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8.554457 - BOISMORTIER: Suites for Harpsichord and for Flute
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Joseph Bodin de Boismortier (1689-1755)
Suiten für Cembalo und Flöte

Joseph Bodin de Boismortier wurde am 23. Dezember 1689 in Thionville geboren und starb am 28. Oktober 1755 in Roissy-en-Brie. Die aus der Gegend um Berry stammende Familie Bodin hatte sich in Thionville niedergelassen, wo Boismortiers Vater, ein ehemaliger Soldat, als Konditor arbeitete. Um 1691 zog die Familie nach Metz. Dort erhielt Boismortier auch erste musikalische Unterweisungen, wahrscheinlich von Joseph Valette de Montigny, der sich vor allem als Komponist von Motetten einen Namen gemacht hatte. Ihm folgte Boismortier 1713 nach Perpignan, wo er als Steuereintreiber der Königlichen Tabakbetriebe seinen Unterhalt verdiente; eine Beschäftigung, die denkbar wenig mit Musik zu tun hatte. Sieben Jahre darauf heiratete er Marie Valette, eine Verwandte seines Lehrers und die Tochter eines wohlhabenden Goldschmieds. Er blieb gut zehn Jahre in Perpignan und war in dieser Zeit durchaus auch musikalisch tätig, wie die Veröffentlichung zweier airs à boire (Trinklieder) beweist, die 1721 und 1724 von Ballard in Paris herausgebracht wurden.

Auf Anraten einflußreicher Freunde gab Boismortier seinen bis dahin ausgeübten Beruf auf und zog mit Frau und Tochter an den Hof der Herzogin von Maine nach Sceaux, später dann nach Paris, wo ihm am 29. Februar 1724 erstmals auch das Recht zum Druck seiner Werke verliehen wurde. Dies erlaubte ihm, seine Duette für Traversflöten sowie seine französischen Kantaten zu veröffentlichen, die er bereits in Perpignan geschrieben hatte, was den Beginn einer ebenso erfolgreichen wie umstritten Karriere in der Hauptstadt markierte.

In seinem Essai sur la musique ancienne et moderne von 1780, der ersten französischen Musik-­Enzyklopädie, zeichnet Jean-Benjamin de La Borde ein recht treffendes Bild des Komponisten Boismortier:

Boismortier tauchte zu einer Zeit auf, in der lediglich einfache, leichte Musik die Made war. Der fähige Musiker schlug aus dieser Tendenz nur zu gerne Kapital und schuf Lieder und Duette in großer Zahl, die auf der Flöte, der Vialine, der Sackpfeife oder der Drehleier zu Gehör gebracht werden konnten. … So mißbrauchte er die Naivität seiner unzähligen Käufer, und schließlich hieß es von ihm:

“Glücklich ist Boismortier, der mit flinker Feder
Jeden Monat, ohne Not, ein neues Lied ersinnen kann.”

Boismortier konnte seinen Kritikern darauf stets nur entgegnen: "Ich verdiene Geld".

Gleichwohl nimmt sich das Gesamtschaffen Boismortiers mit 102 Werken beeindruckend aus, wobei die Airs, die großen Motetten und sein Lexikon der Harmonielehre noch nicht mitgezählt sind. Zudem veröffentlichte er Grifftabellen für Flöte und Diskantviole, während er nicht allein für die unterschiedliehsten Instrumente komponierte, sondern auch mit verschiedenen Instrnmentationsformen experimentierte. Seine Sonaten für pardessus (Diskant-­Gambe) sind erst vor einiger Zeit wiederentdeckt und veröffentlicht worden, wie auch andere Werke für Musette und Drehleier (vielle à roue), zwei zu Boismortiers Zeit sehr verbreiteten, pastoralen Instrumenten. Der weitaus größere Teil seiner Kompositionen allerdings ist für die Flöte, die, neben dem Cembalo, eine wichtige Rolle im Musikleben zu Beginn des 18. Jahrhunderts einnahm. Freilich schrieb Boismortier auch einiges an Vokalmusik, darunter Trinklieder, größere und kleinere Motetten sowie natürlich Opernballette, darunter 1736 Les Voyages de l'Amour (Die Reisen der Liebe), 1743 Don Quichotte chez la Duchesse (Don Quichotte bei der Herzogin), 1747 Daphnis et Chloé, 1748 Daphné sowie 1752 Les quatre parties du moude (Die vier Teile der Erde). 1753 zog sich Boismortier aufgrund der Querelle des bouffons, jenes Disputs zwischen Anhängern des französischen und des italienischen Geschmacks, aus der Musikwelt zurück. Den Rest seines Lebens verbrachte er auf einem kleinen Gut, La Gâtinellerie, bei Roissy-en-Brie, wo er 1755 auch starb.

Obwohl er selbst keinesfall, auf Tasteninstrumente spezialisiert war, wußte Boismortier doch genug von der Tanzsuite französischen Typs und nutzte so in seinen vier Suiten für Cembalo die spezifischen Elemente des Genres, wie etwa sinnträchtige Titel und instrumentale Effekte, wobei musikalische Portraits entstanden, die nicht unbedingt etwas mit dem jeweiligen Widmungsträger zu tun haben mußten. Da gibt es Titel wie L'Impérieuse (Die Herrische ), La Flagorneuse (Die Kriecherin), La Belliqueuse (Die Kriegerische), L'Indéterminée (Die Unentschlossene) oder La Frénétique (Die Ausgelassene), doch verwendet Boismortier auch Titel, die weniger direkt auf einzelne Personen anspielen. La Caverneuse (Die Eingefallene), La Choquante (Die Schockierende) oder La Veloutée (Die Samtweiche) scheinen über den bloßen musikalischen Charakter hinaus jedenfalls weniger Assoziationsspielraum zu eröffnen La Puce (Der Floh) und La Navette (Das Weberschiffchen) sind dann gänzlich deskriptiv, während La Valétudinaire (Die Kränkelnde) in melancholischem c-Moll als deprimierende Sarabande daherkommt, gefolgt vom flinkeren La Décharnée (Die Ausgezehrte), das sich in der Tat harmonisch recht mager geriert, während die Melodie mit kleinen Notenwerten, die sich gegenseitig wenig Beachtung zu schenken scheinen, gleichsam zerklüftet von einem Ende der Tastatur zum anderen rennt. La Marguillère (Die Kirchenvorsteherin) ist eine würdevolle Patronin, La Rustique (Die Bäuerin) eine fidele Landfrau, während La Brunette (Die Brünette) an jene sentimental-pastoralen Lieder erinnert, die seinerzeit in großer Zahl veröffentlicht wurden, namentlich von Boismortier selbst. Andere anspielungsreiche Titel beziehen sich etwa auch auf Venedig: La Transalpine und – ausdrücklich – La Sérénissime.

Boismortier schrieb etliche Kompositionen für Flöte sowie eine Grifftabelle, die nun jedoch als verschollen gelten müssen. Die drei hier eingespielten Suiten sind seinem Opus 35 entnommen und stehen ganz in der Tradition jener Komponisten, die zu Beginn des Jahrhunderts damit begannen, für dieses Instrument zu schreiben: Jaques Hotteterre le Romain, Michel de la Barre, Pierre Philidor und andere mehr. Die wunderbaren Prélude, können dafür beispielhaft angeführt werden, wohingegen die kurzen, expressiven Melodie, und die langsamen Rondeaux eine so bisher nicht dagewesene pastorale Saite anschlagen Ramages (Trillernd/Verziert) aus der Suite Nr. 6 läßt das Rokoko anklingen, während das Gaiment eine der Sonate italienischen Typs entlehnte Virtuosität verlangt, die in gewisser Hinsicht die Werke des großen französischen Flötisten Michel Blavet bereits vorwegnimmt.

Stéphan Perreau & Jean-Christophe Maillard
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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