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8.554471 - SCHUBERT, F.: Lied Edition 1 - Winterreise
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DEUTSCHE SCHUBERT-LIED-EDITION, Vol. 1
Franz Schubert (1797-1828)
Winterreise

 

Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leid,
als wenn wir lieben, niemals hilfloser unglücklich,
als wenn wir das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren haben.
                                          -- Sigmund Freud

Die Winterreise - Monolog eines in der Liebe verwundeten, trostlosen, tieftraurigen Menschen. Seltsam berührt sie, die Geschichte: nicht nur die Tatsache, daß hier jemand von einer treulosen Geliebten verlassen wurde, die die reiche Braut eines anderen wurde, sondern die Konsequenzen, die der Verlassene daraus zieht oder die sich für ihn daraus ergeben.

Die real erlebte Situation zieht in sein Inneres ein, wird so von ihm verinnerlicht, daß er die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt aufzuheben beginnt, sie durchmischen sich einzigartig: Naturphänomene wie Schnee, Eis, Wind, Sturm, Bach, Fluß, Irrlicht, Lindenbaum oder Werke der Menschen wie Wetterfahne. Wegweiser, Totenacker verwandelt er sich an als Ausdruck eigener psychischen Befindlichkeit. Mehr noch, die von der geliebten Person zurückgewiesene Liebe wird nicht auf einen anderen Menschen übertragen (wie es der normal Sterbliche lebens- und liebesbejahend gerne tut, um ein Ego zu retten), sondern in das Ich zurückgenommen. Die Geliebte nistet sich in seinem "wie erstorbenen" Herzen in: "Kalt starrt ihr Bild darin" ('Erstarrung'). Selbstquälerisch narzistisch setzt der verlassene Mensch seine Liebesbezienung fort, identifiziert sich mit dem Phantom seiner Geliebten und hält an seinem Liebesleid fest: "Wenn meine Schmerzen schweigen, wer sagt mir dann von ihr?" ('Erstarrung').

Der Verlust der normalen Liebesfähigkeit und das Schwinden des Interesses an der Welt werden zu tragischen Bestandteilen seines Lebens; die Flucht aus der Stadt, in der die Geliebte wohnt ('Gute Nacht', 'Rückblick') zu einem Fluchtversuch aus der Welt. Doch aus der Welt kann man nicht fliehen: "Wir sind einmal darin", wie es Christian D. Grabbe, ein zeitgenössicher Dramatiker, formulierte.

Schmerzliche Verstimmung hat sich des Verlassenen bemächtigt, eine tiefe Verunsicherung bis hin zur Verzweiflung, aus bar heraus Erinnerungen an sein voriges Dasein sich absplittern: "Als noch die Stürme tobten, war ich so elend nicht" ('Einsamkeit'): "Auch du, mein Herz, in Kampf und Sturm so wild und so verwegen" ('Rast') bis hin zum jugendlich trotzigen Aufbegehren: "Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter" ('Muth!').

Doch dieser das Dasein bejahende Kampf ist verloren, das eine "Blatt der Hoffnung" zu Boden gefallen und mit ihm er selbst. Die im Menschen verankerten lebenserhaltend nach außen gerichteten Energien haben sich zerstörerisch nach innen, gegen das eigene Ich gewendet. Der Reiz des Lebens scheint nur noch belastend: "Ach, daß die Luft so ruhig! Ach, daß die Welt so licht!" ('Einsamkeit'). Die Ströme seines Unterbewußtseins ziehen ihn in die Weltverneinung, in die Absonderung. in die Isolierung, in die Kälte und Erstarrun des Winters.

Der Winter als Metapher für einen solchen Zustand der Einsamkeit, der Ausweglosigkeit und des Ausgesetztseins zieht sich quer durch die Literatur und findet sich bereits in einem anonymen Gedicht um 1467:

Es ist ein Schnee gefallen,
Und es ist doch nit Zeit,
Man wirft mich mit den Ballen,
Der Weg ist mir verschneit.

Mein Haus hat keinen Giebel,
Es ist mir worden alt,
Zerbrochen sind die Riegel,
Mein Stüblein ist mir kalt.

Ach Lieb, laß dich's erbarmen,
Daß ich so elend bin,
Und schleuß mich in dein Arm,
So fährt der Winter hin.

In der Verzweiflung über die eigene Desillusionierung und Orientierungslosigkeit, über die Entfremdung und Gefühlskälte verzehrt sich das Ich. Ein paar Träume werden zugelassen: "Ich träumte von Lieb' urn Liebe, von einer schönen Maid, von Herzen und von Küssen, von Wonne und Seligkeit" ('Frühlingstraum'); "Kömmt mir der Tag (an dem ihm zwei Mädchenaugen glühten) in die Gedanken, möcht' ich noch einmal rückwärts sehn, möcht' ich zurücke wieder wanken, vor ihrem Hause stille stehn" ('Rückblick'); daß sich der verwundete Liebende aber etwas vormacht, erkennt er hellsichtig und mit deutlich spürbaren Minderwertigkeitsgefühlen: "Ihr lacht wohl uber den Träumer, der Blumen im Winter sah" ('Frühlingstraum'); "Nur Täuschung ist für mich Gewinn!" ('Täuschung').

Eine seltsame Kritik übt er an sich selbst: daß seine Tränen, obwohl "so glühend heiß" aus der Brust dringend, doch nor so lau sind. daß sie zu Eis erstarren ('Gefrorene Tränen'), oder daß ein törichtes Verlangen, ihn, obwohl er ja doch nichts begangen habe (wirklich?), in die Wüsteneien treibt ('Der Wegweiser').

Dies alles in seiner Widersprüchlichkeit läßt einen Verdacht aufglimmen: ist da noch etwas, das er uns nicht erzählt?

Und was besagt jener Wurm, den er zwar in dem wild-geschäftigen Aktionismus seines Lebens zum Schweigen bringen kann, nicht aber in dem Moment der Rube, des auf sich selbst Geworfen-Seins: "Auch du, mein Herz, in Kampf und Sturm so wild und so verwegen, fühlst in der Still' erst deinen Wurm mit heißem Stich sich regen!" ('Rast')?

Warum bricht er alle Beziehungen ab, warum entsagt er so kompromißlos der Liebe, nach der er sich doch so sehr sehnt? Warum geißelt er sich selbst, liefert sich dem Trieb der Selbstzerstörung so offensichtlich und willentlich aus?

Und vor allem: warum graut ihm vor seiner Jugend ('Der greise Kopf')? Ist es nicht so, daß er nicht sich den Tod wünscht, sondern daß er seiner Jugendlichkeit, und damit seiner Lebenskraft, seinem Begehren (die schwarzen Haare als Symbol der Kraft, Männlichkeit und Potenz) nachhängt?

Es scheint als schimmere hier etwas (vielleicht such selbstenthullendes) durch, das das Elend der Liebe und Sexualität in allen Zeiten, damals wie heute, beschreiben möchte, nämlich, daß Lust und Tod in fataler Weise miteinander verkettet ein können, daß Lust- und Glücksempfinden wie als etwas Böses durch erbärmliches Siechtum und Tod bestraft werden kann: der Wurm alt Sinnbild dessen, was in uns hurt, lügt und mordet, was den Menschen in seiner Substanz von innen auffrißt.

War es das Wissen darum, das Franz Schubert am Endes seines jungen Lebens zu den Gedichten Wilhelm Müllers greifen ließ? Beide - Dichter und Komponist - sind früh gestorben, der dine fast 33-, der andere fast 32jährig - Müller ein Jahr vor Schubert. Über Müllers Todesursache ist wenig bekannt. Bei Schubert war lange Zeit von Bauchtyphus die Rede; heute wissen wir, daß er geschlechtskrank war. Der Geniebegriff prüder Zeiten verbot es, die in ihrer Einzigartigkeit als göttlich betrachteten Künstler mit solchen Krankheiten in Berührung zu bringen; heute sollte uns die Verquickung von Moral und Kunst fremd geworden sein. Die Krankheitsschübe, unter denen Schubert litt, mit Kopfschmerzen, Ausschlägen. Haarausfall (er trug zeitweilig deswegen eine Perücke), die Erkenninis, daß diese Krankheit seine Liebes- und Lebensfähigkeit beeinträchtigen würde - und das im Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren- haben einen tiefen Schatten auf sein Gemüt geworfen, wovon ein Gedicht Zeugnis ablegt, das Schubert am 8. Mai 1823 niederschrieb:

Mein Gebet

Tiefer Sehnsucht heil'ges Bangen
Will in schön're Welten langen;
Möchte füllen dunklen Raum
Mit allrnticht'gem Liebestraum.

Großer Vater! reich' dem Sohne
Tiefer Schmerzen nun zum Lohne,
Endlich als Erlösungsmahl
Deiner Liebe ew'gen Strahl

Sieh, vernichtet liegt im Staube,
Unerhörtem Gram zum Raube,
Meines Lebens Martergang
Nahend ew'gem Untergang.

Tödt' es und mich selber tödte,
Stürz' nun alles in die Lethe,
Und ein reines kräft'ges Sein
Lass', a Großer, dann gedeih'n.

Der Zyklus "schauerlicher Lieder" hat Schubert mehr angegriffen als dieses je bei seinen anderen der Fall war. Aus der bloßgelegten Emotionalität der Gedichte und ihrer sensibel differenzierten Musikalisierung schimmert jene dialektische Lebensauffassung dee Romantik, die eine Verstärkung des Lebens durch den Tod erkennt. Vor diesem Hintergrund kann man in dem Zyklus der Winterreise auch ein Dokument der Lebensgier erkennen. "Alle Darstellung ist Entgegengesetzten" (Novalis); nur das Denken in Gegensätzen kann die Paradoxie des Lebens, die Spaltung des Ich im Kampf zwischen Lebenstrieb und Destruktionstrieb deutlich herausstellen, damit als sinnvoll erfassen und künstlerisch verarbeiten.

So gibt der Dichter nicht auf: "Willst zu meinen Liedern deine Leier drenn?" ('Der Leiermann') fragt er plötzlich den eigenartigen Mann, der barfuß auf dem Eise selbstzweckhaft dieses primitive Volksintrument spielt. Der mitteilsame Melancholiker möchte weiter machen, da er in der Kunst sein Narkotikum gefunden hat, seine Ersatzbefriedigung, die Snblimierung aller seiner Ängste, Nöte, Triebe.

Schubert aber kann en dessen Liedern keine Musik mehr machen und läßt die Frage musikalisch ins nichts verlaufen mit einer eintönigen melodischen Floskel, die den leeren Bordunklang der Drehleier umspielt - die Musik hat ihr Leben verloren.

Der Musiker verweigert sich dam Dichter.

Christine Mitlehner


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