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8.555026 - VIVA ESPANA AND MEXICO
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Viva España und Mexiko!

Das in letzter Zeit wiedererwachte Interesse an lateinamerikanischer Tanzmusik wie Rumba, Samba, Mambo-Salsa und anderen neo-afrikanischen Varianten hat seine Wurzeln in den 1920er Jahren oder sogar noch früher. Während der ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts gelangten der argentinische Tango und seine Habanera-Mischformen in ganz Europa zu großer Popularität, und in den Dreißigerjahren begannen die Schallplattenfirmen und Rundfunksender auch die Tanzrhythmen anderer lateinamerikanischer Länder wie Brasilien, Mexiko oder Kuba für kommerzielle Zwecke zu nutzen. Parallel dazu erlebten die Vereinigten Staaten unter dem Sammelbegriff „commercial dance“ vergleichbare Evolutionsprozesse. Bereits Anfang der Zwanzigerjahre hatte es hervorragende lateinamerikanische Musiker nach Europa verschlagen, u.a. die Kubaner Ernesto Lecuona (1896–1963) und Don Marino Barreto (1909–1997). In London setzten Lecuona und seine Cuban Boys 1934 bei ihrem ersten Auftritt Maßstäbe; später machte sich dort auch Barreto einen Namen, gefolgt von dem 1910 in Trinidad geborenen, schottisch-venezolanischen Edmondo Ros, dem Schotten Roberto Inglez (alias Robert Inglis, 1919–1978) und anderen. Das eigentliche Zentrum dieser Bewegung war jedoch Paris.

Wie bei anderen musikalischen Genres, die sich mehr oder weniger aus Elementen des Volkstanzes entwickelt haben, ist es auch bei der lateinamerikanischen Musik schwierig, Original von Fälschung, Authentizität von Nachahmung, echte Tradition von kommerziellem Plagiat à la Tin Pan Alley zu unterscheiden. Letzterer Kategorie lässt sich zweifellos Chiquita Banana zuordnen, eine aus dem Jahr 1938 stammende Schöpfung von Len Mackenzie, Garth Montgomery und Bandleader Bill Wirges (von Maxwell-Wirges Publications, New York). Und die 1932 im New Yorker Musikalienverlag Peer International Corp. erschienene Ballade Granada, von so unterschiedlichen Vokalisten wie Mario Lanza und Claudio Villa interpretiert, verleugnet bei aller publikumswirksamen Heroik ihre wahren mexikanischen Ursprünge. Der Komponist dieser Erfolgsnummer, Agustín Lara (1900–1970), geboren in Tlacotalpán, verbrachte den größten Teil seines Berufslebens in Mexico-City. Als musikalischer Autodidakt verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Auftritten in mexikanischen Bordellen und Mondscheinkneipen. Dort soll ihn das Erlebnis eines Handgemenges mit einer Frau, in dem er mit dem Messer im Gesicht verletzt wurde, angeblich zu der „Lobeshymne auf die Frauen“ Morucha inspiriert haben. Zu seinen weiteren Erfolgen zählten Rosa, Tus pupilas, Gotas de amor und allen voran Mujer.

La raspa geht auf den frühen Flamenco El raspao zurück, während der Mexican Hat Dance unter seinem ursprünglichen Titel Jarabe tapatío von einem arabischen Rhythmus abgeleitet ist, der seine Wurzeln in Guadalajara hat. El raspao soll erstmals 1790 im Coliseo in Mexico-City getanzt worden sein. Die erste urheberrechtlich geschützte mexikanische Ausgabe datiert von 1919; weithin bekannt wurde das Stück nach der New Yorker Wiederveröffentlichung von 1933 in der Bearbeitung von F.A. Partichela. Die früheste bekannte Druckfassung von Cielito lindo stammt aus dem Jahr 1919; mit seinem altehrwürdigen Refrain Ay, ay, ay, ay, canta y no llores ruft das Stück, für das weder Komponist noch Textautor vermerkt sind, gewisse folkloristische Assoziationen hervor. Der Musikwissenschaftler Otto Meyer-Serra erwähnt in diesem Kontext Querino Mendoza y Cortez, der 1929 seinen Copyright-Anspruch geltend machte. Andere, unspezifizierte Quellen datieren zumindest die Melodie auf die 1830er Jahre zurück.

Obwohl La Cucaracha (wörtlich: Küchenschabe) verschiedentlich als mexikanisches Volkslied bezeichnet wird, ist das Stück ca. 1885 oder bereits früher entstanden. Zusammen mit La Valentina gehörte es zu den Revolutionsliedern von 1914–15, die 1916 in Mexico-City gleichzeitig im Druck erschienen. Der Titel bezieht sich auf die mexikanische Revolutionärin „La Cucaracha“. Das Stück diente unter dem Titel „Foxtrott von Hawley Ades, mit amerikanischer Adaptation von Juan Y. D’Lorah“, als Titelmelodie des 1934 bei MGM erschienenen Films Viva Villa (Selznick/Hawks); die Handlung basiert auf dem Leben des Revolutionärs Pancho Villa, im Film gespielt von Wallace Beery. Im selben Jahr kam eine weitere Vokalfassung (mit einem Text von Stanley Adams) bei Edward B. Marks & Co. heraus, und 1935 veröffentlichte M.M. Cole Publishing in Chicago die erste von vielen späteren Bearbeitungen (Text von Carl Field).

Obwohl heutzutage vermutlich besser bekannt durch den Text des Solomon-King-Updates She Wears My Ring von 1960, war La golondrina in der Originalfassung ein geniales Exillied, ein stilistisches Pendant zu dem einige Jahre später komponierten Hit La paloma. Der Komponist war Narciso Serradell (1843–1910) aus Alvarado unweit der mexikanischen Stadt Vera Cruz. Er schrieb das Stück für einen 1862 veranstalteten Musikwettbewerb. Wegen revolutionärer Aktivitäten zeitweilig in Gefängnishaft, veröffentlichte er es – mit eigenem französischem Text – erst während seiner Jahre im französischen Exil. Später kam es in der spanischen Übersetzung von Francisco Martínez de la Sierra heraus. Heutigen Hörern zumeist durch die Pop- Revivals von Ricky Valance, Los Paraguayos und anderen bekannt geworden, ist La bamba (wörtlich ‚schwarze’, d.h. afro-karibische Frau) vermutlich das berühmteste aller Huapangos aus der zentralen Bajound Golfküstenregion des östlichen Mexiko, die – ursprünglich für Gitarren, Harfen und Schlagzeug – am überzeugendsten in der Gegend von Vera Cruz gespielt werden.

In dieser Auswahl darf natürlich auch der in Guanabacoa auf Kuba geborene Ernesto Lecuona nicht fehlen. Er war ein hervorragender Pianist und Komponist, dessen Arbeiten für das leichtere Genre von Film und Rundfunk seine wahre Größe zuweilen in den Hintergrund treten ließen. Bereits im Alter von fünf Jahren gab er sein erstes Recital, veröffentlichte als Elfjähriger erste Kompositionen und bestand mit siebzehn in Havanna sein Examen am Nationalkonservatorium mit einem 1. Preis nebst Goldmedaille. Sein pianistisches Solodebüt mit eigenen Kompositionen in der New Yorker Aeolian Hall im Jahr 1934 markierte den Beginn einer erfolgreichen Karriere als Recitalist. Daneben setzte er seine Kompositionsstudien bei Joaquín Nin und – während der frühen 1920er Jahre – bei Maurice Ravel in Frankreich fort. Am Ende des Jahrzehnts hatte ihn jedoch der populäre Musikmarkt fest im Griff: In dem berühmten Outfit der Cuban Boys – abwechselnd Frack und Gaucho-Kleidung – trat er auf Tourneen in Europa, Lateinamerika und den Vereinigten Staaten auf.

Der größte Teil von Lecuonas schätzungsweise vierhundert Kompositionen enthält „‚weiße’ Bauernund afro-kubanische Rhythmen“, von denen Malagueña (erschienen 1929 als Klaviersolo bei Edward B. Marks Music Co., New York), sein erster internationaler Gesangs-Hit Siboney (1929; komponiert als „Hommage an die Indianer der Karibik“) und La Comparsa (1934) zu den bekanntesten gehören.

Peter Dempsey
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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