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8.555109 - BAX: Sinfonietta / Overture, Elegy and Rondo
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Arnold Bax (1883-1953)

Arnold Bax (1883-1953)

Sinfonietta · Ouvertüre, Elegie und Rondo

 

Arnold Bax wurde im November 1883 in einem südlichen Vorort Londons geboren. Im Alter von zwölf Jahren bezog er mit seinen Eltern den von weitläufigen Gartenanlagen umsäumten Landsitz ‚Ivy Bank’ im nördlichen Stadtteil Hampstead. In dieser vornehmen, geschützten Umgebung wuchs er zusammen mit seinem Bruder auf. Um ihre Entwicklung kümmerte sich vor allem die Mutter; sie war sechzehn Jahre jünger als ihr Ehemann. Arnolds Bruder Clifford machte sich in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen einen Namen als Schriftsteller und Dramatiker.

 

Die Brüder brauchten für ihren eigenen Lebensunterhalt nicht zu sorgen und konnten bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ihren künstlerischen Ambitionen ohne Einschränkungen nachgehen – es war eine Zeit, die Arnold als den ‚Elfenbeinturm meiner Jugend’ bezeichnen sollte. Nicht nur nahm er alles in sich auf, was damals neu in der Musik war – Strauss, Debussy, Rimski-Korsakow und Skrjabin – sondern er ließ sich auch gänzlich von der künstlerischen Rage hinreißen, die Djagilew mit seinen Ballets russes erzeugte, die 1911 zum ersten Mal in London auftraten.

 

Die reale Welt sollte Bax schließlich aber doch einholen: Er hatte eine große Leidenschaft für alles Irische entwickelt, sodass er auf den Dubliner Osteraufstand vom April 1916 mit einer ‚schmerzlichen Gefühlsintensität’ reagierte, denn unter denen, die sich britischen Truppen gegenüber sahen, waren persönliche Freunde. Den Ersten Weltkriegs erlebte er zwar nicht als Soldat, aber eine Reihe persönlicher Probleme sorgte dafür, dass sich sein Leben vollkommen änderte – vor allem durch seine Leidenschaft zu der jungen Pianisten Harriet Cohen, für die er seine Frau, die er 1911 geheiratet hatte, und seine Kinder verließ.

 

Nach 1918 kam endlich die Gelegenheit, sich in der Musikszene mit der großen Anzahl von Kompositionen, die er während des Krieges vollendet hatte,

zu etablieren, und bald galt Bax als einer der führenden britischen Komponisten seiner Zeit – ein Ruf, den er 1922 mit seiner Ersten Sinfonie unterstreichen sollte. Im Laufe der 1920er Jahre begann sich das Tempo seines Aufstiegs zu verlangsamen, was jedoch von seinen Bewunderern nicht unmittelbar wahrgenommen wurde.

 

Gegen Ende der 1920er und zu Beginn der Dreißigerjahre entwickelte Bax seinen ganz persönlichen Stil; in dieser Zeit schrieb er eine Reihe von Werken, wie die Northern Ballads, die bereits auf seine späteren Sinfonien hinweisen, für deren Bekanntheit er jedoch damals keine besonderen Anstrengungen unternahm. Erst in jüngerer Zeit hat man sich auf ihren Wert besonnen. Beide hier eingespielte, beim heutigen Publikum kaum bekannte Werke könnte man als ‚Sinfonietta’ bezeichnen, und jedes ist auf seine ganz individuelle Art ein Hörerlebnis.

 

Bax’ letzte Sinfonie, seine Siebente, stammt aus den Jahren 1938-39. Sie war seine letzte bedeutende Arbeit, denn während seiner letzten Lebensjahre komponierte er nur noch wenig, obwohl er mit zwei Filmmusiken, Malta GC und Oliver Twist, von sich reden machte. So interessant diese Soundtracks auch sind: es ist nicht die Musik, an der sich ein Komponist wie Arnold Bax messen lässt, denn erst durch die weite Verbreitung seiner vielen Orchesterwerke (insgesamt 84 seiner Partituren verlangen das Orchester) können wir ihn heute als die bedeutende und individuelle Persönlichkeit anerkennen, die er – zumindest für die britische Musik – ist.

 

Seine aus drei Abschnitten bestehende, einsätzige Sinfonietta komponierte Bax 1932; er nannte sie ‚Symphonic Phantasy’. Sie landete jedoch in der Schublade und wurde nicht aufgeführt. Später bezeichnete er das Werk als Sinfonietta, und unter diesem Titel erscheint es auch in seinem Werkkatalog. Die einzige Aufführung vor dieser Einspielung fand im Rahmen der von der BBC veranstalteten Reihe zum einhundertsten Geburtstag des Komponisten statt. Obwohl dem Anspruch nach mit seinen Sinfonien nicht vergleichbar, besitzt diese Musik einen ganz eigenen Charakter, in dem sich die meisten seiner typischen Merkmale wiederfinden. Mit der Vielfalt und Farbigkeit ihrer orchestralen Faktur entführt diese Musik den Hörer unmittelbar in eine Welt der sich plötzlich ändernden Stimmungen. Das Eröffnungsthema des pausenlos durchkomponierten Stücks ist eine Art Motto, das im mittleren Abschnitt zurückkehrt, während die darauf folgende, schnelle und dramatische Passage bereits die Keime der Ideen enthält, die im Schlussteil zum Tragen kommen. Wie im Rondo des anderen hier eingespielten Werks reflektiert dieser letzte Abschnitt das andere Ende von Bax’ emotionalem Spektrum und lässt die eher düsteren und nachdenklichen früheren Teile im scharfen Relief erscheinen, obwohl die Musik auch hier gelegentlich einen brütenden Gestus annimmt. Alles ändert sich jedoch in der schnellen, Gaily (fröhlich) überschriebenen Passage, bevor eine triumphale Klimax die Sinfonietta beschließt.

 

Das Orchesterwerk Overture, Elegy and Rondo entstand im Sommer 1927, es fällt also in die Zeit zwischen der Zweiten Sinfonie, den Northern Ballads und der Dritten Sinfonie. Bax widmete das Werk seinem Freund Eugene Goossens; die Uraufführung dirigierte Sir Henry Wood im Oktober 1929. Die Komposition erschien 1938 im Druck, aber der Vorrat an Partituren wurde durch ein Feuer im Verlagshaus vernichtet, sodass es nie zu einer weiten Verbreitung kam. Die eröffnende Overture ist gelegentlich als separates Werk aufgeführt worden; in keiner anderen Komposition kommt Bax dem seinerzeit modischen Neoklassizismus so nahe wie im ersten Thema. Nach eigener Aussage wollte er mit dieser Eröffnungspassage ein Konzert des sechzehnten Jahrhunderts suggerieren; der lange, träumerische Mittelabschnitt ist hingegen typisch für Bax’ Stil. Die zentrale Elegy beginnt in einer Stimmung, die der Komponist als ‘ein wenig spektral’ beschrieb. Nach einem Höhepunkt folgt ruhige Musik, die ‚wie ein Wiegenlied’ gespielt werden soll.

 

Das extrovertierte Finale bedient sich des bei britischen Komponisten des leichteren klassischen Genres, z.B. Albert Coates, beliebten Stils. Das lebhafte, zu Beginn von den Hörnern vorgestellte Thema erinnert an Bax’ Rhapsodic Ballad (1939) für Solocello, obwohl sich die Melodie in der Übertragung vom Orchester vergleichsweise stark verändert präsentiert.

 

Lewis Forman

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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