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8.555064 - QUANTZ: Flute Sonatas
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Johann Joachim Quantz (1697-1773)

Johann Joachim Quantz (1697-1773)

Flötensonaten

Johann Joachim Quantz war der bedeutendste Flötenvirtuose des achtzehnten Jahrhunderts. Heute in erster Linie in Erinnerung geblieben als Autor einer Flötenschule (Versuch einer Anweisung, die Flöte traversiere zu spielen, Berlin, 1752), komponierte er an die zweihundert Sonaten für Flöte und Continuo, ca. vierzig Triosonaten für zwei Instrumente und Continuo und nicht weniger als dreihundert Konzerte für Flöte und Streicher. Viele dieser Werke entstanden für Friedrich II. (d. Großen), der selbst ein vorzüglicher Flötist und Komponist war. Quantz, der den Kronprinzen Friedrich unterrichtet hatte, diente dem späteren König als Hofmusiker von 1741 bis zu seinem Tode im Jahre 1773. Die acht erhaltenen, von Quantz entwickelten Instrumente entstanden aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls für den Preußenkönig.

Bevor er nach Berlin kam, hatte Quantz am Sächsischen Hof in Dresden gewirkt, wo er ab 1718 zunächst als Mitglied der Polnischen Kapelle Augusts II. — der Kurfürst von Sachsen war ebenfalls König von Polen — und ab 1728 in der elitären Hofkapelle angestellt war. Dort entwickelte er seinen persönlichen Instrumentalstil und nahm eine grundlegende Verbesserung am Flötenbau vor, nämlich die Hinzufügung einer zweiten Klappe, wodurch es im Gegensatz zur einklappigen Querflöte erheblich leichter war, in einer breiten Mannigfaltigkeit von Tonarten zu spielen. Später erweiterte er das Instrument im Kopfstück um den bei Querflöten älterer Bauart noch heute erhaltenen sog. „Stimmzug", der die Stimmung des Instruments erleichterte. Der hervorragende Klang der Quantzschen Flöten, der ideale Ton, den er selbst als „dick, rund und männlich" beschrieb, sollte das Stimmtimbre der im frühen achtzehnten Jahrhundert in Dresden gefeierten italienischen Gesangsvirtuosen widerspiegeln. Dieser spezifische Klang des Instruments, noch verstärkt durch den von Quantz bevorzugten tiefen französischen Kammerton, verlieh seiner Musik eine ungewöhnlicher Wärme und Ausdruckskraft.

Die vorliegende Veröffentlichung ist die Erstaufnahme von sechs seiner Dresdener Solo- und Triosonaten, gespielt auf exakten Nachbildungen der von Quantz entwickelten Flöten und in Übereinstimmung mit der in seinem Versuch dargestellten Methode. Für den improvisierten Continuopart wurden sowohl ein Fortepiano als auch ein Cembalo verwendet — beide Instrumente waren in Dresden und Berlin in der Aufführungspraxis gebräuchlich.

Der englische Musikschriftsteller Charles Burney hat einen interessanten Bericht über eine der privaten Flötenkonzertveranstaltungen Friedrichs II. verfasst, bei denen ausschließlich Werke von Quantz und vom König selbst auf dem Programm standen und bei denen nur Quantz das Privileg genoss, das Spiel seines Schülers und Dienstherrn zu loben (bzw. zu kritisieren). Burneys Bericht beschreibt Quantz als einen Komponisten von eher geringer Bedeutung, dessen Musik sich auf einen konservativen, vorklassischen oder „galanten" Stil beschränke. Die hier vorgestellten Dresdener Sonaten beweisen jedoch, dass seine Kompositionen nicht nur, wie Burney lobend feststellte, aus geschmeidigen Melodien und virtuosem Passagenwerk bestehen, sondern eine größere Vielfalt besitzen, einschließlich barocker Fugen und Tänze, expressiver Chromatik und selbst Opernrezitativ-Imitationen. Die erstgenannten Qualitäten, inspiriert von den Konzerten Vivaldis und den Opernarien Johann Adolf Hasses, dem mit Quantz befreundeten führenden Opernkomponisten Dresdens, besaßen während der 1720er und 30er Jahre genügend Anziehungskraft, um nicht nur Quantz, sondern auch einen Johann Sebastian Bach zu inspirieren, dessen spätere Flötenwerke darauf hindeuten, dass sie in Kenntnis von Quantz’ Musik und für dessen Instrumente geschrieben wurden.

Obwohl eine genaue Datierung dieser zu Lebzeiten des Komponisten unveröffentlichten Werke unmöglich ist, könnte es sich bei der Sonate g-Moll QV 1:116 um die früheste Komposition handeln. Sie ist eine von zwanzig in einem Manuskript enthaltenen Sonaten, das sich heute in Berlin befindet. Die vermutlich um 1720 entstandenen Stücke zeigen den jugendlichen Komponisten beim Ausprobieren verschiedener Stile, Genres und Tonarten. Die Sonate beginnt mit einem ariosen Satz, dem sich eine strenge Doppelfuge anschließt. Der folgende Satz, eine offenkundige Imitation des italienischen Rezitativs, wenngleich nicht als solches bezeichnet, stellt ein Menuett im französischen Stil in der Form eines Rondeaus vor. Bei der Sonate C-Dur QV 1:9 dürfte es sich um ein etwas späteres Werk handeln. Dem an Händel gemahnenden Eröffnungssatz folgt ein Allegro, das anscheinend von einer Arie aus Hasses Oper Cleofide inspiriert wurde, die 1731 in Dresden uraufgeführt wurde.

Die beiden Triosonaten dürften relativ früh entstanden sein (nach seinem Weggang aus Dresden schrieb Quantz keine derartigen Werke mehr). Die Triosonate Es-Dur spiegelt die in Dresden praktizierte Verwendung der Flöte in Tonarten, die normalerweise nicht mit diesem Instrument assoziiert wurden. Aus technischen Gründen produziert die Flöte in dieser Tonart den typisch verschleierten, gedämpften Klang und bildet damit einen starken Kontrast zur Helligkeit der Triosonate D-Dur. Dort ist vor allem das Eröffnungsthema bemerkenswert: es ist eine genaue Umkehrung einer mehrfach von Händel verwendeten Melodie, der Dresden 1719 besuchte (Quantz erwiderte den Besuch 1727 in London). Die schnellen Sätze des D-Dur-Trios enthalten Solopassagen für jede der beiden Flöten und erinnern damit an die in Dresden in dieser Zeit populäre Konzertform. Das Werk ist insofern von besonderem Interesse, als Ausschnitte in einer Manuskriptsammlung von Übungen, sog. Solfgeggi, erhalten sind, die Quantz vermutlich später für seine Berliner Schüler kompilierte. Annotationen in diesen Solfeggien geben Empfehlungen bezüglich Ornamentierung und Artikulation; sie wurden in dieser Einspielung berücksichtigt.

Die Sonate D-Dur QV 1:42 ähnelt ebenfalls einem Konzert, nicht nur in ihrem vorherrschend virtuosen Charakter, sondern auch in ihrer Satzfolge schnell-langsam schnell. Zusammen mit fünf anderen derartigen Solosonaten könnte sie Teil einer Sammlung gewesen sein, die Quantz kurz vor Beginn seiner Berliner Amtszeit für Friedrich II. schrieb. Indem ihnen der noch in den früheren Sonaten bevorzugte erste langsame Satz fehlt, erhalten diese Werke oberflächlich gesehen eine Form, wie sie zur Norm für die meisten späteren Sonaten des achtzehnten Jahrhunderts werden sollte. Sie unterscheiden sich jedoch durch die durchkomponierte Struktur des ersten Satzes, wodurch sie eher typisch für das zeitgenössische Konzert oder die Sinfonie sind. Besonders auffällig an der Sonate ist der hochexpressive zweite Satz, der mit einer Dissonanz außerhalb der Haupttonart beginnt — eine Technik, die wir eher mit dem Berliner Hofcembalisten Carl Philipp Emanuel Bach assoziieren, der sich dieses und andere Ausdrucksmittel von seinem älteren Kollegen abgeschaut haben mag.

In Quantz Berliner Sonaten fehlt gewöhnlich der zweite langsame Satz, was in einem Schema langsam-schnell-schnell (oder langsam-schnell-gemäßigt) resultiert. So besaß die Sonate g-Moll QV 1:128, vermutlich eine relativ frühe Dresdener Arbeit, ursprünglich einen zweiten langsamen Satz, den Quantz für die Aufführung in Berlin tilgte. Dennoch muss er dieses Werk in seinem Repertoire behalten haben, erwähnt er doch in seinem Versuch eine besonders schwierige Passage aus dem zweiten Satz.

Mit seinen Werken, die gegenwärtig nur noch selten erklingen, etablierte sich Quantz’ als der größte Flötenkomponist des achtzehnten Jahrhunderts. Besonders wenn sie auf von ihm selbst entwickelten Instrumenten und gemäß seiner eigenen aufführungspraktischen Anweisungen vorgetragen werden, bestechen sie durch eine Brillanz des Ausdrucks, der die Zuhörer an den europäischen Königshöfen begeisterte und Zeitgenossen wie Bach und Telemann dazu inspirierte, die rekonstruierte Flöte als ein zu variablem und tiefem Ausdruck fähiges Instrument zu behandeln.

Mary Oleskiewicz

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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