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8.554360 - BRITTEN: String Quartets No. 3 / Simple Symphony
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Benjamin Britten (1913-1976)
Streichquartetten Folge 2

Benjamin Brittens Popularität und seine Bedeutung nicht nur für die englische Musikwelt beruht in erster Linie auf seinen Opern und Vokalwerken. Die erste durchkomponierte Oper Peter Grimes (1945) markiert die langersehnte Wiedergeburt der englischen Oper, die seit dem Tod Henry Purcells 1695 keine internationale Rolle mehr gespielt hatte. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten folgte eine Reihe von bedeutenden Bühnenwerken, die Brittens internationalen Ruf festigten. Neben den Opern zeugen Brittens Chorwerke und Lieder von seiner außergewöhnliche Begabung für Textvertonung und vokales Komponieren.

Jedoch spielte auch die Kammermusik in Brittens Schaffen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Britten, der 1913 in der kleinen ostenglischen Küstenstadt Lowestoft geboren wurde, zeigte schon früh ein außergewöhnliches musikalisches Talent. Er lernte zunächst Bratsche und begann bereits im Alter von fünf Jahren kleine Stücke zu komponieren, die im Familienkreis aufgeführt werden konnten: unter anderem eine Violinsonate für seinen Bruder Robert und eine Viola-Sonate für sich selbst. Mit neun Jahren hatte er sein erstes Streichquartett und ein Oratorium geschrieben; und mit vierzehn gehörten zu seinen Werken bereits eine Sinfonie, ein halbes Dutzend Streichquartette, Klaviertrios und ein Oktett für die ungewöhnliche Besetzung mit zwei Violinen, zwei Violen, zwei Celli und zwei Kontrabässen.

Ein Teil des musikalischen Materials dieser frühen Kompositionen, die er zwischen seinem 8. und 12. Lebensjahr niederschrieb, integrierte Britten in die Simple Symphony, die 1934 als sein Opus 4 veröffentlicht wurde. Sowohl das heitere erste als auch das lyrische zweite Thema des ersten Satzes, Boisterous Bourrée, wurden aus der Ersten Suite für Klavier von 1926 gewonnen. Mit dem Scherzo Playful Pizzicato, das auf Material aus einem Scherzo für Klavier von 1926 zurückgeht, kontrastiert die Sentimental Sarahand. Das Hauptthema des dreiteiligen Satzes entstammt der Dritten Suite für Klavier (1925), das Nebenthema einem 1923 geschriebenen Walzer für Klavier. Die Themen des Frolicsome Finale, das mit einem kraftvollen Unisono beginnt, sind der Klaviersonate Nr. 9 und einem Lied aus dem Jahr 1925 entnommen.

Brittens Lehrer und Förderer Frank Bridge (1879-1941) war einer der wenigen englischen Komponisten, die sich mit den progressiven musikalischen Tendenzen des Jahrhunderts auseinandersetzten und die Werke Schönbergs und der Zweiten Wiener Schule studierten. Angesteckt von Bridges Enthusiasmus für diese Musikrichtung komponierte der 16jährige Britten im Frühjahr 1930 das Quartettino, zweifellos das radikalste seiner frühen Werke. (Es wurde erst 1983 aus dem Nachlaß veröffentlicht und im Mai 1983 vom Arditti Quartet uraufgeführt). Das gesamte thematische Material der drei Sätze des Quartettinos läßt sich auf ein fünftöniges Motiv zurückführen, das auf der Titelseite als auf- und absteigende Figur ohne genaue Tonhöhenangaben dem Werk vorangestellt wird. Mit dem Allegro molto des ersten Satzes, dem rhapsodischen langsamen Satz und dem Tarantella­ähnlichen Finale weist das Quartettino in seiner Anlage überraschende Ähnlichkeiten mit der drei Jahre später entstandenen Simple Symphony auf.

Die Drei Divertimenti gehen auf eine Streichquartett-Komposition aus dem Jahr 1933 mit dem Titel Alla Quartetto serioso: 'Go play, boy, play' zurück. Nach einer unbefriedigenden Aufführung von drei der ursprünglich fünf geplanten Sätze im Dezember 1933 unterbrach Britten die Arbeit an dem Werk. 1936 überarbeitete er die drei bereits existierenden Charakterstücke und brachte sie als Drei Divertimenti heraus. In den ersten Satz, March, wurden neue Glissando-Figuren eingefügt, der reizende Waltz erhielt etwas mehr Substanz und in der Burlesque wurde die Taktart von 3/8 in 6/8 geändert.

Der ebenfalls 1933 komponierte Quartettsatz Alla Marcia war ursprünglich als erster Satz des Quartetts Alla Quartetto serioso 'Go play, boy, play' vorgesehen, wurde dann aber verworfen. Auch der Plan, ihn als Eröffnungssatz einer Suite zu verwenden, die anf Kästners Roman Emil und die Detektive beruhen sollte, wurde nicht weiter verfolgt. Erst 1939 wandte sich Britten der Komposition wieder zu und entwickelte aus ihr die Begleitung zur Parade des Lieder-Zyklus Les Illuminations nach Gedichten von Rimbaud. Der Satz, dem ein verstecktes dramatisches Szenario zugrunde liegt, entwickelt sich aus einem ruhigen Beginn, gewinnt an Intensität und verklingt wieder fast unhörbar in der Ferne.

Dreißig Jahre liegen zwischen Brittens zweitem und seinem dritten Streichquartett. Erst im Herbst 1975, wenige Monate vor seinem Tod, wandte sich Britten erneut dem Medium Streichquartett zu und schrieb mit dem Quartett Nr. 3 seine letzte große Instrumental-komposition.

Im Mai 1973 hatte sich Britten einer Herzoperation unterziehen müssen, und war seither sehr schwach und teilweise gelähmt. Mit dem dritten Streichquartett nahm Britten Abschied vom Konzertpodium, ähnlich wie er sich mit der Oper Death in Venice nach der Novelle von Thomas Mann von der Opernbühne verabschiedet hatte. Auch inhaltlich besteht zwischen beiden Werken ein enges Beziehungsgeflecht. In der Einleitung zur abschließenden Passacaglia, die Britten während seines letztem Anfenthalts in Venedig im November 1975 schrieb, werden die wichtigsten Themen der Oper zitiert. Darüber hinaus kreist das Finale um die Tonart E-Dur, die im Verlauf der Oper eng lnit der Hauptfigur Aschenbach verbunden ist.

Unter dem Einfluß der in den sechziger Jahren entstandenen Sniten wendet sich Britten im dritten Streichquartett einer Divertimento-ähnlichen Folge von fünf Sätzen zu, die eine Bogenform annehmen.

Der erste Satz Duets, ein frei interpretierter Sonatensatz, spielt mit den verschiedenen Möglichkeiten, die vier Instrumente in Duo-Kombinationen gegenüberzustellen. Peter Evans (The Music of Benjamin Britten) sieht in der motivischen Struktur des ersten Satzes Parallelen zu der Szene am Beginn von Death in Venice, die Aschenbachs rastloses Umherstreifen in Vendig darstellt. Zudem erklingt gleich zu Beginn des Satzes das Motiv, das im Finale Grundlage der abschließenden Passacaglia wird. Im scherzo-artigen zweiten Satz erhebt sich über einem Ostinato aus Septimen eine viertönige motivische Figur, die fast drei Oktaven umspaunt. Im Zentrum der fünfsätzigen Bogenform steht der Solo betitelte langsame Satz. Die rhapsodische Kantilene für die Erste Violine ist eine Hommage an Norbert Brainin, den Primarius des Amadeus-Quartetts, das das Werk am 19. Dezember 1976, kurz nach Brittens Tod, uranfführte. Die schrille Burlesque, die den vierten Satz bildet, weist deutliche Parallelen zum parodistischen Kompositionsstil Dmitri Schostakowitschs auf, mit dem Britten eine enge Freundschart verband. Hans Keller hob darüber hinaus auch Ähnlichkeiten dieses Satzes mit der Rondo-Burleske aus Mahlers Sinfonie Nr. 9 hervor. Auch in seiner letzten Instrumentalkomposition verwendet Britten im Finale seine bevorzugte Form, die Passacaglia. Das einleitende Rezitativ zitiert mehrfach Themen aus Death in Venice und kulminiert lnit einem Unisono aller vier Instrumente in dem bedeutungs-vollen Zitat vom Ende des 1. Aktes – Aschenbachs Zeile: I love you. Wurden in den ersten Sätzen des Quartetts die Tonarten oft verschleiert, steht die nun beginnende Passacaglia eindeutig in E-Dur. Doch das Ende des vom Tod des Komponisten überschatteten Quartetts öffnet sich wieder zur tonalen Mehrdeutigkeit und endet, wie es Britten ausdrücklich intendierte, "Init einer Frage".

Peter Noelke


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