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8.554823 - Psalms for the Soul
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Psalmen für die Seele

Der Psalter, das Buch der Psalmen, ist von einer modernen Autorität als „das wertvollste Erbe, das die Christen von den Juden erhalten haben“, bezeichnet worden, und die lebendig-poetische Bildhaftigkeit dieser Texte vermochte Komponisten über viele Jahrhunderte hinweg zu inspirieren. Und das ist kaum verwunderlich, waren sie doch von Anfang an auf musikalische Begleitung hin konzipiert worden. Man denke nur an die folgenden Verse aus Psalmen 149 und 150: „Singet dem Herrn ein neues Lied“, „Lobt ihn mit dem Schall der Hörner, / lobt ihn mit Harfe und Zither!“, und man wird erkennen, daß diese Worte für den Gesang bestimmt waren. Das gemeinsame Singen von Psalmen war seit jeher ein wichtiger Teil innerhalb des Gottesdienstes, was für die anglikanische Tradition, zu der die Musik dieser CD gehört, auch noch für die Zeit nach der Reformation gilt. Von großer Bedeutung waren Psalmen namentlich in den Morgen-und Abendgebeten, in denen sie in regelmäßigen Zyklen gelesen oder gesungen wurden. Diese Gottesdienste sind heute freilich nicht mehr so aufwendig, wie sie es einst waren, und wir haben wohl ein wenig den unmittelbaren Bezug zu Psalmworten wie „aus dem Mund der Kinder und Säuglinge“ (Psalm 8) oder der verblüffend volltönenden „finsteren Schlucht“ (Psalm 23) verloren.

Drei der hier aufgenommenen Psalmen haben ihre Komponisten - Herbert Sumsion, Lennox Berkeley und Herbert Howells - in ausgewachsenen Anthems vertont. Auf den von ihm gewählten Text, „Sie, die mit Schiffen das Meer befuhren“ (Psalm 107), reagiert Sumsion geschickt mit musikalischer Imitation beziehungsweise mit Lautmalerei. Die melodischen Linien des Chores steigen gleichsam bis zum Himmel, ehe sie in die Tiefe sinken, später dann taumeln sie vielleicht nicht wie Ertrinkende, aber doch wie leicht Angetrunkene, während die Orgel beständig die Wellenbewegung wiedergibt.

Mit der Vertonung des beliebten 23. Psalms hat sich Lennox Berkeley starker Konkurrenz ausgesetzt. Das Resultat ist gleichwohl von jener ruhig-kontemplativen Intensität, die vollkommen bestätigt, was einmal über Berkeleys Musik geschrieben wurde, nämlich daß sie „fließend in ihrer Melodik, harmonisch reich und transparent in ihrer Polyphonie“ sei. Man könnte ergänzen, daß der harmonische Reichtum hier eine gewisse behutsame Schärfung meint, die dem Stück ein zeitgenössisches Gepräge verleiht, ohne daß dabei die dem Werk ansonsten anhaftende Ruhe, die ein wesentlicher Teil der Aussage ist, abhanden käme­. Besonders wirkungsvoll ist die Wiederkehr der Eingangsworte des Psalms, da die Sopranlinie nun durch den gesamten Chor harmonisiert wird und so der Hörer nicht allein eine musikalische, sondern zugleich auch eine spirituelle Steigerung erfahrt.

Der Komponist eines Anthems genießt große Freiheiten bei der Textbehandlung. In seinem bekannten Like as the Hart (Wie der Hirsch) etwa, verwendet Herbert Howells lediglich die ersten drei Verse des 42. Psalms, um nach “My tears have been my food day and night... “ (Tränen waren mein Brot bei Tag und bei Nacht...) noch einmal die Verse 1 und 2 zu rekapitulieren. Wo der Text durchgängig in der ersten Person spricht, differenziert Howells die persönlichen Beobachtungen des Autors - Like as the Hart..., My Tears... - von den fragenden Rufen der gesamten Gemeinde - When shall I come to appear before God? (Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?) und Where, where is now thy God? (Wo ist nun dein Gott?). Werden diese vom gesamten Chor harmonisiert, so werden die eher persönlichen Gedanken von einer einzelnen oder auch von zwei Stimmgruppen im für Howells typischen, flexiblen und - in diesem Zusam-menhang - düsteren Kontrapunkt umgesetzt.

Man unterscheidet beim Psalter eine Reihe von unterschiedlichen Typen: Hymnen oder Loblieder, Danklieder, Klagelieder des Einzelnen und Klagelieder des Volkes, um nur einige zu nennen. Und obschon es sich um poetische Texte handelt, unterliegen sie aufgrund ihres hebräischen Ursprungs weder einem festen Versmaß noch einem bestimmten Reimschema. Gleichwohl gibt es sehr auffällige parallele Strukturen innerhalb der Verse. Nehmen wir Psalm 121: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: / Woher kommt mir Hilfe? “. Oder auch den Beginn von Psalm 130, einem Klagelied: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir: / Herr, höre meine Stimme! “. Die große Flexibilität der Psalmtexte ist dabei sowohl ein Teil ihrer Schönheit als auch ein Problem, wenn es um ihre Vertonung geht. In der mittelalterlichen Kirche wurden diese Psalmverse zu bestimmten musikalischen Modellen gesungen - ­eine kurze eröffnende Floskel, gefolgt von einer ausgiebigen Rezitation, in der beliebig viele Worte auf einem einzigen Ton untergebracht werden konnten, sodann eine Schlußtloskel. Die Gesänge der anglikanischen Kirche sind im Grunde genommen eine kunstvolle Weiterführung dieser Methode zu vierstimmiger Harmonisierung. So überrascht es kaum, daß annähernd alle der auf dieser Aufnahme versammelten Komponisten eine enge Bindung zur anglikanischen Kirche hatten, sei es innerhalb der Tradition der Kathedralen oder der College-Kapellen von Oxford oder Cambridge.

Henry Lawes, der früheste der hier aufgenommenen Komponisten, war ein Gentleman der Chapel Royal Charles I. und der Widmungsträger eines Sonetts von Milton. Da heißt es dann in poetischer Übersteigerung:

Harry, whose tuneful and well-measured song

First taught our English music how to span

Words with just note and accent…

(Zu Deutsch etwa: Harry, dessen melodiöses, wohlgeformtes Lied / unsere englische Musik erstmals lehrte / Worte nur mit Noten und Tönen auszudrucken).

Hier hat er den 8. Psalm in Töne gefaßt. Das frühe 19. Jahrhundert wird von Thomas Atwood Walmisley und dessen Vertonung des freudevollen 148. Psalms vertreten. Dem 1814 geborenen Walmisley wurde die Ehre zuteil, zur seIben Zeit nicht allein gleich drei Orgelstellen an verschiedenen Colleges in Cambridge zu bekleiden, sondern zudem in gleicher Stellung an der University Church zu dienen. Noch erstaunlicher war vielleicht, daß er schon als Student zum Professor für Musik berufen wurde.

Im 19. Jahrhundert sprach man von England auch als dem „Land ohne Musik“ (ein Wort, das freilich nicht von einem Engländer stammt). Ob an diesem Verdikt nun etwas dran war oder nicht: einen Wandel läuteten die beiden „Überväter“ der englischen Musik, Parry und Stanford, ein, die in späteren Jahren dann auch die Musikerziehung in England maßgeblich bestimmen sollten: Parry als Professor in Oxford, Stanford in Cambridge. Beide sind hier jeweils mit einem Satz vertreten: Parry mit seiner ruhigen Vertonung des 84. Psalms, Stanford mit seinem Satz des 150. Psalms, des Hymnus' schlechthin: „Lobet Gott in seinem Heiligtum“.

Charles Hylton Stewart wirkte nacheinander als Organist an den Kathedralen von Rochester, Chester, der St. George's Chapel in Schloß Windsor und hatte als einer der Herausgeber des Oxford Psalter großen Eintluß auf die Aufführungspraxis von Psalmen in Kathedralen und Kirchen. Sein besonderes Talent lag in feinsinnig-maßvollen Sätzen, wofür beispielhaft die beiden Psalmvertonungen dieser Aufnahme stehen mögen. Ist Ivor Atkins, über 50 Jahre lang Organist an der Kathedrale von Worcester, hier mit einem hübschen, traditionellen Satz des 149. Psalms vertreten, so kennt man seinen dortigen Nachfolger, David Wilcocks, eigentlich besser durch seine Arbeit am King's College zu Cambridge. Hüllt er die demütigen Gedanken des 131. Psalms, „Herr, mein Herz ist nicht stolz, / nicht hochmütig blicken meine Augen“, in gemäßigt moderne Harmonien, so beweist Noel Edison sein tiefes Verständnis der Psalmtradition mit seiner eleganten Vertonung des 121. Psalms.

Neben Psalmvertonungen präsentiert diese Auf­nahme auch eine Reihe von Vertonungen der Improperien. Von zentraler Bedeutung sind hier die Worte, die der gekreuzigte Christus an sein undankbares Volk richtet. Sie sind Teil der Karfreitagsliturgie der katholischen Kirche und werden während der Verehrung des Kreuzes vorgetragen. Obschon dies nicht eigentlich Bestandteil des Book of Common Prayer ist, wurde dieser Teil der Liturgie doch von der anglikanischen Kirche adaptiert und bildet mittlerweile in einer Reihe von neueren Büchern eine ganz ähnliche Karfreitagsliturgie. Texte aus dem Alten Testament werden vom sogenannten Trishagion unterbrochen: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher“ sowie den Worten „Mein Volk, was habe ich dir angetan, / oder womit bin ich dir zu Last gefallen? / Antworte mir! “. Die Vertonung von John Sanders, entstanden während seiner Zeit als Organist an der Kathedrale zu Gloucester, verwendet dichte, bewegende Harmonien für die Refrainteile und beläßt die Verse einstimmig und unbegleitet. Die Wirkung ist ebenso zeitlos wie wunderbar mystisch.

Schließlich enthält diese Aufnahme noch eine Lamentation aus den Klageliedern des Jeremias, die Teil der jüdischen Liturgie anläßlich des jährlichen Gedenkens der Zerstörung Jerusalems waren. Die christliche Kirche hat sie mit der Leidensgeschichte Christi in Verbindung gebracht und verwendet sie daher in der Karwoche. Der von Edward Bairstow vertonte Text wurde vom Dean of York Minster als ein „Beitrag zur liturgischen Bereicherung der Fastenzeit und der Karwoche“ eingerichtet. Die Musik Bairstows ist dabei im Grunde genommen eine Psalmvertonung mit mehr als einer Melodie und der Hinzufügung eines Refrains - ­den Worten: „Jerusalem, Jerusalem, kehre dich um zu Gott, deinem Herrn.“

Der überwiegende Teil der Musik dieser Aufnahme zählt zur enggefaßten, bisweilen vielleicht sogar esoterischen Tradition christlicher Anbetung. Hört man die anspruchsvollen, phantasievollen Sätze, so ist man gleichwohl überrascht von ihrer Fähigkeit, auch breitere Hörerschichten zu erreichen. Und dies namentlich in einer Zeit, in der religiöse Musik von Komponisten wie Arvo Pärt, Henryk Górecki oder John Tavener sich einer bemerkenswerten Popularität erfreut. Nun beziehen sich die genannten Komponisten zwar auf überaus unterschiedliche Traditionen, doch der anglikanische Psalmgesang kann im besten Falle einen ganz ähnlichen Grad an ehrfurchtsgebietendem Mystizismus entwickeln wie die Werke dieser New Age Komponisten.

John Mayo

Übersetzung: Matthias Lehmann

Übersetzung der Bibelzitate nach: Neue Jerusalemer Bibel, Freiburg im Breisgau (Herder) 1985


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