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8.554470 - SCHUBERT: Piano Sonatas, D. 959 and D. 840, 'Reliquie'
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Franz Schubert (1797-1828)

Klaviersonate Nr. 20 A-Dur D 959 • Klaviersonate Nr. 15 C-Dur D 840

Franz Schubert wurde 1797 als Sohn eines Lehrers in Wien geboren, wo er den größten Teil seines kurzen Lebens verbrachte. Sein Vater war 1783 von Mähren nach Wien gekommen, um an der Schule in der Leopoldstadt, an der auch sein Bruder Lehrer war, zu unterrichten. 1785 heiratete er seine aus Schlesien stammende Frau, die ihm zwar vierzehn Kinder gebar, von denen jedoch nur vier das Säuglingsalter überlebten. Im Alter von fünf Jahren fing er an, unter Anleitung seines zwölf Jahre älteren Bruders Ignaz Klavier zu spielen und drei Jahre später, während seiner Zeit als Chorknabe in der Kirche von Liechtental, begann er mit dem Geigenspiel. Auf Empfehlung von Antonio Salieri bewarb er sich bei der kaiserlichen Hofkapelle, wo er im Oktober 1808 als Chormitglied aufgenommen wurde und dadurch auch die Erlaubnis erhielt, das Akademische Gymnasium zu besuchen und im Stadtkonvikt zu wohnen. Somit war seine Ausbildung gesichert.

1812, nach seinem Stimmbruch, wurde Schubert ein Stipendium angeboten, welches ihm ermöglicht hätte, sein Studium fortzusetzen. Er entschied sich jedoch für die Ausbildung zum Grundschullehrer und widmete sich gleichzeitig mehr der Musik und seiner damals schon vielversprechenden Kompositionsarbeit.

1815 begann er als Hilfslehrer an der Schule, an der auch sein Vater unterrichtete, zeigte jedoch keine besondere Begabung oder Freude an die Arbeit. Die Freundschaften, die Schubert während seiner Jugend schloss, pflegte er bis an sein Lebensende. 1816 machte er die Bekanntschaft von Franz von Schober, der ihm seine Wohnung zur Verfügung stellte. Somit war er nicht mehr gezwungen, seinen Lebensunterhalt als Lehrer zu verdienen. Als Schober im August 1817 die Wohnung als Unterkunft für seinen todkranken Bruder benötigte, musste Schubert jedoch seine Arbeit als Lehrer wieder aufnehmen. Als Musiklehrer unterrichtete er im folgenden Sommer die zwei Töchter des Grafen Johann Karl Esterházy von Galánta in Zseliz in Ungarn. Zurück in Wien, kam er zuerst bei einem neuen Bekannten, dem Dichter Johann Mayrhofer unter, konnte es sich aber zum Jahresende 1820 leisten, vorübergehend eine eigene Unterkunft zu mieten.

Während dieses Lebensabschnitts schien sich Schubert erfolgreich als Komponist und Musiker etablieren zu können. Dank seiner Freunde, besonders des älteren Sängers Johann Michael Vogl, einem Schulfreund von Mozarts Schüler Süssmayr, sowie Leopold von Sonnleithner und anderen, erreichte seine Musik ein immer größeres Publikum. Obwohl eine in Zusammenarbeit mit Franz von Schober entstandene Opernkomposition von der Hofoper abgelehnt wurde, konnte sich Schubert weit über seine eigenen Kreise hinaus als Komponist einen Namen machen. Während er 1822/1823 wieder bei den Schobers wohnte, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand: Er litt an einer damals noch unheilbaren Geschlechtskrankheit, die ihn für die restlichen Jahre seines Lebens beeinträchtigte und schließlich seinen frühen Tod verursachte. Angeblich war diese Krankheit eine direkte Konsequenz des freizügigen Lebens, mit dem ihn Schober vertraut machte und welches ihn vorübergehend von einigen seiner Freunde isolierte. In den folgenden Jahren wohnte er zeitweilig immer wieder bei seinem Vater im Wiener Vorort Rossau und pflegte die Kontakte zu den Menschen, die an seiner Arbeit als Komponist und an seinen musikalischen Erfolgen Teil hatten. Im Februar 1828 wurde seine Musik zum ersten Mal im Rahmen eines öffentlichen Konzertes vorgestellt. Die Veranstaltung war ein finanzieller Erfolg und somit konnte er es sich leisten, den Sommer zusammen mit Franz von Schober und anderen Freunden zu verbringen. Im September desselben Jahres zog Schubert in der Hoffnung auf Genesung zu seinem Bruder Ferdinand in Wien. Die Tatsache, dass er weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnahm, lässt darauf schließen, dass er von seinem bevorstehenden Tod nichts ahnte. Ende Oktober 1828 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zunehmend. Er starb am 19. November.

Während Schuberts letzten Lebensjahren zeigten auch Verleger mehr und mehr Interesse an seinen Kompositionen. Neben Auftragsarbeiten für das Theater erfreute er seinen Freundeskreis mit Liedern, Klavierstücken und Kammermusik. Seinen Ruf festigte Schubert jedoch hauptsächlich durch eine bemerkenswerte Anzahl von anspruchsvollen Liedern, Vertonungen von mehr oder weniger bekannten Dichtern, welche das literarische Spektrum der Epoche widerspiegelten. Seine Begabung, treffende und singbare Melodien zu erfinden zeigt sich auch in seinen anderen Kompositionen.

Schubert war auch während seines letzten Lebensjahres weiterhin damit beschäftigt, mit Verlegern zu verhandeln. Im Jahr zuvor traf er Heinrich Albert Probst, den deutschen Agenten für Artaria, der sich sehr für seine Kompositionen interessierte und das Klaviertrio Es-Dur op. 100 verlegte. Am 2. Oktober desselben Jahres schrieb Schubert zum letzen Mal an Probst, um sich nach dem Erscheinungsdatum des Klaviertrios zu erkundigen und um ihm Vertonungen von Heine, das Quintett C-Dur und drei Klaviersonaten anzubieten. Probst hatte jedoch nur an Schuberts Liedern und den neuen Klavierduetten Interesse. Der Versuch, das Pariser Büro des Verlegers Schott für sein neues Stück Impromptu zu interessieren, schlug fehl. Die drei dem Komponisten Hummel gewidmeten Klaviersonaten vervollständigte Schubert zwar im September 1828, sie wurden aber erst 1839 von Diabelli verlegt.

In der zweiten dieser Klavierkompositionen, der Sonate A-Dur D 959, ist der Einfluss von Beethoven nicht nur in den Anfangstakten des ersten Satzes hörbar. Der zentrale Durchführungsteil macht wirkungsvollen Gebrauch von einer knappen Figur, die zwar erst am Ende der Exposition auftaucht, dort aber Wichtigkeit erlangt, bevor sich das anfängliche Material in der Reprise wiederholt. Der zweite Satz mit der Bezeichnung Andantino ist in seiner Tonart fis-Moll und seinem Rhythmus mit Schuberts Vertonung von Schobers Pilgerweise verwandt und wird von einem stürmischen Mittelteil unterbrochen, bevor die anfängliche Stimmung mit einer variierten Version des Hauptthemas wiederhergestellt wird. Das Scherzo spielt ebenfalls auf Beethovens Handhabung der Form an und rahmt das D-Dur Trio ein, während das abschließende Rondo ein Hauptthema vorstellt, welches an das untergeordnete Thema des langsamen Satzes der Sonate a-Moll D 537 erinnert, die elf Jahre früher komponiert wurde. Die Stimmung gemahnt an ein Schubertlied, obwohl das Hauptthema sofort in einer erweiterten und stimmlich reduzierten Form variiert wird, um dann in verschiedenartiger Gestalt zwischen eingreifenden kontrastierenden Episoden wieder zurückzukehren.

Die als Reliquie bekannte Sonate C-Dur D 840 wurde im Frühjahr 1825 begonnen und blieb unvollendet. 1839 übergab Schuberts Bruder Ferdinand das Manuskript an Schumann; es wurde 1861 unter seinem unglücklich gewählten Titel veröffentlicht.

Die ersten beiden Sätze und der dritte Satz Trio wurden zwar fertiggestellt, aber das Scherzo bricht vor der Wiederkehr des Hauptthemas ab. Das abschließende Rondo, eine Form, die Schubert Probleme bereitete, endet nach 272 nicht sehr überzeugenden Takten. Der erste Satz beginnt mit einem Thema, das sich in der Sonate a-Moll D 845 widerspiegelt, und man wird sich an dieser Stelle über die Orchestrierung der Sonaten bewusst, die unmittelbar vor der Großen Sinfonie C-Dur komponiert wurden. Das zweite Thema erscheint zuerst in einer weniger naheliegenden Tonart; die Themenentwicklung ist hochdramatisch, vor der letztendlich variierten Reprise. Das Andante in c-Moll beginnt zurückhaltend, doch mit starken dynamischen Kontrasten, bevor ein variationsreicher Abschnitt in As-Dur vorgestellt wird. Beide Elemente kehren in ihren Variationen zurück und es entsteht so eine zusätzliche Dramatik, bis sich die ursprüngliche Tonart und das Thema zum letzten Mal wieder etablieren.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Matthias Janser


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