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8.554321 - BARTÓK, B.: Violin Concertos Nos. 1 and 2 (G. Pauk, Polish National Radio Symphony, Wit)
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Béla Bartók (1881-1945)
Violinkonzerte

Durch seine bahnbrechende Aufarbeitung des osteuropäischen Volksliedguts und dessen Einschmelzung in seine Kompositionen hinterließ Bartók ein Lebenswerk, das höchst individuell und noch immer aktuell und bedeutungsvoll ist. Sein Kompositionsstil ist einzigartig, indem er die Kluft zwischen Kunst und Folklore, sowie zwischen Ost und West überwindet, und man könnte sogar behaupten, daß sich sein Einfluß in der „Fusion-Musik“ zwischen Jazz und Klassik niederschlägt. Nach und nach, indem mehr Details über Bartóks Leben und Charakter ans Tageslicht kommen, wird klar, daß dieses Genie nicht nur Komponist, Interpret, Lehrer und Musikethnologe war, sondern auch die Gesetze der Natur gründlich studierte. Er war ein zuweilen exzentrischer Mann, politische Integrität verfügte und sich zeitlebens seine künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit bewahrte.

Das Erste Violinkonzert, Bartóks erster Vorstoß in das Genre des Konzerts, entstand in den Jahren 1907-08 und zählt daher noch zu den Jugendwerken. Mit diesem Konzert präsentierte Bartók einen neuartigen Stil, der sich stark von seinem letzten großen Werk, der sinfonischen Dichtung Kossuth des Jahres 1903 abhebt. Zwei Jahre nach Kossuth hatte er mit Zoltán Kodály begonnen, Volkslieder zu sammeln. Zusammen reisten sie durch entlegene Regionen des Landes und zeichneten auf einer Edison-Maschine die Gesänge alter Bauern auf. Die Klassifizierung dieses Materials sollte Bartók sein Leben lang beschäftigen. Zur Entstehungszeit des Ersten Violinkonzerts hatte er bereits seine ersten Volkslieder veröffentlicht und auch mit seinen Untersuchungen der rumänischen Volksmusik begonnen. War Kossuth noch in erster Linie von der deutschen Tradition, insbesondere von Strauß, geprägt, schlägt sich in den Kompositionen dieser Schaffensphase auch Debussys und Max Regers

Eine Besprechung des Ersten Violinkonzerts könnte ohne die Erwähnung der jungen Geigerin Stefi Geyer, die Bartók abgöttisch verehrte, nicht komplett sein. Zweifellos war Bartók zur Entstehungszeit des Konzerts in Stefi Geyer verliebt, und ließ in dem Werk, das er ihr widmete, seinen Gefühlen freien Lauf. Geyer beschrieb den ersten Satz später als „das junge Mädchen, das er liebte” und den zweiten Satz als „die Geigerin, die er bewunderte”. Bartók selbst hingegen beschrieb den ersten Satz als seine „unmittelbarste Musik; Musik, die ausschließlich aus den Herzen heraus geschrieben wurde.” In dem markanten Eröffnungsmotiv verbirgt sich die Keimzelle des Stückes, auf die Bartók in vielen späteren Werken, sogar in seinem allerletzten Werk, dem Bratschenkonzert von 1945 anspielt. In seiner Mollvariante nannte Bartók dieses Motiv in einem späteren Brief an Stefi Geyer „Dein Leitmotiv”. Die Geigerin führte das Konzert allerdings niemals auf, und in der Tat fand die Uraufführung in der ursprünglichen, zweisätzigen Form erst im Jahre 1948, nach ihrem Tod statt.

Auch das Zweite Violinkonzert trägt eine Widmung an einen Geiger. Ihre Worte, „meinem lieben Freund, Zoltán Székely” lassen Rückschlüsse auf die Tiefe dieser Freundschaft zu. Bartók lud seinen Freund Székely im Jahre 1928, nachdem er die beiden Rhapsodien für Violine komponiert hatte, ein, eines der beiden Werke als Widmungsträger auszuwählen. Székely entschied sich für die zweite, und die erste wurde fortan dem Geiger Joseph Szigeti gewidmet. Am ersten September 1936 wandte sich Bartók mit der Bitte an seinen Verleger, ihm die wesentlichen neuen Werke zuzusenden und erhielt bald die Violinkonzerte von Alban Berg, Kurt Weill und Karol Szymanowski. Sicherlich wurden damals bereits die ersten Samen für das Zweite Violinkonzert gesät, wenngleich Bartók selbst auf den Zeitraum vom August 1937 bis zum Dezember 1938 als Entstehungszeit verweist. Interessant ist Székelys nachhaltiger Einfluß auf dieses Werk, das er selbst in Auftrag gegeben hatte und an dessen Gestaltung er folglich ein besonderes Interesse hegte. Bei den gemeinsamen Geigen- und Klavierproben gab er dem Komponisten Ratschläge und Ideen, die sich auf neue oder veränderte Noten, die Artikulation und sogar formelle Aspekte bezogen. Bartók etwa plante ursprünglich, ein einsätziges Werk mit Variationen zu schreiben, doch Székely widersprach und forderte ein „richtiges Konzert mit drei Sätzen”. Und während die Geige in Bartóks ursprünglichem Ende schwieg, wünschte sich Székely, daß das Werk wie „ein Konzert und nicht wie eine Sinfonie” ende. Bartók gab wiederum nach und komponierte einen anderen Schluß, ließ aber seine ursprüngliche Fassung als Alternative dabei.

Wenngleich Bartók nachgab, als er ein dreisätziges Werk schrieb, behielt er doch das letzte Wort, indem er in einem Brief an seinen Freund über den dritten Satz schrieb: „Streng genommen ist er eine freie Variation des ersten Satzes. Schließlich habe ich Dich überlistet und doch Variationen geschrieben”.

Dieses Werk weist raffinierte Elemente der Zwölftonmusik, sowie komplexe tonale und rhythmische Wendungen auf, ist aber trotz allem von der Volksmusik inspiriert. Sein Eröffnungsthema ist von Volkstänzen abgeleitet, die Bartók den Geigern der transsilvanischen Bauern entnahm.

Deutsche Fassung: Eva Grant


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