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8.554799 - SCHUBERT, F.: Lied Edition 9 - Friends, Vol. 1
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Franz Peter Schubert (1797-1828)
Lieder aus dem „Schubert-Kreis", Folge 1
Utopie und Weltschmerz

 

Der poetische Horizont Franz Schuberts und seiner Lieder spiegelt sich wider in der Dichtung seines Freundeskreises. Insgesamt hat Schubert sogar mehr Gedichte seiner Freunde vertont als von Goethe oder Schiller, den mit Abstand bevorzugten Dichtergrößen: Mehr als zwei Drittel dieser Texte stammen von seinen engsten Freunden, Johann Mayrhofer und Franz von Schober. Während Mayrhofer mit rund fünfzig Vertonungen nach den beiden deutschen Klassikern an dritter Stelle folgt, steht Schober mit 18 Kompositionen (darunter 13 Lieder) immerhin noch auf einer Stufe mit Friedrich Schlegel, dem Kopf der deutschen Romantik. Diese quantitative Gleichrangigkeit sagt auch qualitativ wesentliches über Schuberts poetisches Bekenntnis aus: Die Lieder nach Texten seiner Freunde verbinden das idealistische Pathos der Klassik mit der utopischen Sehnsucht der Romantik. Das Echo einer „besseren Welt" tönte namentlich in Schobers Gedichten — jedoch unter pessimistischen Vorzeichen. Denn die Lyrik des „Schubert-Kreises" stand nicht nur unter dem Einfluß klassisch-romantischer Kunstbegeisterung, sondern zeigte bereits die Symptome des um 1820 in ganz Europa grassierenden „Weltschmerzes".

Dieses nachromantische Phänomen, das die Lyrik des Freundeskreises mit der Heinrich Heines und Wilhelm Müllers verbindet, hat tiefgehende zeitgeschichtliche Wurzeln. Schubert und seine Freunde waren Zeugen und Opfer einer Epoche der systematischen Unterdrückung idealistischer Bestrebungen. Nach den antinapoleonischen Kriegen beschlossen die europäischen Mächte auf dem Wiener Kongreß (1814/15) die Restauration absolutistischer Herrschaft. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819 hatten schließlich die Repression der Freiheitsbewegung zur Folge. Die revolutionären Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schienen nunmehr unerfüllbar. Die daraus resultierende trostlose Lebenswirklichkeit stürzte Schuberts Generation in eine existentielle Krise. Immerhin ging Schuberts Freundeskreis auf einen „Tugendbund" zurück, der nach dem Vorbild der Dichterbünde des 18. Jahrhunderts Freundschaft, Tugend und Vaterland im Dienste eines humanistischen Menschenbildes huldigte. Als „Keimzelle" des Kreises gilt das Wiener Stadtkonvikt, ein Internat für ausgewählte Gymnasiasten, Studenten und Hofsängerknaben. Schubert besuchte das Konvikt von 1808 bis 1813 als Sängerknabe. Auch Schober, mit dem Schubert später mehrere Jahre zusammenwohnte, hatte sich während seines Studiums an der Wiener Universität im Umfeld des Konvikts bewegt. Schubert sammelte dort nicht nur Musizierpraxis und Repertoire-Kenntnis, sondern erhielt im produktiven Austausch mit seinen Freunden auch literarische Anregungen zu Lied-Kompositionen. Die kreativen Beziehungen zu Kunst-Dilettanten und gebildeten Köpfen wie Josef von Spaun, Josef Kenner, Johann Senn oder Albert Stadler dürften Schubert in dieser Eliteanstalt, die er als Gefängnis empfand, die ästhetische Erfahrung künstlerischer Freiheit vermittelt haben.

In den zwanziger Jahren formierte sich der „Schubert-Kreis" nicht nur in den berühmten „Schubertiaden", wie sie Moritz von Schwind auf seinem Bild Ein Schubert-Abend bei Josef von Spaun in idealisierter Form überliefert hat. Außerdem fand man sich in einer von Schober inspirierten „Lesegesellschaft" zusammen. Hier dürfte Schubert auf Gedichte von Heine und Wilhelm Müller aufmerksam geworden sein. Durch politische Publikationen und Kontakte zur Burschenschaft geriet der Freundeskreis mehrmals in Konflikt mit der Obrigkeit.

Während die meisten der Freunde das Joch des Staatsdienstes auf sich nahmen, versuchte sich Schober wie Schubert als freischaffender Künstler. Er dilettierte als Schriftsteller, Zeichner und Schauspieler. Nach Schuberts Tod wurde er Reisebegleiter Franz Liszts. Als Legationsrat in Weimar sorgte er 1854 gemeinsam mit Liszt für die Uraufführung von Schuberts Oper Alfonso und Estrella, dessen Libretto er selbst verfaßt hatte. Literarischer Erfolg war jedoch nur Bauernfeld beschieden — jedoch nicht als Lyriker, sondern als Lustspielautor. Für die anderen bedeutete gesellige Kunstausübung und -rezeption ein freiheitliches Refugium — eine Insel der Seligen im Polizeistaat des österreichischen Kanzlers Metternich, genannt „Fürst von Mitternacht". Doch selbst die Hoffnung, daß die ersehnte „bessere Welt" wenigstens in der Kunst offenbar werde, geriet zur Illusion. Den totalen Charakter dieses Desillusionierungsprozesses dokumentieren auch die auf dieser CD vereinten Lieder.

Das charakteristische an den Gedichten der Schubert-Freunde ist ihr brüchiger Idealismus, der gerade in ihrer epigonalen Qualität aufscheint. So erschließt sich der resignative Charakter des Liedes Schatzgräbers Begehr (D761, 1822) aus dem Vergleich mit Goethes motivverwandtem Gedicht Der Schatzgräber, das Schubert ebenfalls vertont hat (1815). Schobers Sonett erscheint als negative Umkehrung des optimistischen Goethe-Gedichts. „Trinke Mut des reinen Lebens!", heißt es bei Goethe. Schobers Schatzgräber dagegen begräbt seine Hoffnung. Musikalisch drückt sich dies vor allem in einem Lamento-Baß (einer chromatisch absteigenden Linie) aus, der mehrfach wiederkehrt. Dieses bereits aus der Musikrhetorik des 17. Jahrhunderts bekannte Modell gibt aber nicht allein den Ausdruckscharakter an, sondern scheint auch das beschwerliche Graben zu illustrieren. Der nach einem knappen Mittelteil erfolgende Wechsel nach Dur erweist sich als brüchig: Im Autograph wendet Schubert die Akkorde im vorletzten Takt plötzlich wieder nach Moll, und sowohl diese als auch die hier erklingende spätere zweite Fassung (ohne Moll-Trübung) schließen mit einem leeren Quint-Klang.

In gleicher Weise erinnert Schobers Ballade Schiffers Scheidelied (D910) motivisch an das große Vorbild Goethe. Auch hier ist Aufbruchsstimmung der Resignation gewichen. Während der Seemann in Goethes Sturm-und-Drang-Hymne Seefahrt „scheiternd oder landend, seinen Göttern" vertraut, bangt Schobers Schiffer vor seinem Element: „...Weiß ich denn, ob ich’s vollbringe / Und siegreich kehre heimatwärts? / Die Welle, die jetzt so lockend singt, / Vielleicht ist’s dieselbe, die mich verschlingt…" — „Trost" bedeutet ihm allein der „Freund im heimischen Paradies". Bedenkt man, daß das seit alters auch heilsgeschichtlich verstandene Motiv der Überfahrt im Vormärz für die Erwartung einer neuen, besseren Zeit stand, wird deutlich, daß die Freundschaftsbünde in Schuberts Umfeld viel von jenem heroisch-idealistischen Pathos eingebüßt hatten, wie es aus der Schiller-Ballade Die Bürgschaft spricht, die Schubert mehr als zehn Jahre zuvor vertont hatte. Vielmehr war die Freundschaft zu einer letzten Zuflucht geworden und hatte als „paradiesische" Lebensform den Charakter einer Ersatzreligion angenommen. Insofern muß es auch nicht verwundern, daß die im Februar 1827 entstandene Komposition wohl in direktem Zusammenhang mit Schuberts Einzug bei Schober steht, der ihm in seiner neuen Wohnung zwei Zimmer und eine Musikkammer zur Verfügung stellte.- Obwohl Schubert nie die elementare Wucht des Meeres selbst erlebt hatte, nimmt seine Vertonung mit ihrer geradezu bildhaften Kraft gefangen. Die beiden nach Dur gewendeten ruhigeren Abschnitte bilden keinen eigentlichen Kontrast; trotz der nun beruhigten Begleitbewegung bleibt ein untergründiges Beben. Die mehr lyrische Linie dieser Abschnitte kehrt schließlich im letzten der fünf Abschnitte wieder: „...und spült dann auch die falsche Welle / mich tot zurück zum Blumenstrand, / so weiß ich doch an lieber Stelle / noch eine, eine treue Hand…" Im weiteren biographischen Kontext mag die Komposition wie ein Reflex Schuberts auf die Unheilbarkeit der eigenen, bereits fortgeschrittenen Krankheit anmuten.

Von einem platonischen Begriff der Freundschaft zeugt auch der biographische Kontext des Gesanges Pax vobiscum (D551, April 1817): Obwohl im Titel lateinisch und damit vermeintlich liturgisch, handelt es sich um ein geistliches Lied, dem ein deutschsprachiger Text von Schober zugrunde liegt. Wohl wegen seines schlichten andächtigen Charakters (Ausdrucksbezeichnung: "Mit heiliger Rührung") erfreute sich der Gesang nicht nur im Kreis der Freunde großer Beliebtheit. Bei Schuberts Begräbnisfeier am 21. November 1828 erklang das Pax vobiscum in der Margaretner Kirche schließlich mit einer ebenfalls von Schober stammenden Paraphrase in einem Arrangement für Chor und Blasinstrumente.- Doch für die Freundschaft fand Schober auch andere Töne: In Jägers Liebeslied (D909) erscheint sie als Gleichnis erotisch-dämonischer Liebe und wird mit „allem Glück" verbunden, „das nur auf Erden ist".- Der politische Aspekt schließlich, welcher der Freundschaft seit der Antike zukommt, wird bezeichnenderweise in einem Grablied (D218) zum Ausdruck gebracht: Der Text von Josef Kenner ist ein Abgesang auf ein „zerriss’nes Herz" und die umsonst gekämpfte „Befreiungsschlacht". Doch anders als die Fürsten Europas halten die Kameraden dem „für’s Vaterland" gefallenen Krieger die Treue.

Einen Einblick in die zwiespältige Gefühlslage des Schubert-Kreises vermittelt auch Kenners Ballade Der Liedler (D209), zu der Moritz von Schwind im Herbst 1823 zwölf Sepiazeichnungen anfertigte. Schuberts Vertonung ist im Januar 1815 im Wiener Stadtkonvikt entstanden und dem befreundeten Dichter gewidmet. Kenner, der später Beamter in Linz wurde, erinnerte sich: „Dort [im Konvikt] wurden seine frühesten Kompositionen zuerst versucht und besprochen, und dort wurde ich mit der Zueignung des ›Liedler‹ überrascht und es mir eingehändigt. Sie können sich meine Zerknirschung über diese Auszeichnung, über diese Widmung und ihre echt freundschaftliche Weise unmöglich vorstellen, weil Sie weder meine Verehrung für Schuberts Kunsthöhe noch meine Ansicht von meinen sehr geringen Verdiensten kennen..." — Während dieser Zeit setzte sich Schubert intensiv mit den Balladenkompositionen von Johann Rudolf Zumsteeg (1760-1802) auseinander. Trotz vielfacher Anverwandlungen zeigt sich aber schon in diesem frühen Werk ein ganz eigener Ausdruckscharakter, der noch 1825 anläßlich der späten Drucklegung herausgehoben wurde: „Diese Ballade […] reihet sich nicht nur würdig den gefeierten Balladen Zumsteegs an, welche zu ihrer Zeit allgemeinen Enthusiasmus erregten, sondern sie übertrifft diese noch an Lebendigkeit des Ausdrucks und der Originalität." Auffällig ist in Schuberts Komposition zunächst der Aufbau. Die unterschiedlichen Abschnitte, die oftmals einzelnen Szenen gleichen, werden dabei teilweise von rezitativischen Einschüben voneinander getrennt; in zyklischer Beziehung kehrt der zweite Abschnitt („Der Liedler zog durch manches Land") am Ende wieder („Fahr, Liedler, fahr auf ewig wohl"). Dennoch stehen bildhafte Momente im Vordergrund der Komposition (etwa der Aufbruch mit Schwert und Panzer oder - dazu korrespondierend - der spätere Sturz von der Felswand); durchgehende motivische Bezüge sind jedoch (noch) nicht voll ausgebildet. — Als Künstlerfigur verkörpert der Liedler zugleich Ideal und Wirklichkeit der von Goethe und Schiller geprägten, nachfolgenden Generation: Der Künstler als Märtyrer und Außenseiter und doch als moralischer Souverän gegenüber der Feudalgesellschaft. Der bedrohliche „Währwolf" ist wohl eine Reminiszenz an die Befreiungskriege (1813/14). In der politischen Lyrik dieser Jahre war Napoleon als der zu erlegende „Wolf" bezeichnet worden. Vor diesem Hintergrund zeugt die Ballade Der Liedler von der wehmütigen Erinnerung an die Befreiung des Vaterlandes durch Scharen junger Kriegsfreiwilliger, deren Einsatz letztlich doch nicht zum versprochenen Gewinn bürgerlicher Freiheit geführt hatte. Diesen vergeblichen Heroismus hat Kenner in einer weiteren Ballade — „Ein Fräulein schaut vom hohen Turm" (D134) — im romantischen Bild ritterlichen Martyriums dargestellt: Der Opfertod des „Retters" ist vergeblich, er vermag seine „edle Maid" nicht vor dem Tod zu bewahren (im Kontext der Befreiungskriege war die „treue Jungfrau" Symbolfigur „deutscher Treue" und damit auch eine Verkörperung der Nation).

Zwei Jahre später, 1817, vertonte Schubert ein Gedicht seines väterlichen Freundes und Förderers Josef von Spaun: Der Jüngling und der Tod (D545) — offensichtlich eine Nachdichtung des zuvor in Musik gesetzten Gedichtes von Matthias Claudius Der Tod und das Mädchen (D531). Die schon im Titel angedeutete komplementäre Anlage betrifft aber nicht nur die zweiteilige Konzeption des Textes, sondern auch die musikalische Ausarbeitung. Vor allem der zweite Teil mit einer ruhig gehenden Motivik und Rhythmik (Klavier) in d-Moll/F-Dur bringt eine unüberhörbar deutliche Anspielung auf die kurz zuvor entstandene Claudius-Vertonung. Auch Spauns Neuakzentuierung des Textes ist bemerkenswert — nicht die Angst vor dem Tod dominiert, sondern die Sehnsucht nach ihm: „Entführe mich leicht in geträumte Lande, / O komm’ und rühre mich doch an!" — Dagegen zeugt Eduard von Bauernfelds Wiegenlied Der Vater mit dem Kind (D906) von der mit dem romantischen Kindesmotiv verbundenen Hoffnung, daß die „entschwund’ne Zeit" einst als bleibendes Glück wiederkehre.

Daß die Kunst aus dem Exil des irdischen ins himmlische Vaterland zu führen vermöge, verkündet schließlich Schobers Hymne An die Musik (D547). Der Lobgesang auf die entrückende Wirkung der Kunst ließ vergessen, daß ihr ideeller Gehalt untergegangen war. Dieses Dilemma der Kunst im Zeitalter der Restauration, den Konflikt zwischen Utopie und Resignation, dokumentieren auch die abschließenden Lieder nach Texten von Franz von Bruchmann (An die Leier und Der zürnende Barde): Nach dem Abschied von den „Heroen" blieb nur noch die „Liebe im Erklingen" — als Zeichen einer „bess’ren Welt" — oder jene Melancholie, die aus den Liedern Genügsamkeit (D143) und Am Bach im Frühling (D361) spricht: „Friedliches Glück" ist hier nur zu erahnen — als „Sehnsucht" oder „Erinn’rung". Diese Verlorenheit ist verdichtet in Schobers Pilgerweise (D789): Der Pilger geht an demselben „harten Wanderstabe" wie manch anderer Liedersänger im Gefolge der Romantik. Der tiefe Zweifel an einem sinnerfüllten Dasein wurde zum poetischen Credo der Weltschmerz-Generation. In dem Albert Stadler gewidmeten Lied Der Strom (D565), dessen anonymer Text u.a. Schubert zugeschrieben wurde, wird es besungen: „...Mein Leben wälzt sich murrend fort, / […] Doch nimmer findend, was es sucht, / Und immer sehnend tost es weiter, / Unmuthig rollt’s auf steter Flucht, / Wird nimmer froh, / wird nimmer heiter..."

Michael Kohlhäufl und Michael Kube


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