schon etwa 40 Jahre vorbei. Die Hochblüte der Fürstenau, Doppler, Boehm, Lebrun, Besozzi, Hermstaedt, Bärmann, Ritter, Brandl, Braun, Romberg, Pfeiffer, Eichner, Stich war Anfang des vorigen Jahrhunderts. Das waren die Bläser, die Danzi gehört hat oder in seinen Orchestern dirigierte, die ihn zu den verschiedenen Concertanten und Konzerten angeregt haben. Ich habe im Programmverzeichnis des Gewandhausorchesters geblättert und festgestellt, daß das beste Jahr für die Bläsersolisten, zumindest in Leipzig, das Jahr 1798 war. In 9 Konzerten hatten sechsmal Bläser eine solistische Rolle (darunter der Fagottist Berwald mit einem Fagottkonzert von Grenzer).

Doch die Entwicklung des romantischen Klangbildes begünstigte Instrumente wie das weiterentwickelte Hammerklavier oder die Streichinstrumente und das Auftreten faszinierender Virtuosen wie Franz Liszt oder Nicoló Paganini ließ die Bläsersolisten vergessen, ab etwa 1830 waren sie aus den Programmen weitgehend verschwunden. Das wiederum war Herrn Hanslick auch nicht recht, und so äußerte er sich. ”Das entsetzliche Überhandnehmen des Claviers, dieses allerdings selbständigsten, aber bereits aufdringlichsten Instruments, stimmt uns heute versöhnlicher gegen die entthronten Bläser.“

Heute sind die Bläsersolisten (durch die Medien begünstigt) wieder präsent, als Solisten, in der Kammermusik, in der Harmoniemusik und in der Forschung nach Literatur der großen klassischen Bläserzeit. Danzi war zu meiner Studienzeit (bis 1958) nur als Bläser-Quintett-Komponist bekannt, heute sind fast alle seine Werke für Bläser, die Konzerte, Concertanten, das Bläsersextett, die Fagottquartette mit Streichtrio und Sonaten mit Klavier neu herausgegeben oder eingespielt worden. Das Werk dieses Komponisten, der als wichtiges Verbindungsglied zwischen Klassik und Romantik anzusehen ist, als sogenannter Kleinmeister lange vergessen war, wird der Öffentlichkeit wieder bewußt gemacht und sein künstlerisches Erbe bewahrt. So ist die vorliegende CD keine Denkmalpflege, sondern das Dokument einer lebendigen, zwar nicht tiefschürfenden, aber liebenswürdigen, gut komponierten Musik.

Drei der hier vorliegenden vier Fagottkonzerte sind bereits im Druck erschienen, das Konzert in g-moll wird vom Accolade-Verlag für den Druck vorbereitet (Albrecht Holder). Laut Joachim Veit existiert noch ein weiteres Konzert in F-Dur, die Stimmen für eine Concertante für zwei Fagotte und ein Concertino für Fagott scheinen verloren zu sein.

Das Konzert in g-moll ist dreisätzig, der letzte Satz eine Polonaise. Die Solo- und Orchester­stimmen befinden sich in Danzis Handschrift in der Fürstlich-Fürstenbergischen Bibliothek in Donaueschingen. Das Konzert ist vermutlich in Danzis Stuttgarter Zeit entstanden.

Das Erste Konzert in F-Dur ist dreisätzig, und der letzte Satz besteht aus Variationen über das österreichische Volkslied «A Schüsserl und a Reinderl». Webers Variationen für Bratsche und Orchester, J.49, haben dasselbe Thema. Die etwas schematisch, aber hochvirtuos komponierten Variationen wurden von mir mit zwei Kadenzen versehen. Eine Aufführung, vielleicht die Uraufführung, fand am 20. Januar 1805 in München statt, mit dem Solisten Franz Lang, Mitglied der Hofkapelle.

Das dreisätzige Zweite Konzert in C-Dur hat ein Rondo als dritten Satz. Die variierten Wiederholungen des Rondothemas sind ein Musterbeispiel für die Auszierungstechnik. Vermutlich ist das Konzert auch für München komponiert. Die Kadenz im ersten Satz stanunt von mir.

Das Konzert in F-Dur ist das bekannteste. Das sinfonisch ausgeprägte Orchestervorspiel, die Wechsel zwischen sangbaren Themen und virtuosen Passagen, das Spiel mit Dur und Moll und die farbige harmonische Palette machen den ersten Satz zu einem besonders schönen Beispiel der Musik Danzis. Der zweite und dritte Satz ist wie eine musikalische Szene gestaltet, und in der Polonaise werden an den Solisten hohe technische Anforderungen gestellt.

Eberhard Buschmann


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