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8.554629 - GRANADOS, E.: Piano Music, Vol. 4 (Riva) - Romantic Waltzes / Poetic Waltzes / Aragonese Rhapsody
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Enrique Granados (1867-1916)

Klaviermusik, Folge 4

Enrique Granados wurde am 27. Juli 1867 in Lérida bei Barcelona geboren. Granados, dessen Vater Offizier bei der Armee war, nahm das Klavierstudium bereits 1879 auf und setzte es im Jahr darauf bei Joan Baptista Pujol (1835-98) an der Academia Pujol fort. Drei Jahre später erhielt er für seine Interpretation von Schumanns Sonate op. 22 in einem von der Academia geförderten Wettbewerb den ersten Preis. Einer der Juroren war dabei der angesehene Komponist Felipe Pedrell (1841-1922), den der Vortrag so beeindruckte, daß er Granados ab 1884 Unterricht in Harmonielehre und Komposition gab.

1887 ging Granados dann nach Paris, wo er bei Charles de Bériot (1833-1914) studierte. Es war vor allem dessen Beharren auf ausgereifte Tonkontrolle und Pedaltechnik, das Granados beeinflussen sollte. Zudem legte Bériot bei seinem Unterricht großen Wert auf Improvisation, und vermochte so die Fähigkeiten, die Granados auf diesem Gebiet ohnedies besaß, noch zu stärken. Nachdem er 1889 nach Barcelona zurückgekehrt war, veröffentlichte Granados seine Danzas españolas, die ihm sofort internationale Anerkennung eintrugen.

Zu seinen Lebzeiten konzertierte Granados in Spanien, Frankreich und in New York, wobei er mit Persönlichkeiten wie Isaac Albéniz, Pablo Casals, Eugène Ysäye, Jacques Thibaud, Mieczyslaw Horoszowski und Camille Saint-Saëns zusammenarbeitete. Neben seinen zahlreichen Klavierwerken komponierte Granados zudem Kammermusik, Vokalmusik, Opern und sinfonische Dichtungen. Aber auch als Lehrer machte er sich einen Ruf, und im Jahre 1901 gründete er die Academia Granados, aus der so bedeutende Musiker wie Paquita Madriguera, Conchita Badia oder Frank Marshall hervorgehen sollten.

1912 begegnete Granados dem amerikanischen Pianisten Ernest Schelling, der als erster überhaupt die Musik von Granados außerhalb von Spanien zu Gehör brachte. Schelling sorgte dafür, daß Granados' Werke auch in New York veröffentlicht wurden und ermutigte den Komponisten dazu, seine Klaviersuite Goyescas zu einer Oper umzuarbeiten, für deren Premiere an der Metropolitan Opera in New York er ebenfalls Sorge trug.

Obgleich Granados Angst vor Seereisen hatte, ließ er es sich nicht nehmen, dieser Premiere am 28. Januar 1916 beizuwohnen. Und wo er schon einmal in den Vereinigten Staaten war, gab er etliche Konzerte, spielte Klavierrollen ein und trat sogar im Weißen Haus in Washington auf. Die Heimreise nach Europa führte über Liverpool, doch während der Passage des Englischen Kanals geriet das britische Schiff Sussex, auf dem sich Granados und seine Frau befanden, unter deutsches Torpedofeuer, und beide ertranken.

Um 1912 schrieb Granados: "Mein Motto ist immer gewesen, anstelle schnellebigen Erfolgs etwas Wahres, Dauerndes zu erreichen." Heute sieht man in Granados in der Tat einen der wichtigsten spanischen Komponisten. Seine Musik ist dabei ebenso vielseitig wie romantisch, mit einigen nationalen Anklängen. So wurde er denn auch verschiedentlich als "spanischer Chopin", als "der letzte Romantiker" oder auch – von seinen Landsleuten – als "unser Schubert" bezeichnet. Doch keine dieser Beschreibungen vermag für sich genommen die Persönlichkeit Granados' adäquat zu

umschreiben. Denn er verfügt über eine ganz ureigene Stimme, an der man ihn stets erkennen kann.

Granados wurde vorrangig von der Musik der europäischen Romantik aus der Mitte des 19. Jahrhunderts beeinflußt, wobei namentlich die Werke Schumanns und Chopins einen großen Eindruck auf ihn machten. Die introvertierte Fülle seiner leuchtenden Harmonien, die reiche Palette pianistischer Farben, die lockeren Formstrukturen und seine lebhafte Phantasie, die immer auch etwas Nostalgisches hat, setzen ihn ganz in die romantische Tradition. Es ist des öfteren darauf hingewiesen worden, daß größere Formen wie Sonaten und Konzerte keine besondere Anziehungskraft für Granados besaßen. Seiner künstlerischen Persönlichkeit entsprachen eher die kleineren, rhapsodischen Formen, und dabei besonders die, die auf Variationen beruhten.

Eine Notiz, die sich im Manuskript der Apariciones – Valses románticos findet, legt nahe, daß Granados die Apariciones als einleitende Studie zu den Valses poéticos verstand: "Die erste Sammlung der Valses poéticos war in dieser Form. Revidieren und veröffentlichen." Im Zuge der Revision, die Granados dann an den Apariciones vornahm, wählte er sieben der ursprünglich 18 Walzer, revidierte diese und veröffentlichte sie dann als einen Teil dei Valses poéticos. Den Rest der Apariciones – Valses románticos, Introducción: Presto sowie die Walzer, die nicht Eingang in die Valses poéticos fanden, wurden nicht veröffentlicht. Die Valses poéticos entstanden etwa zwischen 1893 und 1894, so daß Granados schon vorher an den Apariciones gearbeitet haben muß, wahrscheinlich zwischen 1891 und 1893. Bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich um die Ersteinspielung der Apariciones – Valses románticos.

Das genaue Entstehungsdatum von A la cubana muß im Dunkeln bleiben, da das Manuskript nicht datiert ist. Das Werk wurde 1914 veröffentlicht, doch legt der Stil nahe, daß es deutlich früher, vermutlich bereits vor 1898, dem Jahr, in dem Spanien die terrschaft über Kuba verlor, entstanden ist.

Ein bedeutender Einfluß für Granados war die Musik Robert Schumanns. Beide verbindet die Suche nach dem Universellen im Einzelnen. Und bei beiden Komponisten gründet sich etliches in ihrer Musik auf die beständige Alteration von Emotionen, die durch eine äußerst reiche Harmonik zum Leben erweckt werden. Schumanns Kinderszenen op. 15 und das Album für die Jugend op. 68 dienten Granados als Inspiration sowohl für seine Cuentos de la juventud als auch für die Escenas infantiles – Miniaturas, die zu Lebzeiten des Komponisten nicht veröffentlicht wurden und hier erstmals eingespielt sind. Dabei war wohl keine der Sammlungen tatsächlich für den kindlichen Gebrauch gedacht, sondern vielmehr als eine Erinnerung von Emotionen und von Erfahrungen aus der Kindheit. So gemahnt etwa das fünfte Stück der Cuentos de ta juventud an jene Tage, in denen Wasser noch vom örtlichen Brunnen in die einzelnen Haushalte getragen werden mußte. Und die Verwendung von drei Sternen, wie etwa in *** - Lento con ternura, wurde direkt Schumanns Album für die Jugend op. 68 entlehnt. Anscheinend kann man ein so poetisches, so mit Emotionen beladenes Werk nicht mehr mit einem Namen belegen. Auch für verschiedene andere Werke hat Granados sich dieser Sternchen bedient, so etwa bei einem Satz der Escenas románticos (Naxos 8.554628). Der etwas linkisch wirkende Rhythmus des Marcha läßt an einen humpelnden Soldaten denken. Das letzte Stück der Escenas infantiles – Miniaturas, El Niño duerme gemahnt wiederum an das Ende von Schumanns Kinderszenen op. 15: Der Dichter spricht.

Bei Jota aus Miel de la Alcarria handelt es sich um Granados' eigene Bearbeitung eines Teils aus einer Bühnenmusik, die er 1894 für das ländliche Drama Miel de la Alcarria (Honig aus Alcarria) von José Feliu y Codina geschrieben hatte. Jota dürfte ebenfalls um 1894 entstanden sein.

Die Valses poéticos sind eines von Granados' frühen Meisterwerken. Die Untertitel der einzelnen Walzer waren zwar im Programm der Uraufführung durch den Komponisten selbst im Jahre 1895 abgedruckt, tauchten dann aber in den zu Lebzeiten Granados' erschienenen Ausgaben nicht mehr auf. Granados, der die Valses poéticos für eines seiner gelungensten Werke hielt, spielte die Komposition nicht nur auf Welte-Mignon ein, sondern nahm die Walzer auch gerne in seine Konzertprogramme auf, so auch bei einem seiner letzten Konzerte am 23. Januar 1916 in New York.

In der frühesten erhaltenen Kopie der Rapsodia aragonesa, einem Korrekturabzug von 1901, in dem sich handschriftliche Einträge von Granados finden, strich der Komponist den Titel aus und schrieb: "nein, nein, nein, nein, nein und nein – dieser Titel stammt vom Herausgeber". Gleichwohl blieb es dann letzlich, auch, da der Komponist keinen alternativen Titel vorschlug, bei der Überschrift Rapsodia aragonesa. Das Werk ist einem Kollegen Granados', dem britischen Pianisten Harold Bauer, gewidmet.

Aparición entstand für das 'Cateura', ein Pedal-Klavier, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts um Barcelona herum entwickelt wurde. Obschon heute kein 'Cateura' mehr erhalten zu sein scheint, lassen die Notenausgaben der Werke, die Granados speziell für dieses Instrument geschrieben hat, immerhin den Schluß zu, daß die Pedale für besondere koloristische Effekte verwendet werden konnten. Aparición ist dabei einer gewissen "Miss Jennine Rutherford Grawshaw" gewidmet, über deren Verhältnis zu Granados wir freilich nichts wissen.

Douglas Riva
Übersetzung: Matthias Lehmann


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