About this Recording
8.554302 - Gershwin for Trumpet (arr. J. Bartos and P. Breiner)
English  German 

IT AIN’T NECESSARILY SO

IT AIN’T NECESSARILY SO

und andere Gershwin-Arrangements für Trompete und Klavier von Peter Breiner und Juraj Bartos

 

Hollywood, Anfang 1937: Nach einem geselligen Abend mit Freunden kam George Gershwin nach Hause, um sich gemeinsam mit seinem Bruder Ira, seinem Mitbewohner und wichtigsten künstlerischen Mitarbeiter, wieder an die Arbeit zu machen. George schrieb die Musik, Ira die Texte – und er konnte seinen Bruder immer mit ein oder zwei Zeilen, manchmal sogar mit dem bloßen Titel zu einem Stück inspirieren. Und so geschah es auch in dieser Nacht: Ira warf einige Worte aufs Papier, und schon entsprang der ohnedies enorm erfolgreichen Partnerschaft ein neuer Hit. In diesem Fall war es die Idee zu einem Song für Fred Astaire. Ira meinte: „Wie wär’s mit a foggy day in London?“ George gefiel die Vorstellung von einem „nebligen Tag in London“, und kaum eine Stunde später waren Worte und Musik des Refrains fertig. Am nächsten Tag schrieben sie die verses, die immer einige Zeit in Anspruch nahmen, wie sich Ira erinnerte – denn sie sollten genauso gut werden wie der Refrain, obwohl ihnen das Publikum bei weitem nicht dieselbe Aufmerksamkeit schenkte.

 

George Gershwin schuf große Werke wie die symphonische Rhapsody in Blue und die Oper Porgy and Bess, doch in erster Linie war er einer der größten Melodiker aller Zeiten: Den Anfang bildete Swanee (1919), mit dem der junge song-plugger (= Begutachter für Unterhaltungsmusik) der Tin Pan Alley den Sprung zum Komponisten schaffte, und am Ende stand der Titel Love is here to stay, über dessen Vollendung er 1937 starb. Seine Melodien wurden zu Songs, die dann wiederum gebündelt in Form von Bühnen- oder Leinwandmusicals erschienen – wobei die Titel oft nur wenig mit der jeweiligen Handlung zu tun hatten. Oft scheint es sogar, als hätte die einzige Aufgabe der „Story“ darin bestanden, einen Song nach dem andern zu offerieren. Und die Songs konnten nacheinander auch in verschiedenen Musicals vorkommen wie der überaus berühmte Titel The man I love, der 1924 zunächst für Lady, be good entstanden war. Doch die Voraufführungen in Philadelphia liefen nicht gut, und so überarbeitete Gershwin die Show, in der er jetzt auf The man I love verzichtete. Einige Jahre später erwies sich derselbe Song dann in Strike up the band als weitaus erfolgreicher, und endlich wollte ihn Gershwin 1928 auch in Rosalie übernehmen, doch schließlich strich er ihn noch vor der Premiere des neuen Musicals. Am Ende wurde The man I love der Hit eines Londoner Nachtclubs, und auf diesem Weg kehrte er im Triumph nach Amerika zurück.

 

Wenn die Songs nicht auf unverständige Hörer trafen, so begegneten ihnen bisweilen doch verständnislose Verleger wie derjenige, der By Strauss herausbringen wollte, sich bei Gershwin aber erst einmal schriftlich über die Länge der verses beklagte und etliche Kürzungen verlangte. Der Komponist weigerte sich und machte einen Gegenvorschlag: Man solle doch eben die Länge der Strophen besonders hervorheben und so den potentiellen Käufer darüber informieren, was er alles für sein Geld erhielte. Und für den Fall, dass sich der Titel nicht verkaufen sollte, könnten wenigstens die Enkel auf einen Großvater stolz sein, der sich so viele Gedanken über die verses gemacht hätte.

 

Einige Wochen nach dem Abschluss von A Foggy Day befassten sich die Gershwins gerade mit dem Chorus zu Love is here to stay für The Goldwyn Follies von 1938, als George wegen seiner immer schlimmeren Kopfschmerzen nicht mehr weiterarbeiten konnte. Die anschließende Gehirntumor-Operation überlebte er nicht. Nur wenige Monate später starb in Paris Maurice Ravel unter ganz ähnlichen Umständen – eine letzte Koinzidenz zweier Komponisten, die mehr miteinander gemein hatten als man glauben sollte. Ravel hatte sich seinerzeit geweigert, Gershwin zu unterrichten, weil die Welt seiner Meinung nach einen Gershwin, keinen zweiten Ravel brauchte. Was die beiden unter anderem miteinander verband, war die Tatsache, dass sich hinter ihrem Dandytum eine sehr tiefe Emotionalität verbarg, jene Art von Empfindungen, die im vorliegenden Programm immer wieder zutage tritt und besonders dann zum Tragen kam, wenn Fred Astaire Gershwin sang (wie sich’s fügte, war „Astaire“ Gershwins letztes Wort).

 

Kurz nach George Gershwins Tod am 11. Juli 1937 fand ein Gedächtniskonzert statt, an dem sich das Los Angeles Philharmonic, Otto Klemperer, Oscar Levant, Al Jolson und Lily Pons beteiligten. Fred Astaire sang They can’t take that away from me. Niemand wird George Gershwin je den Platz streitig machen können, den er im Herzen der Musiker einnimmt.

 

Philippe Danel

Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window