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8.554756 - Salon Orchestra Favourites, Vol. 1
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Perlen europäischer Salonmusik

Salonmusik war Ende des 19, Anfang des 20. Jahrhunderts ein gesamteuropäisches Phänomen. Vorbereitet von den Triumphzügen legendärer Virtuosen wie dem italienischen Geiger Niccolò Paganini (1782-1840), dem polnischen Pianisten Frédéric Chopin (1810-1849) und dem österreich­ungarischen Piartisten Franz Liszt (1811-1886) oder dem französischen Cellisten Adrien-François Servais (1807-1866) entwickelte sich eine alle nationalen Grenzen überschreitende Musikkultur. An die Konzertsäle der Nachwelt wurde sie jedoch nur in ausgewählten Beispielen weitergereicht; das Meiste durfte nur gleich­sam untergründig weiterleben, wenn überhaupt: Die Wahrer reiner Musik stießen sich nämlich am zunehmenden Gewicht kommerzieller Aspekte. Dabei war Salonmusik, wie man mit nur wenig Übertreibung sagen kann, bloß Antwort auf neue sozioökonomische Gegebenheiten: Ein wachsender Markt, der noch keine direkten Musikträger kannte, mußte mit Kompositionen versorgt werden, deren Eingängigkeit allein massen­haften Verkauf von Notenmaterial garantierte. Allgemeinverständlichkeit konnte da nur von Vorteil, Nationalkolorit höchstens als exotischer Hauch beigemischt sein. Daß dabei zwangsläufig nur mindere Qualität produziert werden konnte, ist ein Vorurteil späterer Zeiten, das durch die Sammlung einiger Perlen wiederlegt werden kann.

Ein europäischer Inter-Nationalist par excellence war der gebürtige Italiener Luigi Arditi (1822-1903), den seine Karriere als Geiger und Kapellmeister kreuz und quer über den Kontinent (und bis nach Amerika) führte. Um nur die wichtigsten Stationen zu nennen: 1857 war er Kapellmeister in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul), und 1858 in London. 1871 bis 1873 leitete er die italienische Oper in St. Petersburg. Nach einem Abstecher 1878 nach Madrid hielt er sich erneut jahrelang in London auf und anschließend in Dublin, wo er auch verstarb.>

Arditis Schaffen ist in doppelter Hinsicht für die Gegebenheiten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts charakteristisch: Zum einen bedient es sich ganz zwanglos fremder Idiome - im hier eingespielten Beispiel komponierte der Italiener einen fulminanten Wiener Walzer. Und zum anderen zeigt es die Wankelmütigkeit des Ruhms: Gehörte Arditi seinerzeit zu den populärsten und bekanntesten Komponisten überhaupt, ist er heute nur noch den Informierteren unter den Freunden der Salonmusik bekannt.

Dies Schicksal teilen etliche seiner Kollegen: der Tscheche Franz Drdla (1869-1944) beispielsweise, Violinvirtuose und Komponist wie Arditi, dessen Nachruhm vor allem durch seine 1901 entstandene Serenade Nr. 1 ("Kubelík-Serenade") gesichert wird; sein Landsmann Zdenĕk Fibich (1850-1900), dessen Poème (opus 4, Nr. 6) ursprünglich für Klavier kompo­niert wurde, aber in ungezählten Bearbeitungen Verbreitung in der ganzen Welt fand; oder gar der russische Pianist und Komponist polnischer Abstam­mung Anton Rubinstein (1829-1894), der 1862 das Konservatorium in St. Petersburg begründete, zeitgenössisch gefeierte Opern und Symphonien schrieb, aber heute eigentlich nur noch als Schöpfer der Melodie in F (opus 31 Nr. 1) bekannt ist. Nur wenig besser sieht es mit Ruggero Leoncavallo (1858-1919) aus, dem Komponisten der bis heute populären Oper Der Bajazzo. Sein Landsmann Enrico Toselli (1883-1926) wurde dagegen durch, zweierlei weltbekannt. Während aber die Heirat, des Pianisten mit der damaligen Kronprinzessin Luise von Sachsen schon lange kein Aufsehen mehr erregt, gehört seine Serenara noch immer zu den Evergreens im salonmusikalischen Repertoire.

Salonmusik war primär Musik für den Flügel im Salon (oder häufiger: das Klavier in der guten Stube) - seien es Bearbeitungen von Orchesterwerken und Opern (teilen) oder (durchaus häufig) Original-­kompositionen: Wie Rubinsteins Melodie oder Tosellis Serenata wurde auch der Tango von Isaac Albéniz (1860-1909) für Klavier komponiert, genauso wie der Paso doble EI relicario seines Landsmanns José Padilla (1889-1960). In allen diesen Fällen waren Bearbeitungen für andere Instrumente oder Instrumenten-gruppen gang und gäbe - durch den Komponisten selbst oder durch die unterschiedlichsten Arrangeure im Laufe der Jahrzehnte. Eine erstaunliche Farbigkeit der Instrumentalisierung ist dadurch die Folge: Hat in Leoncavallos Brise de mer das Cello seinen großen Auftritt, dominiert bei Robert Stolz passend zum Titel die Geige, während sich Heinrich Streckers Foxtrott Drunt' in der Lobau (aus der 1928 uraufgeführten Operette Der ewige Walzer) mit geradezu sinfonischem Orchesterklang präsentiert, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Speziell für das Salonorchester Schwanen, dessen melodische Linie durch Geigen und Holzbläser geprägt ist, wurde Arditis Kußwalzer, Riccardo Drigos Serenade "Die Millionen des Harlekin"' und Rudolf Sieczynskis Liebeserklärung an seine Heimatstadt Wien arrangiert.

Konrad Dussel


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