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8.554292 - RAUTAVAARA: Piano Works
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Einojuhani Raulavaara (geb. 1928)
Klavierwerke

Einojuhani Rautavaara ist eine der schillerndsten und ungewöhnlichen Figuren in der finnischen Musik. Er ist ein Künstler von außergewöhnlich großer Spannweite, romantisch und intellektuell, Mystiker und Konstruktivist in einer Person. In seiner stilistischen Entwicklung hat er viele Etappen durchlaufen bis hin zu individuellen Werken, in denen er verschiedene stilistische Elemente in postmoderner Art vereinigt. Begonnen hat Rautavaara unter dem Einfluß des Neoklassizismus der Nachkriegszeit. In den fünfziger Jahren begann er die Zwölftontechnik zu verwenden und gelangte mit einigen Werken zu sehr modernen Ausdrucksformen. Andererseits konnten aber auch Werke, die in zeitlicher Nachbarschaft entstanden sind, in ihrem kompositorischen Ansatz weit auseinandergehen. Beispielsweise seine dritte Sinfonie, geschrieben in der Mitte seiner zwölftönigen Periode, ist geprägt von ungezügelter Romantik, die erst ab den späten sechziger Jahren in seinen Werken vorherrscht. Seit den späten siebziger Jahren verbindet er verschiedene stilistische Einflüsse zu einer Synthese. Rautavaara gilt seit den fünfziger Jahren als führender finnischer Komponist, besonders in den neunziger Jahren gewann er auch international stetig an Ansehen.

Kimmo Korhonen

Die San1miung Etydit (Etüden), geschrieben 1969, stammt aus einer Zeit, als in der Klaviermusik ein sparsamer, aphoristischer Stil als kompositorischer Ansatz am weitesten verbreitet war. Ich dagegen wollte wieder einen klangvollen, groß angelegten Klavierstil einführen, der den gesamten Tonumfang des Klaviers einbezieht und dieses wundervolle Instrument in seiner ganzen Fülle darstellt. Jede Etüde konzentriert sich auf ein spezifisches Intervall: Brillante Terzen, rastlose Septimen, qualvolle Tritoni, natürliche Quarten, expressive Sekunden und luftige Quinten – jedes Intervall für sich ist mit einer Skizze bedacht.

Ikonit (Ikonen, Heiligenbilder) wurde im Jahre 1955 komponiert. Die Legende besagt, daß der Apostel Lukas das erste Bildnis der Mutter Gottes gemalt hat und somit die erste Ikone geschaffen hat. Die Mutter Gottes ist bis heute das wichtigste Sujet für die Ikonenmaler, abgesehen von Szenen aus den Evangelien und heiligen Männer- und Frauengestalten. Über Jahrhunderte und Jahrtausende haben sich Sujet und Stil der Ikonen kaum verändert. Die Ikonenmaler blieben im allgemeinen anonym. Ikonit ist eine weitere Manifestation oder Reproduktion, in diesem Fall in Musik.

Das erste Bild ist Jumalanäidin kuolema (Dormition, Bettung der heiligen Madonna). Die Mutter Gottes liegt auf einem Bett aus Purpur, umringt von den Aposteln, die hier nicht mehr Fischer oder Zimmerleute sind, sondern Fürsten der Kirche mit glitzernden Gewändern aus Juwelen und Gold – eine echt byzantinische Szene mit Farben, die das feierliche Geläut von tausenden Glocken wiedergeben. Kaksi maalaispyhimystä (Zwei Heilige vom Lande) stammt aus einer alten Ikonenwand. Die zwei Heiligen, feierlich und lebensfroh zugleich, beobachten irgendwo in einer einfachen Dorfkirche die Mädchen und Bauern. Geschwärzt von Kerzenrauch und gezeichnet von tiefen Wunden, die die Menschheitsgeschichte hinterlassen hat, trägt Blakernajan musta Jumalanäiti (Die schwarze Madouna von Blakernaya) ihr Kind in einem runden Medaillon an der Brust. Ihre strengen Gesichtszüge erinnern an diejenigen der Priesterinnen des späten Altertums. Ihre ungeheuer großen schwarzen Augen scheinen den Besucher in jeder Ecke der Kirche erfassen zu können, in ihnen ist nicht ein Strahl von Barmtherzigkeit oder Milde auszurnachen. Kristuksen kaste (Die Taufe Christi) ist in blaugrün, gold und rot gemalt. Der Fluß scheint direkt von oben herabzu­fließen, in der Mitte steht ein nackter und hagerer Christus. Johannes der Täufer steht in Tierhäute gekleidet am Ufer und streckt seine Hand aus, um den Auserwählten zu salben. Diese Figuren stehen in einer Landschaft, die schwerlich abstrakter sein könnte: Wasser, Land und Berge sind lediglich ein symbolischer Hintergrund. Pyhät naiset haudalla (Die Heilige am Grabe) hat in kalter Nacht eine letzte Gelegenheit, den Herrn in menschlicher, körperlicher Gestalt zu erleben, Die Todesglocken läuten leise, ihre Gedanken steigen in einer zarten Melodie empor. Im letzten Bild, Arkkienkeli Mikael kukistaa Antikristuksen (Der Erzengel Michael bezwingt den Antichristen), reitet der Erzengel auf seinem rotgeflügelten Roß, bedroht den Antichristen mit einem Speer, schwenkt gleichzeitig ein Weihrauchgefäß und hält in seiner linken Hand das Buch der Bücher. Seiue Lippen blasen die Trompete des Jüngsten Gerichts, seine roten Flügel steigen kraftvoll über seinen Schultern empor. Das junge Gesicht des Erzengels strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, es breitet einen tiefen Frieden über die dem Bild innewohnende Bewegung.

Ich schrieb die Seitsemän Preludia Pianolle (Sieben Präludien für Klavier) im Sommer 1956, als ich in Tanglewood studierte. Damals studierte ich bei Aaron Copland, ich habe ihm aber die Präludien niemals gezeigt. Das war eine Art Protest oder Ausbruch gegen die sogenannten neoklassizistischen Schranken, unter denen ich während meiner Studienzeit sowohl in Helsinki als auch in den Vereinigten Staaten arbeiten mußte. Die Präludien sind kraftvoll inspiriert, voller expressiver Gedanken. Es sind „Präludien” im eigentlichen Sinn des Wortes, Kompositionen, die von einheitlicher Struktur gekennzeichnet sind.

Die ersten Skizzen zu der kleinen Folge von Variationen, Partita genannt, wurden in New York im Jalue 1956 geschrieben. Ich arbeitete damals an einer Komposition für einen Gitarristen, die Gitarre hat wohl einige Spuren in dem Klavierwerk hinterlassen, bei­spielsweise in den Begleitakkorden des zweiten Satzes. Das eigentliche Gitarrenstück ist nie vollendet worden, ich gestaltete das Material zwei Jahre später zu einer Partita für Klavier um. Das Werk besteht aus drei Sätzen unterschiedlichen Charakters, es sind Variationen über ein und dasselbe Motiv.

Der Untertitel zur Klaviersonate Nr. 1 (komponiert 1969), „Christus und die Fischer“, stammt von einem alten deutschen Druck, der über meinem Klavier an der Wand hing, als ich das Werk in meiner Sommervilla an der Ostsee schrieb. Vielleicht haben sich die fromme Atmosphäre des Drucks und der Klang der See in den schweren Rhythmen des Beginns niedergeschlagen. Der schnelle Mittelsatz ist rhythmisch betont, besonders die vielfältigen Kombinationen von 318- und 2/8- Rhythmen erzeugen eine rastlose und leidenschaftliche Stimmung. Der langsame Finalsatz bildet einen scharfen Kontrast zum vorangegangenen Satz, seine kontrapunktisch geführten Stimmen umweben ein choralartiges Thema.

Wie viele meiner Werke bezieht die Klaviersonate Nr. 2 „Die Feuerpredigt“ (geschrieben 1970) ihre musikalische Energie aus ihrem Untertitel. Die magischen Worte der „Feuerpredigt“ setzten sich regelrecht in meinem Kopf fest und wiederholten sich immer wieder. Eine bewußte Verbindung zu T.S. Eliots gleichnamigem Gedicht oder zur berühmten Predigt Buddhas gibt es dabei aber nicht. Allen drei Sätzen der Sonate liegt das Prinzip kontinuierlichen Anwachsens zugrunde. Der Grundgedanke nimmt an Umfang, Dichte und Kraft soweit zu, bis die Struktur in Dissonanzen und oft in Cluster zerfällt. Sie löst sich in Klangnebel auf oder schlägt für einen flüchtigen Augenblick von Pathos in triviale Ironie um, wie es in der Schlußfuge der Fall ist. Der Mystizismus und die Andacht der ersten Sonate geben hier den Weg frei für Pessimismus, für einen immer wieder neu beginnenden, frustrierenden Kampf.

Einojuhani Raulavaara 1998
Bearbeitung: Tilo Kittel


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