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8.554553 - BROUWER: Guitar Music, Vol. 2 - Decameron Negro (El) / Preludios Epigramaticos
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Leo Brouwer Vol. 2

Der Komponist, Dirigent und Gitarrist Leo Brouwer wurde 1939 in Havanna geboren. Er studierte zunächst Gitarre in seinem Heimatland Kuba und setzte seine musikalische Ausbildung später in den USA an der Julliard School und der Hartford University fort. Als Komponist hingegen ist Brouwer im wesentlichen Autodidakt. Seine Entwicklung als Musikschaffender kann in drei Phasen unterteilt werden, die durch unterschiedliche kompositorische Stile gekennzeichnet sind. Die erste Periode begann 1954 mit einer Reihe von Kompositionen, die die Möglichkeiten der Gitarre erforschten. In ihnen machte Brouwer freizügigen Gebrauch des musikalischen Materials seiner kubanischen Wurzeln. Stücke mit traditionellen Formen, wie z.B. Fugen, stehen neben Werken, die die vitale rhythmische Energie der Musik seines Heimatlandes einbeziehen.

1961 nahm Brouwer am Warschauer Herbst-Festival in Polen teil und lernte dort Avantgarde-Komponisten wie Penderecki, Baird und Bussotti kennen. Bis 1968 hatte er ihre Ideen in seinen eigenen und ganz persönlichen Stil integriert. Die wichtigsten Techniken der Avantgarde, wie graphische Notation, Mikrotöne, absolute Tondauern und aleatorische Techniken wurden in Brouwers vielseitigen Gitarrenwerken mit einem ganz präzisen motivischen Plan kombiniert.

Brouwer bezeichnet seinen gegenwärtigen Kompositionsstil als „nationale Hyper-Romantik". Seine Komposition für Gitarrenorchester Acerca del Sol, el aire y la sonrisa (1978) war das erste Stück in dieser reifen Phase. Es offenbart alle charakteristischen Merkmale dieses neuen Stils: eine Rückkehr zu den afro-kubanischen Wurzeln, verbunden mit Elementen der Tonalität, traditionellen Formen, programmatischen Gesten und Minimalismus. Dieser Wandel ging mit Brouwers Feststellung einher, dass der Avantgarde-Stil die Grenzen der „Nicht-Kommunikation zwischen dem Interpreten und dem Zuhörer" erreicht hatte. Die Gitarrenwerke dieser Periode zeugen noch immer von einer intimen Kenntnis des Instruments. Ihr Stil ist überaus idiomatisch und erforscht die äußerst faszinierende Klangwelt der Gitarre.

Canticum (1968) war das erste Gitarrenstück, dass Brouwer nach Elogio de la Danza aus dem Jahr 1964 geschrieben hat. Es wurde auf Wunsch des kubanischen Gitarristen Carlos Molina komponiert, der ein Konzert mit Werken von Brouwer vorbereitete. Das Stück wurde erstmals am 28. März 1968 aufgeführt und diente als fantastische Einführung in Brouwers neue Sprache von Metrum, Dynamik und Klangfarbe. Canticum besteht aus zwei Abschnitten, von denen der erste Eclosión, ein drei Töne umfassendes Motiv vorstellt und weiter entwickelt, ein Merkmal vieler späterer Stücke. Nach einer explosiven Eröffnung wächst die Musik aus einer kleinen Geste heraus. Das Wachstum ist unberechenbar und schreitet mit großen Freiheit voran. Der zweite Teil, Ditirambo, verwendet dagegen ein unerschütterliches Ostinato und entwickelt das dreitönige Motiv mit einem spannenden Rhythmus, der immer schneller wird und zu den höchsten Registern des Instruments aufsteigt. Das geschieht im Gegensatz zu der Eröffnungspassage auf kontrolliertere Weise. Die Gegenwart eines stetigen Pulses wird auf dem Höhepunkt durch die Rückkehr zu musikalischen Ideen vom Beginn des Stückes unterbrochen.

Die Technik der wachsenden Entwicklung aus sparsamen Gesten wird auch in dem Werk angewandt, das auf Canticum folgte. La esperal eterna (1971) ist eine instrumentale Tour de Force und führt die klanglichen Möglichkeiten der Gitarre bis an die äußersten Grenzen. Die Anregung wurde aus der Astronomie übernommen: eine Galaxie in Form einer Spirale, deren Struktur auch noch in dem kleinsten Organismus auf der Erde entdeckt werden kann. Das Stück ist in vier Abschnitte gegliedert, von denen jeder neue Klangmöglichkeiten der Gitarre auslotet. Der erste Abschnitt verwendet als Basis einen dreitönigen Cluster, der schließlich in eine einzige Note aufgelöst wird, nachdem er in einen Strudel ununterbrochener Klänge ausgedehnt und zusammengezogen wurde. Der zweite Abschnitt erforscht extreme Dynamik- und Registergegensätze, die mit Klangfarbeneffekten verbunden werden. Der dritte Abschnitt macht Gebrauch von perkussiven Effekten, die durch das Klopfen beider Hände des Gitarristen auf das Griffbrett erzeugt werden. Der vierte Abschnitt verwendet improvisatorische Elemente, auf die absteigende Arpeggien folgen, die es dem Stück erlauben, sich spiralförmig in einen leisen Schluss zurückzudrehen.

Die Komposition Parabola (1973) wurde durch das Werk des Künstlers Paul Klee beeinflusst. In Bezug auf den Titel erklärte der Komponist:

„Ich nähere mich dem Stück (Parabola) mehr philosophisch und poetisch. Sie sehen, dass dieses Stück keine Parabel in Bezug auf die geometrische Struktur, sondern auf die Bedeutung ist. Ich verwende eine Verknüpfung der ursprünglichen Folk-Basis mit der stark veränderten, transformierten Sprache des Originals".

Die „ursprüngliche Folk-Basis", auf die sich Brouwer bezieht, ist der Yambú, ein südamerikanischer Tanz. Das Stück stellt dissonante musikalische Ideen und konventionellere Klangwelten gegenüber, die das Folk-Original heraufbeschwören sollen. Brouwer bewunderte an Klee seinen „Sinn für Form, Linie, Spannung und Gleichgewicht zwischen Farbe und Raum", und in diesem Stück verwendet er die musikalischen Ideen in der Art, in der Klee seine Farben verwendet hätte.

Der Name Tarantos (1974) nimmt Bezug auf den Flamenco-Tanz Taranta. Die wesentlichen Elemente dieses Stückes sind Sammlungen von enunciados, kurze Phrasen die für den Tanz charakteristisch sind, und falsetas, ein Begriff für melodische Muster im Flamenco. Jede musikalische Zelle hat einen einzigartigen Charakter. Die enunciados sind sehr kurz, und jede Zelle enthält nur eine einzige musikalische Idee. Die falsetas sind meist länger und häufig von einer Struktur der Entwicklung geprägt. Der Spieler hat die Aufgabe, seine eigene Reihenfolge der Ereignisse zu wählen und enunciados und falstas so abzuwechseln, dass mit jeder Aufführung eine ganz einmalige Darbietung geschaffen wird.

Das erste Gitarrenstück im „nationalen hyper-romantischen Stil" war El Decameron Negro (1981), das für Sharon Isbin komponiert wurde. Das Stück besteht aus drei Balladen, die auf El Decameron Negro von dem Antropologen Leon Frobenius beruhen. Das Buch basiert auf afrikanischen Legenden, die zu einer Erzählung über einen Krieger arrangiert sind, der sich danach sehnt, ein Musiker zu sein. Die drei Sätze zeigen den neuen Stil Brouwers mit Farben, Spannung und Poesie. Die Harfe des Kriegers steht in der traditionellen Sonatenform und verbindet Lyrismus und Stärke in der Nachgestaltung des Instruments des Kriegers. Die Flucht der Liebenden durch das Tal der Echos beginnt kraftvoll und mutig, erhält aber zunehmend eine gehetzten Charakter. Zentrale Passage dieses Satzes ist die Beschreibung der Echo-Effekte auf der Gitarre. Die Ballade des liebeskranken Mädchens greift auf eine Rondoform zurück. Der erste Teil ist eine zärtliche Ballade, die immer wieder mit rhythmisch treibenden Abschnitten unterbrochen wird.

Bei den Preludios Epigramaticos (1981-1983) handelt es sich um eine Sammlung von sechs kurzen Preludios, die auf Zeilen von Miguel Hernandez beruhen: 1.Desde que el alba quiso ser alba, todo eres madre. 2. Tristes hombres si no mueren de amores. 3. Alrededor de tu piel áto y desato la mia 4. Rie que todo rie: que todo es madre lleve. 5. Me cogiste el corazón y hoy precipita su vuelo 6. Llego con tres heridas, la del amor, la de la muerte, la de la vida. Die Stücke sind sehr klar in ihrer musikalischen Struktur und kompositorischen Elementen; zudem gibt es Verbindungen des thematischen Materials dieser Präludien mit den Retrats Catalans (1981) für Gitarre und Kammerorchester.

Auch die Variaciones sobre un Thema de Django Reinhardt (1984) zeigen diese Ökonomie des Materials. Sie sind einzigartig in Brouwers Schaffen für Sologitarre, denn sie sind das einzige Beispiel für Thema und Variationen. Die Grundlage für diese Komposition bildet das berühmte Jazz-Stück von Django Reinhardt Nuages. Die Variaciones setzen sich jedoch nicht durchgängig in einer Jazz-ähnlichen Weise mit dem Jazz-Thema auseinander. Im Anschluss an eine langsame Einleitung wird das Thema schlicht vorgestellt. Die ersten drei Variationen sind nach barocken Tanzsätzen benannt und verwenden die typischen rhythmischen Merkmale dieser Tänze: Variation I (Bourrée), steht in einem schnellen, auftaktigen Metrum, Variation II (Sarabande) ist ein langsamer Tanz, und Variation III (Giga) ist ein schneller Tanz mit ständiger Bewegung. Die folgenden zwei Variationen (Improvisazione und Interlude) kehren zu den Jazz-Wurzeln zurück und betonen rhythmische Freiheit und strukturelle Kontraste. Die letzte Variation ist Toccata überschrieben und beschwört die Fantasie und die Eigenschaften, die die barocken Namensgeber besitzen, ist jedoch durch die Verwendung einfallsreicher Metrum-Wechsel verändert.

Paisaje Cubano con Tristeza (1996) ist Teil einer Gruppe von Kompositionen, die Bilder von Aspekten der kubanischen Landschaft heraufbeschwören. Die anderen Stücke in dieser Reihe sind Kubanische Landschaft mit Regen, und Kubanische Landschaft mit Rumba, beide für Gitarrenquartett, sowie Paisaje Cubano con Campanas für Gitarre solo. Diese Stücke greifen deutlicher auf Klänge des Minimalismus zurück als Brouwers übrigen Stücken für Gitarre und verwenden Repetitionen als musikalische Grundlage. Paisaje Cubano con Tristeza unterscheidet sich, wie der Titel nahe legt, durch einen deutlichen Lyrismus, der im Gegensatz zu den rhythmisch insistierenden Qualitäten der Vorgänger steht.

Steven Thachuk


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