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8.554848 - BOLLING: Suites for Flute and Jazz Piano Trio
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Claude Bolling (geb

Claude Bolling (geb. 1930)

Suiten für Flöte und Jazz-Klaviertrio Nr. 1 & 2

 

Nachdem er sich international einen Namen als Jazzmusiker, Klavier-Arrangeur und Dirigent gemacht hatte, komponierte Claude Bolling Filmmusiken und arbeitete mit Brigitte Bardot, Sascha Distel, Juliette Gréco und anderen Vokalsolisten bei Schallplattenaufnahmen zusammen. Später sollte er jedoch mit einigen genialen semi-klassischen ‚Jazz-Essays’ im Crossover-Bereich noch größere Bekanntheit erzielen. Bolling wurde am 10. April 1930 in Cannes geboren und verbrachte den größten Teil seines Lebens in Paris, wo viele und verschiedenartige Einflüsse seine musikalische Entwicklung prägten. Nach einem umfassenden Grundstudium bei der Pianistin, Trompetistin und Schlagzeugerin Marie-Louise ‚Bob’ Colins in Nizza, wo er während der Besatzungszeit lebte, entdeckte er noch in der Schulzeit seine Leidenschaft für den Jazz. Er begeisterte sich für Ragtime und (auf Schallplatten) für die großen frühen Exponenten des Jazzklaviers. Vor allem inspirierte ihn der Stil eines Fats Waller. Bereits 1944 war er auf halb-professioneller Basis in kleineren Ensembles aktiv und 1945 gewann er in Paris einen von Jazz Hot und dem Hot Club de France veranstalteten Amateur-Jazzwettbewerb.

 

Bollings außergewöhnliches Talent und sein Lerneifer sorgten bald für rasche und deutliche Fortschritte. Seine Jugendidole Earl Hines und Willie ‚The Lion’ Smith gehörten zu seinen Privatlehrern, während Erroll Garner ein prominenter ‚Live-Einfluss’ war. 1948 gründete er als Sechzehnjähriger Les Parisiennes, ein Ellington-ähnliches kleines Ensemble, dessen Repertoire zwischen New Orleans Revival, Ragtime und Bebop wechselte. Ende 1948 hatte er bereits Chippie Hill beim Nizza-Festival begleitet und (mit Rex Stewart) seine ersten Schallplattenaufnahmen gemacht. Er realisierte sich jedoch rasch, dass eine professionelle Karriere ein noch größeres technisches Können verlangte, und so nahm er zusätzlichen Unterricht bei Germaine Mounier (klassisches Klavier), Léo Chauliac (Jazzklavier) und Maurice Duruflé (Harmonielehre) sowie beim Pariser Violinisten, Arrangeur, Filmmusikkomponisten und Pionier-Jazzkritiker André Hodeir (geb. 1921). Hinzu kamen Studien in Kontrapunkt und Instrumentierung.

 

Seine seit den frühen 1950er Jahren datierende Zusammenarbeit in Konzerten, bei Festivals und in Aufnahmestudios mit gastierenden amerikanischen Swing-Bop Bands machten Bolling in seiner französischen Heimat und andernorts in Jazz-Kreisen bald zu einer angesehenen Größe. Die Liste der Musiker, mit denen er im Konzert und auf Schallplatte zusammenarbeitete, liest sich wie ein Who is Who des Nachkriegs-Jazz: u.a. Don Byas und Buck Clayton (beide 1951), Roy Eldridge (ab 1950; sie nahmen 1951 für Vogue das Duo-Album Wild Man Blues auf), Paul Gonsalves (Aufnahmen 1964-65) und Lionel Hampton (Aufnahmen 1953 und 1956), Thad Jones, Carmen McRae und Albert Nicholas (1953-55). Bolling, der über viele Jahre hinweg als führender französischer Ragtime- und Boogie-Woogie-Pianist galt, modellierte seinen Klavierstil teilweise an solchen Größen wie Art Tatum und Teddy Wilson. Bewundert von Louis Armstrong („Dein Spiel ist etwas, an das ich mich stets erinnern werde“), wurde er eine Zeitlang auch von Duke Ellington protegiert, einem weiteren Bewunderer seines technischen Könnens und idiomatischen Stilgefühls.

 

Oft als Ellingtons ‚geistiger Sohn’ bezeichnet, nahm er 1959 ein Album zu Ehren dieses großen Jazzmusikers auf (Claude Bolling Plays Duke Ellington). 1964-65 und 1969 tat er sich mit Cat Anderson zusammen (1965 nahmen sie Cat Anderson, Claude Bolling & Co. auf) und 1968 und 1969 spielte er zwei Soloalben ein, Original Boogie Woogie und Original Piano Blues. Ab Ende der 1940er Jahre leitete er kleine Ensembles und stand zwischen 1955 und Mitte der 1990er Jahre mit Unterbrechungen an der Spitze seines vielgepriesenen eigenen Orchesters. Von der Besetzung her eine Big Band und allgemein als Show Bizz Band bezeichnet, gehörten diesem Ensemble Star-Sidemen wie Gérard Badini, Roger Guérin, Claude Tissendier und André Villéger an.

 

Seit den 1960er Jahren war Bolling als Komponist-Arrangeur vielfach für den Film tätig. Am bekanntesten seiner über einhundert Soundtracks für Film und Fernsehen wurde der Gangsterstreifen Borsalino (Alain Delon, Jacques Deray) von 1970. Während der frühen 1970er Jahre, in denen er in stetiger Folge Mainstream-Jazzalben produzierte  – u.a. Original Jazz Classics (1970), Original Piano Greats (1972), Swing Session (1973) und Jazz Party (1974) –, trug seine Crossover-Faszination erste Früchte, ein Interesse, das in einer langen Serie von Werken dokumentiert ist, die sich durch ihre Mischung aus Standardformen und –rhythmen der klassischen Musik und des Jazz auszeichnen. 1975, im Jahr der Suite for Violin and Jazz Piano und des Concerto for Classic Guitar and Jazz Piano, entstand auch die monumentale, barock-inspirierte Suite for Flute and Jazz Piano Trio, uraufgeführt (und anschließend eingespielt) von Bolling und dem Widmungsträger des Werks, dem aus Marseille stammenden Flötisten Jean-Pierre Rampal (1922-2000).

 

Berühmt als authentischer Interpret der Musik des achtzehnten Jahrhunderts und Gründer des Französischen Bläserquintetts (1946) und des Pariser Barockensembles (1952), war Rampal die natürliche Wahl für diese Suite, eine Art  ‚Jazz in barockem Gewand’. Das Stück wurde über Nacht zu einem nahezu uneingeschränkten Erfolg. Obwohl es eigentlich keine totale Innovation darstellte, erkannten die Kritiker sofort die meisterhafte Verschmelzung von Klassik- und Jazz-Idiomen.

 

Bolling und Rampal begeisterten später auch das Publikum der Carnegie Hall mit dieser Suite, und ihre Ersteinspielung für CBS im Jahre 1975 hielt sich beispiellose 530 Wochen in den US-Popcharts (davon 460 Wochen als Nr.1), wurde 1976 und 1977 mit dem Narm Prize ausgezeichnet und mit einer Goldenen und Platin-Schallplatte prämiert. Es gehört weltweit zu den Standardstücken der Konservatorien und ist aus dem Flötenrepertoire nicht mehr wegzudenken. Anschließend komponierte Bolling weitere vom Jazz beeinflusste Semi-Klassiker, vor allem die Suite for Chamber Orchestra and Jazz Piano (1978) für das English Chamber Orchestra und die Toot Suite (1981) für den Trompeter Maurice André sowie weitere speziell für Virtuosen wie Elena Duran, Patrice Fontanarosa, Eric Franceries, Alexandre Lagoya, Marielle Nordmann, Guy Touvron, Yo-Yo Ma und Pinchas Zukerman geschriebene Stücke.

 

Obwohl sich Bolling in letzter Zeit verstärkt seiner kompositorischen Arbeit gewidmet hat, ist er in Abständen auch immer wieder als Interpret erfolgreich gewesen, besonders 1991, als sein in Zusammenarbeit mit Stéphane Grapelli entstandenes Album First Class sowohl den Django d’Or als auch den Prix du HCF erhielt. 1989, 1991 und 1995 unternahm er mit seiner Show Bizz Band Tourneen durch die Vereinigten Staaten und 1995 und 1998 durch Mittelamerika. Seine nie nachlassende Bewunderung für die Musik seines Idols veranlasste ihn zur ersten vollständigen Aufnahme von Ellingtons Black, Brown and Beige (1989) und zur Pariser Aufführung (1996) der Suite A Drum is a Woman. 1994 eröffnete er mit seiner Big Band am Denkmal in Caen eine Reihe von Konzerten aus Anlass des fünfzigsten D-Day-Jahrestages. Bolling ist Träger der Médaille d’Or Maurice Ravel und des Französischen Verdienstordens. Er ist Officier des Arts et des Lettres und Ritter der Ehrenlegion.

 

Peter Dempsey

 

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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