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8.554821 - BRAHMS, J.: Four-Hand Piano Music, Vol. 14 (Matthies, Köhn)
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Johannes Brahms (1833–1897): Musik für Klavier zu vier Händen, Folge 14
Klavierquartett Nr. 2 • Fünf Walzer, op. 39

Johannes Brahms wurde 1833 in Hamburg als Sohn eines Kontrabassisten und einer viel älteren Näherin geboren. Seine Kindheit verbrachte er in recht armseligen Verhältnissen, doch bei seinem Klavierunterricht machte er solche Fortschritte, dass sogar der Plan entstand, mit dem elfjährigen Wunderkind Konzertreisen zu unternehmen. Von Eduard Marxsen wurde der junge Brahms in die technischen Grundlagen des Komponierens eingeweiht, indessen er zum Unterhalt der Familie als Klavierspieler in verschiedenen Sommerrestaurants beitrug.

1851 begegnete Brahms dem aus Ungarn emigrierten Geiger Reményi, dem er die Bekanntschaft mit der für sein eigenes Schaffen so bedeutsamen magyarischen Tanzmusik verdankte. Zwei Jahre später unternahmen die beiden Musiker eine erste gemeinsame Konzertreise, die sie auf Empfehlung von Joseph Joachim unter anderem auch nach Weimar führte, wo damals Franz Liszt residierte, von dem man wohl erwarten durfte, dass er einem Landsmann mit besonderem Wohlwollen begegnen würde. Tatsächlich profitierte Reményi auch von dem Zusammentreffen mit seinem berühmten Landsmann, Brahms hingegen legte schon damals eine Probe seiner im Laufe der Jahre noch kultivierten Taktlosigkeiten ab und vermochte den Meister nicht zu beeindrucken. Fruchtbar hingegen gestaltete sich der Besuch, den er nach Joachims Vermittlung noch im selben Jahr dem Ehepaar Schumann abstattete.

1850 hatte Robert Schumann die erste und letzte offizielle musikalische Anstellung seines Lebens angetreten – als er nämlich in Düsseldorf die Nachfolge des vorherigen Städtischen Musikdirektors Ferdinand Hiller übernahm. Er entdeckte in Brahms’ Musik eine kommende Größe und veröffentlichte in der Neuen Zeitschrift für Musik, die er selbst einst herausgegeben hatte, einen Artikel des Inhalts, dass der junge Mann der langerwartete Nachfolger Beethovens sei. Wenige Monate später – im Februar 1854 – versuchte Schumann sich nach mehreren Phasen tiefster Depressionen das Leben zu nehmen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in einer Irrenanstalt, während Brahms seine Frau, die angesehene Pianistin Clara Schumann, und deren Kinder auf alle erdenklichen Weisen unterstützte. Die enge Freundschaft endete erst mit Claras Tod im Jahre 1896. Ein Jahr darauf folgte ihr Brahms ins Grab.

Brahms’ Hoffnung war es stets gewesen, früher oder später im Triumph nach Hamburg zurückzukehren und fortan im dortigen Musikleben eine führende Rolle zu spielen. Dieser Wunsch sollte sich nicht erfüllen. Statt dessen ließ er sich 1863 in Wien nieder – zunächst noch provisorisch, dann aber seit 1869 auf Dauer. Und hier tat er alles, um Schumanns Prophezeiung zu erfüllen. Seine Freunde und Förderer, darunter insonderheit der gefürchtete Kritiker und Schriftsteller Eduard Hanslick, sahen in ihm tatsächlich den wahren Nachfolger Beethovens, einen Komponisten, dessen Schaffen – von außermusikalischen Erwägungen und Programmen unberührt – im völligen Gegensatz zu der von Wagner und Liszt repräsentierten „Zukunftsmusik“ stand, die Brahms und Joachim später in aller Öffentlichkeit ablehnten.

Im Herbst 1857 hatte Brahms eine Anstellung in Detmold, der damaligen Haupt- und Residenzstadt des Fürstentums Lippe, gefunden. Während der nächsten zwei Jahre hielt er sich vorübergehend immer wieder bei Hofe auf, um seinen Verpflichtungen als Klavierlehrer und Dirigent nachzukommen, indessen er während der Zeiten seiner Abwesenheit eine Reihe von Konzertengagements erfüllte. Im Januar 1860 ging er wieder nach Hamburg. Zunächst lebte er bei seinen Eltern, doch bald übersiedelte er nach Hamm, einem Vorort im Osten der Hansestadt. Dort, im Hause von Elisabeth Rösing, kam oft der Hamburger Frauenchor zusammen, den Brahms gegründet und geleitet hatte. Es war hier wesentlich ruhiger als in den beengten Räumlichkeiten seiner Eltern, die überdies ständig miteinander stritten. Mit der Pianistin Clara Schumann wurde im November 1861 dann Brahms’ Klavierquartett g-moll op. 25 in Hamburg uraufgeführt – und zwar beim dritten Konzert einer Veranstaltungsreihe mit dem Hamburger Frauenchor. Dieses Werk war nicht der erste Versuch des Komponisten mit dieser Besetzung gewesen. Schon vorher hatte er ein Quartett für Klavier und Streicher geschrieben, das 1875 schließlich in einer transponierten und revidierten Fassung unter der Opuszahl 60 veröffentlicht wurde. Sein Opus 25 spielte Brahms selbst im Jahre 1862 mit Musikern des Hellmesberger-Quartetts, als er in Wien sein Konzertdebüt gab. Der Kritiker Eduard Hanslick war von dem Werk nicht sonderlich beeindruckt und meinte zudem, Brahms habe mehr wie ein Komponist denn ein Virtuose Klavier gespielt – wobei diese Feststellung dem letzteren nicht unbedingt zum Nachteil gereichte.

Das Klavierquartett Nr. 2 A-dur op. 26 entstand zur selben Zeit. Es wurde am 29. November 1862 in Wien von denselben Musikern wie das vorige Werk aus der Taufe gehoben. In diesem Konzert spielte Brahms des weiteren seine Händel-Variationen sowie Klavierwerke von Bach und Schumann. Kurz vor dieser Veranstaltung hatte Brahms zu seiner Enttäuschung erfahren, dass man nicht ihn, wie gehofft, sondern Julius Stockhausen zum Dirigenten der Hamburger Philharmoniker ernannt hatte. Gleichwohl konnte er in einem Brief nach Hause davon berichten, wie verständnisvoll sein neues Werk und sein Klavierspiel vom Publikum angenommen worden waren. Hanslick freilich, der Brahms’ Karriere mit großem Interesse verfolgte, hatte noch immer Vorbehalte, wohingegen Clara Schumann dem Quartett Nr. 2 den Vorzug vor dem Opus 25 gab. Im Jahre 1870 bestellte der Verleger Simrock bei Brahms die vierhändigen Klavierfassungen beider Quartette. Dieser erklärte sich zu der Arbeit bereit, bat aber darum, ihn auch bei der Veröffentlichung als Bearbeiter zu nennen. Simrock entsprach dieser Bitte nicht: Er brachte die vierhändige Einrichtung des g-moll-Quartetts ohne den Namen des Arrangeurs, dafür aber mit vielen Fehlern heraus, nachdem er es versäumt hatte, dem Komponisten die Fahnen zur Korrektur vorzulegen. Deswegen zögerte Brahms die Bearbeitung des zweiten Quartetts bis 1872 hinaus. Als Honorar hatte er zunächst fünfzehn Friedrichsdor verlangt, nachdem er für jede der beiden Originalkompositionen jeweils zwölf erhalten hatte. Verständlicherweise war er verstimmt, als er 1872 nur die früher vereinbarte Summe erhielt, doch seine Beschwerde bewog Simrock dann, ihm weitere fünfzehn Friedrichsdor zu schicken.

Das Werk, das sich wunderbar für Klavier zu vier Händen eignet, ist recht umfangreich und bedient sich weithin der Sonatenform. Das Hauptthema des ersten Satzes besteht aus einem akkordischen Thema und einem gewundenen Element, das zunächst im Violoncello erklingt. Der nachfolgende Nebengedanke ist von den für Brahms so typischen Gegenrhythmen geprägt. Die zentrale Durchführung enthält ungewöhnlicherweise drei Variationen über das erste Thema, das anschließend in der Reprise wieder aufgenommen wird. In der Originalfassung verlangt das Poco Adagio mit seinem lyrischen Hauptthema zunächst sordinierte Streicher. Wenn dieser Gedanke nach kontrastierenden Episoden wiederholt wird, spielen die Streicher ohne Dämpfer. Erstaunlicherweise ist auch das ausgedehnte Scherzo in Sonatenform geschrieben, wobei das kanonisch gesetzte Trio d-moll thematische Materialien des Scherzo-Teils benutzt. Das Quartett endet mit einem weiteren Satz in Sonatenform, dessen rhythmisches erstes Thema ungarische Züge trägt. So findet ein unverkennbar mit dem Stempel „Johannes Brahms” gekennzeichnetes Werk seinen glänzenden Abschluss.

Seine sechzehn Walzer op. 39 vollendete Brahms 1865. Ein Jahr später erschien die Fassung für Klavier zu vier Händen, der 1867 die Ausgabe für zwei Hände folgte. Das Werk ist Eduard Hanslick gewidmet – eine Tatsache, die im Verein mit der gewählten Gattung ein Tribut an die Stadt Wien sein könnte, die den Komponisten mit offenen Armen aufgenommen hatte. 1897 brachte der Verleger Rieter-Biedermann fünf dieser Walzer in einer Fassung für zwei Klaviere heraus, die in der vorliegenden Aufnahme zu hören sind.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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