About this Recording
8.554550 - BEETHOVEN / WRANITZKY: Oboe Trios
English  German 

Ludwig van BEETHOVEN (1770-1827) • Anton WRANITZKY (1761-1820)

Ludwig van BEETHOVEN (1770-1827) • Anton WRANITZKY (1761-1820)

Bläsertrios

 

Im von der Französischen Revolution erschütterten Europa bot Wien noch einen gewissen Grad an wirtschaftlicher Sicherheit für aristokratische Häuser eines Lichnowsky, Lobkowitz, Kinsky, Waldstein, van Swieten, Esterházy oder Rasumowsky. Nach dem Tod Kaiser Josephs II. im Jahr 1790 und der Aufhebung zahlreicher von Franz I. auf den Weg gebrachter aufklärerischer Reformen war Österreich zu einem Polizeistaat geworden, in dem der Adel die Reste seines Ansehens und Wohlstands zu verteidigen suchte. Der wirtschaftliche Druck der Zeit blieb nicht ohne Auswirkungen auf den traditionell aufwendigen Lebensstil der Aristokratie, sodass als Konsequenz auch die kostspielige Kunstszene Einbußen erlitt, was in musikalischer Hinsicht zur Auflösung vieler Privatorchester und Operngesellschaften führte. Die Situation verschlechterte sich zusehends, und als Beethoven im November 1792 nach Wien kam, um bei Joseph Haydn zu studieren, war nur noch eine Handvoll Privatorchester übrig geblieben. Der Adel verlegte sich stattdessen auf die Verpflichtung von Kam-mermusikensembles und Instrumentalsolisten, von denen einige zusätzlich Dienerfunktionen übernahmen. Mozart war inzwischen zum Lieblingskomponisten der Donaustadt avanciert, nachdem man ihm zu Lebzeiten die kalte Schulter gezeigt hatte. Seine Zauberflöte war bereits mindestens sechzig Mal über die Bühne gegangen, und auch Haydns Werke erfreuten sich in Wien nach Jahren der Vernachlässigung großer Beliebtheit.

 

In diesem Umfeld fand Beethoven ein dankbares Publikum für seine Kammermusik vor, insbesondere für die Kammermusik für Bläser, die er in der Zeit zwischen 1792 und 1801 schrieb, das Duo G-Dur für zwei Flöten (1792), das Oktett Es-Dur für je zwei Oboen, Klarinetten, Hörner und Fagotte (das spätere op. 103), das ursprünglich 1795 ohne Oboen in Bonn entstanden war, das Sextett Es-Dur für Klarinetten, Hörner und Fagotte, später op. 71 (1796), das Quintett Es-Dur für Klavier und Bläser op. 16 (1797), das Sextett Es-Dur für Streichquartett und zwei Hörner, später op. 81b (1797), die Serenade D-Dur für Flöte, Violine und Viola op. 25 (1797), das Trio B-Dur für Klarinette, Violoncello und Klavier op. 11 (1798), die Hornsonate op. 17 (1800), das Septett Es-Dur für Klarinette, Horn, Fagott, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass op. 20 (1800) und die hier eingespielten Trios für zwei Oboen und Englischhorn op. 87 und WoO 28. (Ein von Haydn in einem Brief vom 23. November 1793 an Kurfürst Maximilian Franz erwähntes Oboenkonzert seines „lieben Schülers Beethoven“ ist entweder verschollen oder wurde nie vollendet.)

 

Zu den in Wien aktiven Musikern, die eine Rolle in Beethovens Leben spielten, gehörten die Oboisten Johann Wenth (Wendt, Went), Georg Triebensee und dessen Sohn Josef, Fiala, Rosiniach, Czerwenka, Reuter und die Brüder Johann, Franz und Philipp Teimer. Gustav Nottebohm (1817-1882), Herausgeber von Beethovens Thematischem Katalog und Skizzenbüchern, vermutet, dass Beethoven sich zu seinen Oboentrios von einem Trio von Wenth inspirieren ließ, das am 23. Dezember 1793 von den Teimer-Brüdern bei einem Konzert der Tonkünstler-Gesellschaft aufgeführt wurde. Was auch immer Beethovens Inspirationsquelle gewesen sein mag: die Zahl der erhaltenen, von den Oboisten selbst oder von anderen komponierten Trios für diese Bläserkombination bezeugt die ausgesprochene Popularität des Genres.

 

Die genaue Datierung der Vollendung von Beethovens Trios erweist sich als schwierig, da weder in den Skizzenbüchern noch in den Manuskripten Daten eingetragen sind. Die früheste bekannte Aufführung von WoO 28 fand jedoch am 23. Dezember 1797 im Hoftheater bei einem Konzert für Witwen und Waisen durch die Oboisten Teimer, Czerwenka und Reuter statt. Die neueste, auf einem Quellenvergleich mit anderem Material (u.a. den Skizzen für Adelaide von 1793) basierende Forschung datiert die Werke auf 1795. Erwähnt werden sollte auch, dass Beethoven für op. 87 (Artaria 151) und WoO 28 (Artaria 149), die beide zu den Beständen der Staatsbibliothek Berlin gehören, eine für seine frühen Manuskripte seltene Papiersorte verwendete. Dieser Befund ist wichtig, beweist er doch, dass die beiden Stücke mehr als nur ihre Besetzung miteinander verbindet. Möglicherweise bildeten die Variationen ursprünglich den Finalsatz von op. 87, denn WoO 28 trägt lediglich die Satzbezeichnung Thema Andante. Einen weiteren Anhaltspunkt liefert die Entstehung des Bläseroktetts Es-Dur op. 103 und des Rondinos Es-Dur WoO 25, die beide für die gleiche Besetzung geschrieben wurden. Während einer 1793 vorgenommenen Revision des Oktetts begann Beethoven mit der Niederschrift des Rondinos WoO 25 als Finalsatz, aber ersetzte es kurz darauf durch das jetzige Finale (das bereits in der Originalfassung existiert haben könnte). Wenn die Vermutung richtig ist, dass die Mozart-Variationen das ursprüngliche Finale des Oboentrios waren, ist es interessant zu erwähnen, dass Beethoven in beiden Fällen (dem Trio und dem Oktett) ein Andante- durch ein Presto-Finale ersetzt haben könnte. Op. 87 erschien erstmals 1806 bei Artaria ohne Opuszahl und in mehreren autorisierten Bearbeitungen. Es wurde auch für zwei Violinen und Viola als op. 29 herausgegeben, und so erschien es noch im Artaria-Katalog von 1893 (Terzett für 2 Oboen und englisch Horn oder für 2 Violinen und Viola Op. 29). Das Autograph von op. 87 (Artaria 151) enthält vier Seiten von Kopistenhand einer Bearbeitung für zwei Violinen und Viola.

 

Zu Beethovens Freundeskreis in Wien zählten auch die Wranitzky-Brüder Paul und Anton. Der ältere, Paul, geboren am 30. Dezember 1756, machte sich in Wien als Violinvirtuose, Komponist, Dirigent des Esterházyschen Hoforchesters und Sekretär der Tonkünstler-Gesellschaft einen Namen. Sowohl Haydn als auch Beethoven schätzten ihn als Dirigenten ihrer Werke. Anton wurde am 13. Juni 1761 in Nová Ríse in Mähren geboren; nach seiner schulischen Ausbildung am örtlichen Prämonstratenserkloster studierte er in Brünn Philosophie, Jura und Musik sowie Violine bei seinem älteren Bruder Paul. Spätere Studien in Wien bei Mozart, Albrechtsberger und Haydn verhalfen ihm zusammen mit seinen beachtlichen geigerischen Fähigkeiten zur Position eines vielgefragten Lehrers und Interpreten. Seit 1797 war Anton Wranitzky Kapellmeister des Privatorchesters von Fürst Lobkowitz; 1807 erfolgte seine Ernennung zum Direktor des Kaiserlichen Hoforchesters, und 1814 wurde er Erster Dirigent am Theater an der Wien. Als Haydns Assistent fertigte er eine vom Komponisten autorisierte Bearbeitung der Schöpfung für Streichquartett an. Zu seinen zahlreichen Kompositionen gehören fünfzehn Sinfonien, fünfzehn Violinkonzerte, Streichtrios, Quartette und Quintette sowie das hier vorgestellte Trio. Wranitzky starb am 6. August 1820 in Wien.

 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die oben erwähnten Oboisten zu dem einen oder anderen Zeitpunkt mit Wranitzky zusammengearbeitet haben, besonders Josef Triebensee und dessen Schwiegervater Johann Wenth, die beide am Hoftheater beschäftigt waren. Die zu dieser Zeit in Wien tätigen und persönlich und beruflich eng mit Wranitzky und Beethoven verbundenen Oboisten dienten zweifellos als Inspiration für die hier eingespielten wertvollen Bereicherungen des Oboenrepertoires.

 

Die Instrumente dieser Einspielung

 

Das Englischhorn und die beiden Oboen sind Kopien von Instrumenten des Dresdner Instrumentenbauers Johann Friedrich Floth aus der Werkstatt von Sand Dalton in Lopez Island, Washington. Floth war Lehrling und späterer Nachfolger des berühmten Dresdner Instrumentenbauers J.H. Grundmann. Zwischen 1803 und 1807 fertigte er Instrumente unter seinem eigenen Namen an. Die Instrumente müssen folglich aus dieser Periode stammen, denn nur in dieser Zeit durfte Floth sie mit seinem eigenen Namensstempel versehen. Floths Oboen behalten zahlreiche Charakteristiken des Grundmannschen Modells bei, so sind u.a. die Bohrungsdimensionen und der äußere Tubusverlauf identisch. Die zunehmende Chromatisierung der Musik dieser Zeit erforderte das Hinzufügen von Lochklappen. Die hier auf-genommenen Trios wurden zweifellos auf ähnlich konstruierten Instrumenten gespielt und vermitteln uns daher trotz der durch die Spieltechniken des zwanzigsten Jahrhunderts bedingten Unterschiede einen Eindruck der Klangwelt Beethovens, Wranitzkys und des zentraleuropäischen späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhunderts.

 

Bei den Oboen handelt es sich um Kopien eines Originalinstruments der Yale University in New Haven im US-Staat Connecticut. Das Englischhorn ist eine Kopie eines Instruments im portugiesischen Nationalmuseum in Lissabon.

 

Lani Spahr

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window