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8.554375 - BAROQUE TRUMPET (THE ART OF THE), Vol. 4
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Der Kunst der Barocktrompete, Folge 4

Für seine vierte Aufnahme in der Serie Die Kunst der Barocktrompete hat Niklas Eklund Werke deutscher Komponisten gewählt, von denen einige, darunter die Konzerte von Gross, Michael Haydn und Hertel, aufgrund ihres beträchtlichen Anspruchs bisher noch nie zuvor auf einer Barocktrompete eingespielt worden sind.

Über die frühen Jahre von Joseph Arnold Gross weiß man nur sehr wenig. Geboren 1701, gestorben entweder 1783 oder 1784, wurde er 1739 zum Kurfürstlichen Hoftrompeter in München ernannt. Ähnlich wie ein anderer berühmter Trompeter ­– Schachtner, ein Freund der Familie Mozart –, war auch Gross ein ausgezeichneter Violinist, was ihm 1746 eine Erhöhung seines Lohns unter der Bedingung einbrachte, daß er bei Ballettaufführungen den Platz des Konzertmeisters einnahm. Ein Jahr darauf bekleidete er dann auch das Amt des Spielgrafen. In dieser Position regelte er in seinem Zuständigkeitsbereich, Bayern, die Aktivitäten der umherziehenden Spielleute, die, um auf Hochzeiten, Jahrmärkten oder anderen Festen spielen zu können, Lizenzen benötigten. Die durch die Vergabe dieser Lizenzen eingehenden Gelder waren natürlich ein willkommenes Zubrot für jene Hoftrompeter, die sich wie Gross als Spielgraf verdingen durften, ein Amt, das dann 1775 abgeschafft wurde.

Unter den Gross zugeschriebenen Werken findet sich neben 200 Aufzügen (Intraden) auch das hier vorliegende Trompetenkonzert in D-Dur, das in zwei Stimmsätzen überliefert ist, die heute in den Bibliotheken von Regensburg und Washington D.C. verwahrt werden. Der vorklassische Stil dieses Konzertes wie auch der anderer wahrscheinlich für Gross entstandener Konzerte (etwa von Riepel oder F.X. Richter), deutet mit der Verwendung gerade auch der höchsten Lage der Trompete darauf hin, daß es sich bei Gross um einen wirklich hervorragenden Trompeter gehandelt haben muß. Das D-Dur Konzert von Gross zeichnet sich dabei durch einen leichten, unter­haltsamen, jedoch keinesfalls oberflächlichen Stil aus, der es deutlich von anderen zeitgenössischen Werken für Trompete abhebt. So mag es hier gleichsam als anregender Aperitif vor den noch folgenden gewichtigeren Kompositionen dieser Aufnahme dienen.

Johann Michael Haydn, der jüngere Bruder Josephs, stand ab 1762 über mehr als 40 Jahre im Dienste zweier Salzburger Erzbischöfe. Obwohl er bescheidener auftrat als sein Bruder oder auch Mozart, genoß er unter seinen Zeitgenossen doch ein sehr hohes Ansehen. Gegen Ende seines Lebens wurde er so sogar in die königlich schwedische Akademie für Musik aufgenommen. Und von Franz Schubert, der Jahre später das Grab Haydns besucht hat, ist folgende Sentenz überliefert: „Es wehe auf mich, dachte ich mir, dein ruhiger, klarer Geist, du guter Haydn, und wenn ich auch nicht so ruhig und klar sein kann, so verehrt dich doch gewiß Niemand auf Erden so innig als ich:“

Michael Haydns Trompetenkonzert Nr. 2 in C-Dur, das in den frühen Salzburger Jahren entstanden sein dürfte, besteht aus nur zwei Sätzen. Zwei weitere Trompetenkonzerte, die dieses Merkmal ebenfalls aufweisen – Haydns erstes und das von Mozart, beide in D-Dur – waren ursprünglich Teile von Serenaden. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß auch dieses Konzert einer Serenade zugehörte. Auch ist es möglich, daß es für den Messgebrauch entstanden ist, war es doch in Österreich durchaus üblich, die Messe sehr aufwendig zu zelebrieren, etwa mit instrumentalen Sonaten oder Konzerten zwischen Epistel und Evangelium. Diese Auswüchse gehörten nach dem Tode Maria Theresias im Jahre 1780 durch die Reformen Joseph II. freilich der Vergangenheit an. Aber welchen Ursprungs das Werk auch immer sein mag: es gehört zu den anspruchsvollsten Kompositionen des gesamten Repertoires. Denn abgesehen davon, daß es häufig über c’”, bis e’”, ja einmal sogar bis f’” hinaufreicht, zeichnet es sich durch herrlich lange, für den Interpreten allerdings sehr anstrengende melodische Bögen und kühne Sprünge, namentlich im zweiten Satz, aus. Als ursprünglicher Interpret könnte der Salzburger Hoftrompeter J.B. Resenberger in Frage kommen, von dem Leopold Mozart einst schrieb, er sei „ein ausgezeichneter Trompeter, berühmt besonders wegen seines hohen Registers, der außergewöhnlichen Reinheit seines Tons, der Geschwindigkeit seiner Läufe und seiner wunderbaren Triller.“ All diese Qualitäten braucht es in der Tat zur Interpretation dieses Konzertes. Und mit zwei eigenen Kadenzen hat Eklund der Virtuosität des Werkes sogar noch etwas hinzufügen können.

Wie der jüngere Haydn, so war auch Johann Melchior Molter Zeit seines Lebens mit einem Hof verbunden, sieht man einmal ab von jener politisch unruhigen Zeit (1733-42), in der er am Hofe zu Eisenach diente 1717 trat er in den Dienst des Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach Zwei Jahre darauf zog der Hof dann allerdings nach Karlsruhe Bei vollem Gehalt beurlaubt, schickte der Graf Molter gleich zweimal auf längere Studien­aufenthalte nach Italien. Nach dem ersten, der von 1719 bis 1721 dauerte, wurde Molter zum Hofkapellmeister ernannt; der zweite währte dann von 1737 bis 1738. In seiner Karlsruher Zeit komponierte Molter vor allem Kantaten und Oratorien, von denen die meisten heute allerdings verloren sind. Seine Instrumentalwerke aber sind überliefert. Neben unzähligen kammer­-musikalischen Kompositionen immerhin annähernd 50 Konzerte für die unterschiedlichsten Instrumente, darunter 19 für Flöte, jeweils sechs für Violine und Klarinette, fünf für Oboe und drei für Trompete. Stand Molter anfänglich namentlich unter dem Einfluß Vivaldis und der Polyphonie der mitteldeutschen Kantoren, so gewinnt später auch die Mannheimer Schule an Gewicht für ihn.

Molters drei Trompetenkonzerte müssen in sehr rascher Folge um 1750 für den Hoftrompeter Carl Pfeiffer entstanden sein, von dem man weiß, daß er von 1738 bis 1763 in Diensten des Grafen stand. Dabei ist es gerade das Konzert Nr. 2 in D-Dur, ein im galanten Stil gehaltenes Werk, das durch sein ausgesprochen kantables melodisches Material in den ersten beiden Sätzen für sich einnimmt. Gerade die häufig auf­tretenden Sechzehnteltriolen machen das für die Zeit zwischen Hochbarock und Vorklassik typisch Figurierte des Werkes aus. Und wenn die lang ausgehaltenen Spitzentöne für den Markgrafen gewiß unterhaltsam gewesen sein mögen, so sind sie für den Solisten vorrangig verteufelt schwer. Wie auch in anderen Konzerten Molters, ist der rasche dritte Satz in AABB­-Form recht knapp gehalten, wobei das Soloinstrument nun als primus inter pares verwendet wird.

Johann Wilhelm Hertel war ein ebenso bescheidener wie emsiger Musiker, der gewissenhaft die Stelle des Kapellmeisters an den Höfen von Strelitz (1744-53) und Schwerin (ab 1754) im Norden Deutschlands bekleidete. Seine Kompositionen stehen der Berliner Schule der Bendas und Grauns sowie C.P.E. Bachs und Quantzs nahe, und der Lexikograph Gerber zählte Hertel 1790 „zu unseren geschmack­vollsten Komponisten.“

Obwohl das zweite und dritte der drei Trompetenkonzerte Hertels für den sächsischen Trompeter Johann Georg Hoese oder Hese (1727-1801) komponiert worden sind, der seine Stellung am Hofe 1747 in Schwerin erhielt, scheint das Doppelkonzert in Es für Trompete und Oboe doch eher um 1748 herum entstanden zu sein, Hertels Strelitzer Phase also. Beide Soloinstrumente werden gleichwertig behandelt, wobei in den Außensätzen gerade die tiefe Lage der Naturtrompete das thematische Material bestimmt. Ansonsten prägt – wie allgemein üblich – die hohe Lage das musikalische Geschehen. Im Binnensatz, einem anmutigen, treffend Arioso überschriebenen Satz, schweigt die Trompete. Die lichte Struktur des Werkes gründet sich auf die Tatsache, daß die Streicher-begleitung nur selten mehr als dreistimmig ist: entweder werden die beiden Violinen unisono geführt wobei die Viola unabhängig vom Baß läuft, oder aber die Violinen sind geteilt und die Viola doppelt den Baß – eine Eigenart, die man häufig in Werken der Berliner Schule findet.

Kein anderer Komponist seiner Generation komponierte mehr Werke als Georg Philipp Telemann. So schrieb er alleine mehr als 1000 Kantaten in mindestens 31 Jahrgängen (J.S. Bach hingegen gerade einmal rund 300 Kantaten in fünf Jahrgängen), 46 Passionen, 12 Messen, mehr als 20 Opern sowie unzählige Instrumentalwerke. Zu seinen wichtigsten Posten zählen der des Städtischen Musikdirektors in Frankfurt am Main (1712-21) und der des Direktors der Kirchenmusik für die fünf Hauptkirchen von Hamburg (ab 1721). Stilistisch strebte Telemann nach Verständlichkeit und Klarheit, wobei man ihn in gewisser Hinsicht durchaus als Wegbereiter des musikalischen Klassizismus ansehen kann.

Das elegante Trompetenkonzert Nr. 2, in dem die sonst üblichen Streicher durch Holzbläser ersetzt sind, entstand vermutlich um 1730. Jedenfalls wurden die noch existierenden Stimmen, die der Komponist nach Dresden sandte, um diese Zeit kopiert; Telemann pflegte Kopien seiner Werke an verschiedene Städte und Höfe im ganzen Land zu senden. Das Konzert – ein veritables kammermusikalisches Juwel – ist dem italienischen Stil verpflichtet, wobei der Trompeter das Ensemble keinesfalls dominieren darf und ihm Flexibilität in allen Lagen abverlangt wird. Unan­gebracht wäre hier auch die moderne Praxis, alle Lagen einander klanglich anzugleichen, denn im Barock mußte der Trompeter – ähnlich wie bei der Intonation historischer Orgeln – sich seinen gesamten Tonumfang gleichsam in Form einer Pyramide vorstellen: mit der tiefen Lage als solides Fundament und delikaten, unaufdringlichen Spitzentönen darüber. Wie schon im Konzert Hertels, schweigt die Trompete im Binnensatz, einem bukolischen Siciliano.

Als Georg Friedrich Händel sich 1712 in London niederließ, fand er eine blühende Trompetentradition vor, die noch auf die Tage Purcells zurückging. In 22 seiner Opern und 18 seiner Oratorien verwendet er Trompeten in mehr oder weniger prominenter Stellung, ganz abgesehen natürlich von so berühmten Werken wie der Wassermusik von 1717 oder der Feuerwerksmusikvon 1749.

Der Part der Solotrompete in der Ouvertüre zu Händels Oper Atalanta (erstmals am 12. Mai 1736 in einer verschwenderischen Produktion anläßlich der Feierlichkeiten zur Vermählung von Frederick, dem Prinzen von Wales, mit Prinzessin Augusta von Saxen­-Coburg gegeben), ist sehr wahrscheinlich für Valentine Snow (gestorben 1770) entstanden, der ab 1752 Sergeant-Trumpeter war, jedoch bereits vorher schon als eine einflußreiche Persönlichkeit des Londoner Musiklebens gelten konnte. Es heißt, daß Händel dieses Werk dazu verwendete, um Snow wieder in seiner Operntruppe willkommen zu heißen, nachdem dieser zuvor einige Spielzeiten in einer Konkurrenztruppe geblasen hatte, der Opera of the Nobility. Man kann dieses Werk, obwohl es strenggenommen „nur“ eine Opernouvertüre ist, durchaus auch als Trompeten­konzert bezeichnen. Der Form nach handelt es sich um eine Französische Ouvertüre mit einem langsamen Teil in majestätisch punktiertem Rhythmus, einem schnellen fugierten Abschnitt und einem grazilen Tanzsatz (hier einer Gavotte), einer Form also, die Vorbild für die englischen Trompetenkonzerte der nächsten Generation werden sollte, wofür Namen wie Humphries (1740), Mudge (1749) und Bond (1760) stehen mögen.

Edword H, Tarr
Übersetzung: Matthias Lehmann


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