About this Recording
8.555017 - Remembering Duke Ellington
English  German 

Zur Erinnerung an Duke Ellington

„Er hielt Schritt mit allen Einflüssen der Zeit, vom Blues zum Bebop und den Modernen, und verwandelte ihre Sprache in seine eigene…“

Alistair Cooke

Während des größten Teils seiner illustren Karriere war Duke Ellington einer der bedeutendsten Jazz- Protagonisten. Seine Aufnahmen, die zwischen 1923 und 1973 entstanden, trugen dazu bei, die Evolution einer ganzen Musikgattung zu dokumentieren. In die Geschichte des Jazz als reiner Musik ist er als eine Institution eingegangen – als eine monumentale Persönlichkeit, die man nie vergessen wird. Bereits Anfang der 1930er Jahre hatte sich „Duke“, wie er sich schon früh nannte, als führender Bandleader etabliert und wurde als Arrangeur und Komponist gefeiert. Wahrscheinlich hätte er damals lieber den kreativeren Weg des „ernsten” Jazz (etwa mit Suiten u.ä.) eingeschlagen. Aber der Siegeszug des Swing, der 1935 nach Benny Goodmans Durchbruch einsetzte, bedeutete, dass sich das Ellington-Orchester, ungeachtet seiner großen Ensemblequalitäten, fast über Nacht einer wachsenden Legion von Orchestern anschloss, die Kapital aus der neuen Bigband-Rage zu schlagen versuchten. Eine Kombination von Faktoren, persönlichen wie kommerziellen, zwang Ellington ab 1936 zu einem stärker am Markt orientierten Idiom. Stets bereit, sich anzupassen, spiegelte er die musikalischen Trends der Zeit wider und ahnte neue Richtungen nicht selten sogar voraus. Dieser Fähigkeit verdanken wir viele der auf dieser CD dokumentierten Standards.

Geboren am 29. April 1899 in Washington D.C. als Sohn eines im Weißen Haus angestellten Butlers, wuchs Edward Kennedy Ellington in wohlgeordneten Verhältnissen auf. Er erhielt seinen ersten Klavierunterricht im Alter von sieben Jahren, lernte Harmonie und komponierte bald die ersten Stücke auf seinem Instrument. Als junger Teenager zog es ihn oft ins Howard Theater, wo er die „Tastenakrobatik” eines Lucky Roberts und anderer Post-Ragtime-Größen bewunderte.

Der Vater hatte sein außergewöhnliches Zeichentalent erkannt und hoffte – vergeblich –, dass sein Sohn das Klavierspiel nur als Hobby betreiben und einen Beruf als Graphiker ergreifen würde. 1917 verließ Duke die Kunstgewerbeschule und machte sich kurzfristig als Schilderdesigner selbständig, doch noch im selben Jahr gab er sein Solo-Klavierdebüt und jobte bald mit Louis Thomas’ Band in Gesellschaftslokalen. 1918 gründete er das Trio Duke’s Serenaders, mit dem er in Washingtoner Etablissements für „auserwählte Stammkunden“ gepflegten Jazz spielte. 1922 ging er nach New York, wo er aus nächster Nähe die Fingerfertigkeit eines James P. Johnson und Willie ‚The Lion’ Smith beobachten konnte.

Ende 1923 gründete Ellington zusammen mit seinem Trio-Kollegen Elmer Snowden (1900-1973) die Washingtonians und schrieb die Musik zur Revue Chocolate Kiddies. In den späten 1920er Jahren genoss seine ausschließlich aus schwarzen Musikern bestehende Combo den Ruf einer Society-Band par excellence. Man trat in Clubs auf, die ausschließlich von Weißen frequentiert wurden. Durch seine Auftritte in New York (u.a. im Kentucky Club an der 49. Straße und Broadway) sowie durch Rundfundsendungen, die eine größere Hörerschaft erreichten, gelang es ihm, sich das steigende Interesse des Publikums an Tanzmusik zu Nutze zu machen, ohne sein eigenes Markenzeichen des „Jungle-style“ Hot Jazz aufzugeben. Gegen Ende 1927 begann er sein erstes, fünfjähriges Engagement im Cotton Club. Mit einer Reihe von großartigen Jazz- Kreationen wie East St. Louis Toodle-Oo (1926), Black And Tan Fantasy und Creole Love Call (beide 1927), The Mooche (1928) und besonders mit dem Bestseller Mood Indigo (1930) festigte er seinen Ruf.

Als „Harlems Jazz-Aristokrat“ den Cotton Club verließ, um Anfang 1931 zu einer US-Tournee aufzubrechen, hatte er nicht nur den Tanzmarkt mit Musik versorgt: er war auch eine Spitzenattraktion der Konzertszene. Mit Honoraren, die sich hinter den besten sinfonischen Gehältern nicht zu verstecken brauchten, spielte das Ellington-Orchester an die 50 000 Dollar pro Woche ein, und während man alle bisherigen Kassenrekorde brach, bot man dem ernsthafteren Hörer Instrumentalessays an, mit denen Duke dem Jazz endgültig die langverdiente Würde zu verschaffen hoffte.

1930 begann Ellingtons schöpferischste Phase mit Kompositionen wie Rockin’ In Rhythm (1930), Creole Rhapsody (1931) und It Don’t Mean A Thing (1932). Rückblickend waren sie die Vorboten der Swing-Ära. Ende 1933 kehrte er noch einmal (allerdings nur kurz) in den sicheren Hafen des Cotton Club zurück, nachdem er mit seiner inzwischen auf sechs Blechbläser, vier Holzbläser und eine vierköpfige Rhythmusgruppe angewachsenen Band Amerika von Küste zu Küste bereist und Europa im Sturm genommen hatte. Bereits 1934 verkauften sich zahlreiche Ellington-Titel der „Drei-Minuten Popkategorie“ fast so gut wie gewisse „Non-Dance”-Nummern, die man akkuraterweise als Stimmungsmusik klassifiziert. Ab 1934 tendierten Dukes Erfolge auf Schellack-Platten deutlicher in Richtung Kommerz – wobei Versionen von Cocktails For Two und Moon Glow sowie die erste von verschiedenen eingespielten Fassungen seiner eigenen Titel Sophisticated Lady (1932, in Zusammenarbeit mit Otto Hardwick) und Solitude (1934) Bestseller waren. Einige eher esoterische Jazz-Tongemälde aus Ellingtons Feder führten zu John Hammonds Kritik (im Musikmagazin Downbeat), dass seine jüngsten Aufnahmen „kaum etwas von der vertrauten Ellington- Aufrichtigkeit und Originalität besitzen”, während er gleichzeitig die Fans aufforderte, die Läden zu stürmen und „alle zu kaufen” – trotz allem.

Geld zu verdienen und gleichzeitig der Sache des Jazz und seinem eigenen Nimbus gerecht zu werden, stellte sich schon bald als Problem heraus, das Ellington zum Teil durch publikumswirksameres Auftreten löste, denn er wusste, dass er nicht nur modischen Swing produzierte, sondern dass sein Team auch aus überdurchschnittlich talentierten Virtuosen bestand. Im März 1937 kehrte er erneut in den Cotton Club zurück (in der Revue Cotton Club Parade mit Ethel Waters), im Juli waren Noten- und Plattenverkäufe von Caravan Bestseller in Amerika, und im September überzeugte er die Fans mit seinen Aufnahmen von Diminuendo In Blue und Crescendo in Blue, dass er nichts von seiner innovativen Tonmalerei-Kunst eingebüßt hatte.

Während desselben Jahres erkannte eine größere Hörerschaft, dass Duke au fait mit dem Swing war und dass er es mit Tanzorchestern aufnehmen konnte, als er in dem Werbefilm Hit Parade auftrat. Um diese Zeit nahm er eine weitere Serie von Plattenbestsellern mit eigenen Kompositionen auf. In den folgenden Jahrzehnten von Orchestern und Solovokalisten in aller Welt immer wieder neu aufgenommen, erreichten diese Titel, von denen einige ursprünglich Instrumentalnummern waren, die erst später mit Texten unterlegt wurden, Kultstatus. Den Anfang machte 1938 I Let A Song Go Out Of My Heart (eine Nummer, die laut Rex Stewart zumindest teilweise von Johnny Hodges stammte, obwohl offiziell Irving Mills und Henry Nemo als Co-Autoren angegeben wurden.)

Ab 1940 (als die US-Popcharts, wie wir sie heute kennen, zum verbindlichen Verkaufsmaßstab wurden) erlangten verschiedene Ellington-Kompositionen internationale Bekanntheit durch Dukes eigene Hitfassungen für die US-Charts, vor allem I Got It Bad And That Ain’t Good (1941 die Nummer 13 der Charts), Don’t Get Around Much Anymore (komponiert 1942; 1943 an Nr. 8 geführt), Take The ‘A’ Train (komponiert 1941; 1943 die Nr. 19 der Hitliste), Do Nothing Till You Hear From Me (1944 an 10. Stelle), I’m Beginning To See The Light (1944 mit Harry James co-produziert; 1945 an Nr. 6 geführt) und Satin Doll (1953 die Nummer 27), während weniger bekannte Stücke wie Alcibiades (aus der Bühnenmusik, die Ellington 1963 für das Shakespeare-Festival in Stratford (Ontario) schrieb, eher seine sinfonischen Jazz-Neigungen unterstreichen.

Heute, mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod in New York am 24. Mai 1974, hat Ellingtons Musik nichts von ihrer Popularität eingebüsst. Um noch einmal den kürzlich verstorbenen Journalisten Alistair Cooke (der selbst ein glühender Verehrer des großen Musikers war) zu zitieren: „Bands kommen und Bands gehen, aber Duke bleibt für immer.”

Peter Dempsey Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window