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8.555016 - IRISH RHAPSODY
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Irische Rhapsodie

 

Die irische Musikliteratur enthält viele scheinbar zeitlose Melodien, deren wirklich traditionelle Aspekte für manches Ohr jedoch verwässerter klingen als vor den Tagen der Dubliners und Clancy Brothers. Das moderne, nahezu kultartige Interesse an verschiedenen Formen irischer Musik hält dennoch an. Im Verlaufe des letzten halben Jahrhunderts wurden die überlieferten Grenzen der irischen Musik, besonders des irischen Liedes, sehr weit gefasst, um alles aufzunehmen, was allgemein folkloristisch ist, sei es authentisch oder nicht. In jüngerer Zeit trat an die Stelle vom Country beeinflusster Bearbeitungen das lautere Idiom des Rock. Wenn auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kategorien des irischen Liedes über die Jahre vielleicht undeutlicher geworden sind, so rührt nach Jahrhunderten mit Hungersnöten und Feindseligkeiten Shelleys romantische Vorstellung, dass die lieblichsten Lieder jene seien, „die von traurigsten Gedanken sprechen“, noch immer jedes irische Herz. Alle Liebhaber irischer Musik bleiben empfänglich für eine beschwingte Melodie, besonders wenn sie mit einem passenden gefühlvollen Text verbunden ist.

In den vergangenen Jahrhunderten waren die Genres des irischen Liedes unterscheidbarer, obgleich sie seit Anfang des 19. Jahrhunderts stärker mit der beginnenden Veröffentlichung populärer Musik und der kommerziellen Nutzung der irischen Folksong- Tradition verbunden wurden. Auf akademischer Ebene kann die Entwicklung des irischen Folksongs anhand der Sammlungen und/oder Bearbeitungen von George Petrie (1789-1866), Alfred Perceval Graves (1846-1931), Charles Villiers Stanford (1852-1924), Herbert Hughes (1882-1972) und anderer nachvollzogen werden. In aufführungspraktischer Hinsicht ist der Faden des Folk im Werk des Harfenisten und Sammlers Edward Bunting (1773-1843), des Dichters und Arrangeurs Thomas Moore (1779-1852) sowie des Romanciers, Dramatikers und Folkloristen Samuel Lover (1796-1868) bis zu Percy French (1854-1920) erkennbar. Die drei letzteren waren gleichermaßen Forscher und Entertainer, die in den britischen und amerikanischen Salons ihre eigenen Bearbeitungen des irischen Folkmaterials sangen und spielten. Bis heute haben die Melodien vieler alter irischer Lieder durch Folkgruppen ihren bekannten Klang behalten – die einst vertrauten Texte dagegen sind vielfach bereits dem Vergessen anheim gefallen.

Früher mit Byron befreundet, galt Moore einst als der führende romantische irische Dichter. In Dublin geboren, ist er am Denkmal „The Meeting Of The Waters“ in Avoca, Country Wicklow, verewigt. Von 1807 an veröffentlichte Moore mehrere Folgen Irischer Melodien – traditionelle Melodien zu eigenen Dichtungen, zumeist im sentimentalen Stil von:

Erin, the tear and the smile in thine eyes,
Blend like the rainbow that hangs in the skies;
Shining thro’ sorrow’s stream,
Sadd’ning thro’ pleasure’s beam,
Thy suns, with doubtful gleam
Weep while they rise.

Am bekanntesten von Moores vielen traurigen „Melodien“ ist The Last Rose Of Summer von 1813. Percy Scholes zufolge ist Moores Melodie ein Adaption von The Groves Of Blarney (von R. A. Millikin, ca. 1790) und diese wiederum von dem früheren Castle Hyde entlehnt. Die Worte sind indessen reiner Moore und gehören zu seinen ergreifendsten: Tis the last rose of summer left blooming alone / All her lovely companions are faded and gone. Zunächst vom Liedermacher Moore selbst herausgebracht, wurde das Lied später eine beliebte Zugabe von Koloratursopranistinnen wie Adelina Patti (1843-1919) oder Amelita Galli-Curci (1882-1963).

Im amerikanischen Musical-Theater des späten 19. Jahrhunderts war der in Dublin geborene Victor Herbert (1859-1924) führend. Liebling eines großen und hingebungsvollen Publikums, war dieser berühmte Enkel von Samuel Lover gleichsam ein Prototyp des amerikanisierten Iren. Nach einer Ausbildung in Stuttgart und Wien war er ein beachteter Cellist, bevor er 1894 am Broadway seine erste Operette produzierte – die erste von mehr als vierzig. Später stand Herbert einem bekannten Salonorchester vor. Die eingängigen Melodien seiner Vokalwerke und Orchestersuiten – darunter einige unpublizierte – haben noch immer ihren Reiz; die bekanntesten sind Irish Rhapsody (1892) und Columbus (1903). The Irish Have A Great Day Tonight erklang zuerst in seiner vom Pech verfolgten Broadway- Operette Eileen (1917; 64 Aufführungen). Die Show wurde ursprünglich als Hearts of Erin geprobt, fiel dann jedoch einem Feuer in einem Theater in Toronto zum Opfer – ein Akt von Brandstiftung wegen seiner anti-englischen Haltung, wie Herbert später behauptete.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eröffneten zunächst das Grammophon und später das Radio der Entwicklung des irischen Liedes neue Dimensionen. Es sorgte seither bei den Schallplattengesellschaften für beachtliche Einnahmen, besonders in den Vereinigten Staaten, wo irischen Immigranten der zweiten, dritten, vierten oder gar fünften Generation nostalgische Erinnerungen an die alte Heimat in Liedform – wie verschwommen auch immer – stets willkommen waren. Der schottischirische Tenor John McCormick (1884-1945) war im transatlantischen Sinne in mancherlei Hinsicht der Initiator dieses anhaltenden Trends – der berühmteste irische Sänger seiner Generation und ein energischer Promoter alles Irischen. Geboren in Athlone, verfolgte McCormack nach 1910 eine große Karriere als Liedsänger in den USA, wo seine regelmäßigen Konzertreisen – besonders nachdem er die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte – geradezu Massen anzogen. Zuvor war er von 1907 an bereits Star in London, an Covent Garden und in den Boosey and Chappell Ballad Concerts gewesen. In Recitals in ganz Amerika und Europa ließ er den einschlägigen klassischen Arien und Liedern stets das folgen, was er „die herrlichen irischen Folksongs, welche die Jahrhunderte wegen ihrer unsterblichen Wirkung auf das Herz der Menschen überlebt haben“, nannte.

So schön und anziehend McCormacks Programme auch gewesen sein mögen, nur ein Teil waren Folksongs im engeren Sinne; gleichwohl enthält die Hinterlassenschaft des Tenors auf Schallplatten manch denkwürdige, um nicht zu sagen maßgebliche Interpretation des traditionellen und Bühnen-Irischen, darunter The Wearing of the Green – ein patriotisches irisches Straßenlied, dessen Worte, beginnend Oh Paddy, dear, and did you hear the news that’s goin’ round / The shamrock is by law forbid to grow on irish ground, von 1797 stammen – und Moores schwungvolles Minstrel Boy (aus Irish Melodies, 1813). In Recitals wie auch auf der Schallplatte verwöhnte er sein Publikum mit einst so abgedroschenen „irischen“ Tin Pan Alley/Broadway-Bestsellern wie My Wild Irish Rose und When Irish Eyes Are Smiling. Geschrieben und herausgebracht von dem in Buffalo geborenen Tenor Chauncey Olcott (1858-1932) zusammen mit dem Komponisten Ernest R. Ball (1878-1927) aus Cleveland, Ohio, erschienen diese Lieder erstmals in The Romance Of Athlone (1899) bzw. The Isle Of Dreams (1912).

Der unauslöschliche Funke des irischen Folksongs hat irische und nicht-irische Komponisten gleichermaßen inspiriert. So gab es seit dem späten 19. Jahrhundert zahlreiche Vertonungen des Londonderry Air. Erstmals als Air in Petries Sammlung von 1855 gedruckt, stammen die frühesten Worte – Would I were Erin’s apple blossom o’er you’ – von Perceval Graves. Die Melodie ist durch die Vertonung des englischen Rechtsanwalts, Lyrikers und Songwriters Frederic E. Weatherley (1948-1929) und als Irish Tune from County Derry (bearbeitet 1902, erstmals publiziert als Klavierstück 1911) des australischen Pianisten und Komponisten Percy Grainger (1882-1961) noch immer weltbekannt. Die „irischen“ Melodien des amerikanischen Tin Pan Alley sind hier auch vertreten durch das Old Fashioned Sing-Along-Medley aus Melodien des auf Rhode Island geborenen Komponisten, Schriftstellers, Schauspielers, Regisseurs und Produzenten George Michael Cohan (1878-1942), während Macnamara’s Band, ein Liedchen von 1917 mit Musik von Shamus O’Connor und Worten von John J. Stamford, vom englischen Gegenstück kommt. Der vormalige Vaudeville-Künstler Cohan schrieb eine Reihe heute vergessener Broadway-Shows, darunter Little Johnny Jones (1904 – Give my regards to Broadway und Yankee Doodle Boy), Forty-Five Minutes from Broadway (1906 – You’re a Grand Old Flag) und Fifty Miles from Boston (1908 – Harrigan).

In jüngerer Zeit hat der Doyen der amerikanischen Light Music, Leroy Anderson (1908-1975), eine Irish Suite geschrieben. Publiziert in Form zweier Suiten für Orchester 1947 und 1949, enthält sie sechs der bekanntesten irischen Melodien: The Irish Washerwoman, The Minstrel Boy und The Rakes Of Mallow (erstes Triptychon, 1947) sowie The Wearing of the Green, The Last Rose Of Summer und The Girl I Left Behind Me (zweites Triptychon, 1949). Letztgenannte hat eine interessante und vielgestaltige Geschichte. Aus dem 18. Jahrhundert stammend – oder sogar älter – und mit Worten ursprünglich für das schottische Air Brighton Camp, wurde die Melodie erstmals von der britischen Armee adaptiert. In der mündlichen Tradition der Vereinigten Staaten seit der Revolution fand sie Eingang in Moores Irish Melodies als As Slow Our Ship Her Foamy Track; später, während des Bürgerkriegs, wurde es für den Gebrauch sowohl der Nord- als auch der Südstaatler publiziert als The Dames Of France Are Fond and Free.

Peter Dempsey
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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