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8.554382 - SCHUBERT: Piano Sonatas, D. 575 and D. 850
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Franz Schubert (1797-1828)

Klaviersonate H-Dur op. 147 D 575 • Klaviersonate D-Dur op. 53 D 850

Franz Schubert wurde 1797 als Sohn eines Schulmeisters in Wien geboren, wo er auch den überwiegenden Teil seines kurzen Lebens verbrachte. Sein Vater war 1783 aus Nordmähren nach Wien gekommen und erhielt einen Lehrposten an einer Schule in der Leopoldstadt, an der bereits sein Bruder unterrichtete. Aus seiner 1785 geschlossenen Ehe mit einer aus Schlesien stammenden Frau gingen vierzehn Kinder hervor, von denen Franz das zwölfte war und das vierte, das überlebte. Den ersten Klavierunterricht erhielt er im Alter von fünf Jahren von seinem älteren Bruder Ignaz; drei Jahre später — während seiner Zeit als Chorknabe an der Liechtentaler Pfarrkirche — kam die Violine hinzu. Von dort aus bewarb er sich auf Empfehlung von Antonio Salieri um die Aufnahme an die k.k. Hofkapelle, in die er im Oktober 1808 eintrat: Als Chorknabe konnte er nun das Akademische Gymnasium besuchen und im Stadtkonvikt leben, womit seine weitere Ausbildung gesichert war.

Während seiner Schulzeit schloss Schubert Freundschaften, die sein Leben lang halten sollten. Nach seinem Stimmbruch im Jahre 1812 erhielt er ein Stipendium zur Fortsetzung seiner Allgemeinausbildung, doch er entschied sich für die „Normal-Hauptschule", eine Ausbildungsstätte für Lehranwärter. Daneben verbrachte er viel Zeit mit musikalischen Aktivitäten, und es entstanden zahlreiche Kompositionen. 1815 ging er als Hilfslehrer an die Schule seines Vaters, zeigte aber weder besondere Eignung noch gesteigertes Interesse für diese Aufgabe und widmete sich stattdessen seinem früheren Freundeskreis sowie neuen Bekanntschaften. 1816 begegnete er dem wohlhabenden, weltoffenen Franz von Schober, der ihm riet, den Lehrberuf aufzugeben und zu ihm zu ziehen. Im August 1817 kehrte Schubert jedoch wieder nach Hause und vorübergehend in die Schule zurück, als Schober den Platz in der Wohnung für seinen kranken Bruder Axel benötigte. Den nächsten Sommer verbrachte er teilweise im ungarischen Zseliz als Musiklehrer der beiden Töchter des Grafen Johann Karl Esterházy von Galánta, bevor er nach Wien zurückkehrte, wo er bis gegen Ende 1820 bei einem neuen Freund, dem Dichter Johann Mayrhofer, wohnte; danach lebte Schubert, der nun vorübergehend in der Lage war, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, einige Monate allein.

Zu diesem Zeitpunkt seines Lebens schien es, als stünde er an der Schwelle zum großen Erfolg als Komponist und Musiker. Dank seiner Freunde Johann Michael Vogl (einem ehemaligen Schulfreund des Mozart-Schülers Süßmayr), Leopold von Sonnleithner und anderen fand sich für seine Werke nun eine größere Zuhörerschaft. Mit Schober arbeitete er an einer neuen Oper zusammen, die zwar später von der Hofoper abgelehnt wurde, aber ansonsten wurde sein Name nun weit über den Bekannten- und Freundeskreis hinaus bekannt. 1822 und 1823 lebte er wieder in Schobers Wohnung, aber in dieser Zeit verschlimmerte sich seine bereits 1818 vorhandene venerische Erkrankung. Sie überschattete den Rest seines Lebens und führte — vermutlich als direkte Konsequenz des freizügigen Lebens, das Schubert durch Schober kennengelernt hatte und das ihn zeitweilig auch von einigen seiner früheren Freunde entfremdete — zu seinem frühen Tod. In den folgenden Jahren kehrte er mehrmals vorübergehend in das Haus seines Vaters zurück, der seit 1818 im Wiener Vorort Rossau wohnte; dort setzte er trotz seines

sich verschlechternden Gesundheitszustandes seine musikalischen Aktivitäten und seine Kompositionsarbeit fort. Im Februar 1828 wurde seine Musik erstmals bei einem öffentlichen Konzert in Wien gespielt, aber der finanzielle Erfolg blieb aus, sodass Schuber während des Sommers bei Freunden, u.a. bei Schober, Unterschlupf fand, bevor er im September zu seinem Bruder Ferdinand nach Wieden zog und auf eine Besserung seines Befindens hoffte. Dennoch nahm er weiterhin am gesellschaftlichen Leben teil, bis sich sein Gesundheitszustand Ende Oktober dramatisch verschlechterte. Er starb am 19. November.

Während Schuberts letzter Lebensjahre hatten die Verleger ihr Interesse an seiner Musik entdeckt. Er hatte Auftragsarbeiten für das Theater geschrieben und seine Freunde mit Liedern, Klavierstücken und Kammermusik entzückt. Vor allem mit seinem Liedschaffen erwarb sich Schubert einen bleibenden Ruf; dieser Gattung widmete er einen Beitrag, dessen Umfang ebenso erstaunlich ist wie die künstlerische Qualität. Die Texte stammen von großen und weniger prominenten Dichtern und spiegeln den literarischen Geschmack der Zeit wider. Schuberts am Lied geschulte melodische Erfindungsgabe ist auch in die anderen von ihm bevorzugten Musikgattungen eingeflossen.

Schubert befasste sich erstmals 1815 mit der Klaviersonate, aber erst im März 1817 vollendete er mit der Sonate a-Moll sein erstes Werk in einer Gattung, in der Beethoven als unerreichtes Vorbild galt. Es folgten weitere solcher Werke, darunter die erste viersätzige Sonate H-Dur D 575, vollendet im August desselben Jahres und 1846 als op. 147 veröffentlicht. Die den ersten Satz energisch eröffnende Dreiklangsfanfare erhält eine sanfte Antwort, bevor die Musik zum entfernten C-Dur und zurück nach E-Dur zum zweiten Thema moduliert, gefolgt vom einem Schlussabschnitt in der erwarteten Dominante. Das Eröffnungsmotiv — jetzt in Moll — leitet die zentrale Durchführung ein, und in der Reprise

wird die Tonartenordnung wiederhergestellt. Die Eingangsthematik des langsamen Satzes in E-Dur kehrt

in variierter Gestalt nach dem kontrastierenden Zentralabschnitt zurück. Ein G-Dur-Scherzo bildet den Rahmen für das Trio in D-Dur. Die Sonate endet mit einem fröhlichen dreiteiligen Sonatensatz.

In den Jahren 1818 und 1819 entstanden weitere (unvollendete) Sonaten, und 1823 schrieb Schubert seine dreisätzige Sonate a-Moll D 784. 1825 widmete er sich erneut der Gattung: im April entstand ein unvollendetes Werk und Ende Mai vollendete Schubert eine Sonate in a-Moll. Im August komponierte er die Sonate D-Dur D 850, die im folgenden Jahr mit einer Widmung an seinen Freund, den Pianisten Karl Maria von Bocklet, im Druck erschien. Bocklet hatte sich 1817 in Wien niedergelassen und war erst als Violinist am Theater an der Wien tätig, bevor er seine Pianistenkarriere begann. Im Dezember 1827 spielte er zusammen mit dem Geiger Ignaz Schuppanzigh und dem Cellisten Josef Linke die Uraufführung von Schuberts Klaviertrio Es-Dur D 929 und nahm ebenfalls an einer Aufführung dieses Werks aus Anlaß eines Schubert-Gedenkkonzerts im Januar 1829 teil. 1825 begleitete Schubert seinen Freund Michael Vogl auf einer Sommerreise durch das Salzkammergut: Im August erreichten sie Bad Gastein, wo sie drei Wochen blieben. Dort entstand die Sonate D-Dur D 850.

Resolut beginnt der erste Satz der Sonate, der in einer Überleitung durch mehrere Tonarten zu einem wiegenden Nebenthema führt. Das Eröffnungsmotiv der Sonate leitet auch die relativ ausgedehnte zentrale Durchführung ein, der eine mit emphatischem Ausdruck einsetzende Reprise folgt. Der lyrische zweite Satz in A-Dur erforscht in verschiedenen Versionen des Materials eine Vielzahl von Tonarten. Es folgt ein entschlossenes Scherzo, das ein akkordisches G-Dur-Trio rahmt. Das abschließende Rondo scheint die Umgebung widerzuspiegeln, in der es entstanden ist, besitzt es doch ein an die österreichische Landschaft erinnerndes Hauptthema; einen Kontrast bilden die Andeutung kontrapunktischer Aktivität und eine liedhafte G-Dur-Episode. Das Hauptthema kehrt in rascher Variation zurück, bevor das Werk ruhig ausklingt.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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