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8.554594 - BEETHOVEN, L. van: String Quartets, Vol. 9 (Kodály Quartet) - Nos. 14, 16
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Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Streichquartett F-Dur op.135 • Streichquartett cis-Moll op.131

In seinen insgesamt sechzehn Streichquartetten - die ersten sechs erschienen 1801, das letzte 1827, im Todesjahr des Komponisten - erweist sich Beethoven einmal mehr als ein großartiger Neuerer, der eine Form weiterentwickelt und erweitert hat, die sich scheinbar bereits auf dem Gipfel der Vollkommenheit befand. Nach einer Pause von dreizehn Jahren wandte sich Beethoven im Jahre 1823 wieder dem Streichquartett zu, beginnend mit einer Folge von drei Werken, die von Fürst Nikolai Galitzin bestellt worden war und schließlich 1826 vollendet wurde. Dieses Jahr, in dem auch das Quartett F-Dur op.135 entstand, war eine schwere Zeit für Beethoven. Nach dem Tod seines Bruder Caspar Anton Carl im Jahre 1815 erzwang Beethoven durch jahrelanges Prozessieren die Vormundschaft über dessen Sohn Karl, den er dem seiner Ansicht nach schlechten Einfluß der Mutter entreißen wollte. Ehrlich um die Erfüllung seiner Pflichten als Ersatzvater bemüht, verlor er das Maß; die familiären Konflikte und der Rechtsstreit entzweiten ihn und seinen Neffen nur um so mehr. Ende Juli des Jahres 1826 unternahm Karl einen Selbstmordversuch, den er mit dem Verhalten seines Onkels begründete, und der die Wiener Obrigkeit auf den Plan rief, da Selbstmord nach dem österreichischen Gesetz unter Strafe stand. Es wurde entschieden, daß Karl nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus als Kadett in die Armee eintreten sollte. Während für Karl alles vorbereitet wurde, nahm Beethoven die Einladung seines zweiten Bruders Johann an und fuhr Ende September mit seinem Neffen auf das Gut des Bruders in Gneixendorf bei Krems. In den zwei Monaten in Gneixendorf kam es immer wieder zu Spannungen zwischen den Brüdern. Beethoven hatte früher versucht, Johanns Heirat mit einer Frau, der er jegliche Moral und Sitte absprach, zu verhindern, und ging seiner Schwägerin noch immer nach Möglichkeit aus dem Weg. Außerdem brüstete sich Johann gern und in zuweilen herablassender Art und Weise mit dem Reichtum, den er als Apotheker erlangt hatte, und brachte damit seinen Bruder gegen sich auf. An einem naßkalten Dezembertag fuhr Beethoven nach Wien zurück, was seiner ohnehin angeschlagenen Gesundheit alles andere als zuträglich war.

Beethoven vollendete sein Streichquartett F-Dur op.135 im Oktober in Gneixendorf. Schon einige Monate zuvor hatte er von seinen Plänen zu diesem Werk erzählt und das fertige Quartett gegen eine Sofortzahlung von 80 Dukaten dem Verleger Schlesinger versprochen. Es ist 1827, nach Beethovens Tod, mit einer Widmung an den Tuchhändler Johann Wolfmayer erschienen. Der relativ kurze erste Satz scheint zu einer früheren und glücklicheren Welt zurückzukehren. Die Motive des ersten Themas werden später im gesamten Satz wiederkehren. Eine Triolenpassage führt zur zentralen Durchführung, beginnend in den langsameren Tönen des Violoncellos, die ein früheres Motiv verwenden. Mit einer veränderten Reprise endet ein Satz, über dem der Geist Haydns zu schweben scheint. Das Scherzo wird von Synkopen und anderen rhythmischen Verschiebungen getrieben; auch das modulierende Trio bringt kein Nachlassen des Tempos mit sich. Der langsame Satz in Des-Dur bildet einen unmittelbaren Kontrast, seine verhaltene Schönheit wird nur von der zweiten Variation in cis-Moll getrübt. Die dritte Variation kehrt zur originalen Durtonart zurück. Das Thema erscheint im Kanon zwischen der ersten Violine und dem Violoncello. Die vierte Variation ist von rhythmischen Abwandlungen geprägt. Beethoven scheint mit dem letzten Satz einige Schwierigkeiten gehabt zu haben, er gab ihm die Überschrift „Der schwer gefaßte Entschluß" und notierte darunter die Frage „Muß es sein?" und die Antwort „Es muß sein!" als einstimmige musikalische Motive mit Text. Die Worte stammen aus einem scherzhaften Wortwechsel über Geld, das jemand Beethoven schuldete, und den Beethoven als Kanon vertont hatte. In den langsamen Anfangstakten formulieren Violoncello und Bratsche die ernste Frage, die Spannung löst sich mit dem Eintritt des F-Dur-Allegros in Heiterkeit auf. Im Verlauf des Satzes werden immer wieder motivische und thematische Bezüge zu vorangegangenen Sätzen hergestellt, bevor die verhängnisvolle Frage ein weiteres Mal gestellt und sofort wieder verworfen wird. Eine pizzicato-Passage führt zu dem glücklichen Ausgang des Werkes.

Das Streichquartett cis-Moll op.131 ist mit seinen sieben ineinander übergehenden Sätzen völlig anders geartet. Es entstand zwischen November 1825 und Juli 1826, in einer Zeit, die von immer wieder auftretenden Krankheiten und von ständigen Sorgen überschattet war. Das Werk erschien nach Beethovens Tod mit einer Widmung an Leutnant-Feldmarschall Baron Joseph von Stutterheim, der Karl in sein Regiment aufgenommen hatte (ursprünglich sollte es wie das F-Dur-Quartett Johann Wolfmayer gewidmet werden). Beethoven hielt große Stücke auf sein Werk, auch wenn er seinem Verleger in der ihm eigenen drastischen Art schrieb, es sei „zusammengestohlen von verschiedenen diesem und jenem". Das Quartett beginnt mit einer Fuge, in der Beethoven einmal mehr seine vollendete Beherrschung kontrapunktischer Mittel demonstriert. Sie entfaltet sich langsam, die Instrumente setzen in absteigender Folge nacheinander ein. Mit einer plötzlichen Rückung nach D-Dur beginnt das scherzoartige Allegro molto vivace. Der dritte Satz hat eine Länge von elf Takten. Die Satzbezeichnung Allegro moderato trifft nur auf den Anfang zu, Ein rezitativisches Adagio schließt sich an und leitet zum vierten Satz Andante über, einem Variationssatz in A-Dur. Die erste Variation führt einen Begleitrhythmus in Doppelpunktierungen ein, gefolgt von einem Dialog zwischen den Instrumenten in der zweiten Variation Più mosso. Die dritte Variation Andante moderato e lusinghiero führt den Dialog fort, nun aber in ausgeprägt kontrapunktischer Form, während die vierte Variation Adagio Pizzicati als kontrastierendes Element einbringt. Das Allegretto der fünften Variation ist von einer fast statischen Klanglichkeit geprägt; die anschließende Variation im 9/4-Takt, treffenderweise Adagio ma non troppo e semplice überschrieben, führt in noch entrücktere Bereiche, unterbrochen von Einwürfen des Violoncellos. Die letzte Variation Allegretto bringt das Thema zunächst in C-Dur, um es in einer A-Dur-Version mit filigranen Verzierungen zu umgeben, bevor das Allegretto wieder aufklingt, nun in F-Dur. Die Schlußtakte, die Beethoven ausdrücklich semplice zu spielen vorschreibt, münden in ein erwartungsvolles Innehalten. Der schnelle fünfte Satz in E-Dur kündigt sich mit seinem Thema im Cello an, ein Scherzo voller Überraschungen, nicht zuletzt die pianissimo-Passage am Schluß, wenn die Instrumente sul ponticello, am Steg, spielen. Der sechste Satz, 28 Takte lang, ist ein dunkles Adagio in gis-Moll, dessen ruhiger Ernst von den schroffen, markanten Rhythmen des Schlußsatzes Allegro in cis-Moll verdrängt wird. Das freundlichere Nebenthema schwingt sich auf und führt zu einer kontrapunktischen Durchführung, die mit einem Triller der hohen Instrumente endet, bevor das zweite Thema in der Reprise ausgiebiger verarbeitet wird. Die Coda besinnt sich auf das Fugenthema des ersten Satzes und löst schließlich den Konflikt.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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