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8.554669 - RACHMANINOV: Piano Sonata No. 2 / Variations on a Theme of Chopin / Morceaux de Fantaisie, Op. 3
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Sergej Rachmaninow (1873-1943)

Sergej Rachmaninow (1873-1943)

Variationen über ein Thema von Frédéric Chopin op. 22 • Morceaux de

fantaisie op. 3 • Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 36

 

Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow zählte zu den russischen Komponisten, die nach der Revolution von 1917 ins Exil auswanderten und damit den Bürgerunruhen und der – wie sich herausstellen sollte – despotischen Unterdrückung des Volks entgingen. Rachmaninow wurde 1873 in eine Familie geboren, die mütterlicherseits auf eine starke militärische Tradition zurückblickte. Durch die Neigung des Vaters zu Extravaganz und Verschwendungssucht waren die Vermögensverhältnisse der Familie bald derart zerrüttet, dass ein Großteil der Ländereien und sogar die Mitgift der Ehefrau veräußert werden mussten. Rachmaninow verbrachte die meisten Jahre seiner Kindheit auf dem einzig verbliebenen Landgut der Familie in Oneg nahe Nowgorod. Der finanzielle Ruin der Familie hatte jedoch auch einen positiven Aspekt: Als auch der Landsitz in Oneg nicht mehr zu halten war und die Familie nach St. Petersburg übersiedelte, reichten die Mittel nicht, um Sergej die vorgesehene Militärlaufbahn angedeihen zu lassen; stattdessen schien es ratsam, sein musikalisches Talent zu fördern und den Neunjährigen am Petersburger Konservatorium mit einem Stipendium studieren zu lassen. Dort zeichnete er sich jedoch nicht durch besonderen Fleiß aus, und da man ihm auch zuhause nicht die nötige Aufmerksamkeit widmete, fiel er bei den Prüfungen des Konservatoriums in allen Allgemeinfächern durch, sodass sein Stipendium zeitweilig gefährdet schien. Nach der Scheidung der Eltern war seine Mutter für die weitere Ausbildung zuständig, und auf den Rat eines Verwandten, des Pianisten Alexander Ziloti, schickte sie ihn zum Unterricht nach Moskau zu Nikolaj Zwerew, der für seine militärischen Unterrichtsmethoden bekannt war. Bei ihm erwarb Rachmaninow seine phänomenale Klaviertechnik und darüber hinaus durch häufige Konzertbesuche ein breites musikalischen Fundament. Im Alter von fünfzehn Jahren übernahm sein berühmter Cousin Ziloti, der ebenfalls bei Zwerew und später bei Tschaikowsky, Nikolai Rubinstein und Liszt studiert hatte, den Unterricht. Bei Tanejew und Arensky nahm Rachmaninow Stunden in Harmonielehre und Kontrapunkt; sein zunehmendes Interesse für Komposition führte aber zu Unstimmigkeiten mit Zwerew, sodass Rachmaninow dessen Wohnng verließ und zu Verwandten zog.

 

1891 schloss Rachmaninow sein Klavierstudium am Konservatorium ab und vollendete die Komposition seines erstes Klavierkonzerts. Im folgenden Jahr machte er seinen Abschluss im Fach Komposition und schrieb sein berühmtes Prélude in cis-Moll, dessen ungeheure Popularität ihn sein Leben lang verfolgen sollte. Die anfänglichen Erfolge seiner kompositorischen Karriere wurden jedoch überschattet vom Misserfolg seiner ersten Sinfonie bei der Uraufführung im Jahr 1897 – schlecht dirigiert von dem bei der Aufführung betrunkenen Alexander Glasunow und geradezu zerrissen von César Cui, der dasWerk in seiner Kritik als den Versuch eines Studenten bezeichnete, die sieben Heimsuchungen Ägyptens in Musik zu fassen. Rachmaninow flüchtete sich nun in dirigentische Aufgaben und erhielt ein Engagement als 2. Dirigent an der privaten Moskauer Marmontow-Oper. Erst nach Beendigung einer Hypnose-Therapie bei Dr. Nikolai Dahl wagte er sich wieder an die Komposition. Als unmittelbares Ergebnis entstand das zweite seiner vier Klavierkonzerte – ein Werk, das zu seinen populärsten zählt.

 

In den Jahren vor der Revolution war Rachmaninow sowohl als Komponist als auch als Dirigent erfolgreich. 1902 heiratete er Natalia Satina und verfolgte eine Karriere, die ihm zunehmend auch internationale Anerkennung bescherte. Es folgte eine rege Auftrittstätigkeit in seiner Heimat und im Ausland, unterbrochen von Sommerferien, die er auf seinem von den Satins erworbenen Landgut Iwanowka verbrachte. Während der Jahre des 1. Weltkriegs setzte er, der nicht zum Militärdienst einberufen wurde, seine Konzerttätigkeit fort. All dies kam zu einem Ende, als 1917 der Zar abdankte und die Revolution ausbrach.

 

Rachmaninow verließ Russland 1917. Von diesem Zeitpunkt an bis zu seinem Tod im kalifornischen Beverly Hills im Jahre 1943 bestritt er seinen Lebensunterhalt in erster Linie als Pianist. Zur Komposition blieb aufgrund anstrengender Konzertreisen, bei denen er das Publikum in Europa und Amerika mit seiner großartigen Kunst beeindruckte, immer weniger Zeit. Sein Landgut in Russland fiel den dortigen Unruhen zum Opfer und 1931 – das Jahr, in dem seine Variationen über ein Thema von Corelli entstanden – wurde seine Musik in der Sowjetunion verboten, nachdem er an einer Unterschriftsaktion der New York Times gegen die in sowjetischem Namen begangenen Grausamkeiten teilgenommen hatte. Der Bann wurde jedoch zwei Jahre später aufgehoben. Rachmaninow verbrachte viel Zeit in Amerika, wo er lukrative Tourneen unternahm; gleichzeitig gründete er einen Musikverlag in Paris und ließ in Luzern eine Villa bauen, in der er 1934 seine Rhapsodie über ein Thema von Paganini und ein Jahr darauf seine Dritte Sinfonie vollendete. 1939 verließ er Europa und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in den Vereinigten Staaten.

 

Seine Variationen über ein Thema von Chopin op. 22 schrieb Rachmaninow 1902 und 1903. Als Thema wählte er Chopins Prélude c-Moll op. 28 Nr. 20 und schrieb dazu eine Reihe von 22 Variationen, die auf seinen eigenen Aufführungsstil zugeschnitten waren. Während einige dieser Variationen kompositorisch erweitertes und rhythmisch komplexes Material enthalten, sind andere, wie z.B. die erste Variation, von relativ einfacher Faktur.

 

Die fünf Morceaux de fantaisie op. 3 stammen vom Herbst 1892, als Rachmaninow neunzehn Jahre alt war und sein Studium am Moskauer Konservatorium soeben abgeschlossen hatte. Er spielte die Uraufführung gegen Ende desselben Jahres bei einem Konzert in Charkow. Zwei dieser Stücke, einschließlich des berühmten Prélude, standen auf dem Programm eines Konzerts, das er 1903 in London gab und bei dem er auch seine Orchesterfantasie Der Fels dirigierte. 1940 revidierte er seine Mélodie E-Dur und die Sérénade b-Moll. Die Stimmung jedes dieser fünf Stücke ist bereits im Titel angedeutet, wobei sich im zweiten Rachmaninows Gefühl für Drama und Melancholie nach Ansicht vieler am schönsten zeigt.

 

1909 unternahm Rachmaninow seine erste Konzerttournee in Amerika, von der er erst Anfang des nächsten Jahres zurückkehrte. Es folgten Jahre, in denen er mit großer Intensität als Pianist, Dirigent und Komponist tätig war. 1913, während eines Ferienaufenthalts mit seiner Familie in Rom, begann er die Arbeit an seiner von einem Gedicht Edgar Allan Poes inspirierten Kantate Die Glocken. Er beendete die Arbeit auf seinem Landgut Iwanowka und brachte das Werk noch im selben Jahr in Moskau zur Uraufführung. In diese Periode fielen auch die Komposition und die von ihm selbst in Moskau gespielte Uraufführung der zweiten seiner drei Klaviersonaten. 1931 revidierte Rachmaninow die Sonate; er strich ca. 120 Takte und bearbeitete einige Passagen, besonders in den Durchführungsabschnitten. Die Sonate ist dem Pianisten Matwei Presman gewidmet, dem Direktor der Rostow-Akademie und einem Mitschüler des jungen Rachmaninow in Zwerews Haus. Presmans Entlassung im Jahre 1912 war der Auslöser für Rachmaninows Rücktritt von seinem Posten als Vizepräsident der Russischen Musikalischen Gesellschaft. Presman hatte er als Knabe seinen ersten Kompositionsversuch gewidmet.

 

Die Klaviersonate b-Moll op. 36 stellt in ihrer Originalfassung höhere Ansprüche an den Interpreten und enthält ausgedehnte Passagen mit einem höchst virtuosen Klaviersatz. Der erste Satz (Allegro agitato) beginnt stürmisch in b-Moll mit einem fallenden Melodiefragment, das alsbald nach Dur geführt wird. Einer charakteristisch punktierten Übergangspassage folgt, nach einer kurzen Kadenz, das Nebenthema in sanftem Des-Dur mit einem zusammengesetzten, punktierten Rhythmus, der einem Siciliano ähnelt. Im Durchführungsabschnitt nahm Rachmaninow die wichtigsten Änderungen der zweiten Fassung vor, möglicherweise bedingt durch die sich verschlechternde Arthrose in seinen Fingern, die seine weitere Karriere zu bedrohen schien. Die Originaldurchführung enthält Passagen, die große Ansprüche an die virtuosen Fähigkeiten des Interpreten stellen; sie führt zu der emphatischen Rückkehr der Haupttonart und der fallenden melodischen Figur sowie schließlich auch zur Wiederkehr des Nebenthemas in Ges-Dur. Der Satz schließt mit einem Echo der fallenden melodischen Figur des Kopfthemas. Eine sanfte Modulation eröffnet den zweiten Satz (Non allegro); sie führt von D-Dur zum e-Moll-Lento, einem sanft wiegenden, auf einer fallenden Sequenz basierenden Thema. Es folgt ein romantisches G-Dur; die Rückkehr zum e-Moll-Thema resultiert in einem dynamischen Höhepunkt. Das sich anschließende Material enthält mit der fallenden melodischen Figur des ersten Themas und einer Anspielung auf das sanftere Seitenthema Rückverweise auf den ersten Satz. Der Satz endet mit der Rückkehr des eröffnenden Non allegro, das nun vom E-Dur des Schlussabschnitts des Lento nach C-Dur und von dort zum B-Dur überleitet, mit dem das Allegro molto des Finalsatzes beginnt. Hier, wie in allen Sätzen, enthält die revidierte Fassung von 1931 Striche sowie vollständige neue Passagen. Die Eingangsthematik wird von einer abwärts stürmenden Figur charakterisiert, der sich prägnante Akkorde anschließen. Das Nebenthema gibt sich lyrisch-romantisch; beide Elemente werden vor der abschließenden Reprise durchgeführt, wobei die drei Abschnitte bereits in den Eröffnungsnoten und den markanten Akkorden, mit denen sie beginnen, angedeutet werden. Die Sonate endet auf einem nachdrücklich optimistischen B-Dur-Akkord.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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